Andrea Maria Schenkel

Andrea Maria Schenkel: Tannöd

Den ersten Sommer nach Kriegsende verbrachte ich bei entfernten Verwandten auf dem Land.
In jenen Wochen erschien mir das Dorf als eine Insel des Friedens. Einer der letzten heil gebliebenen Orte nach dem großen Sturm, den wir soeben überstanden hatten.
Jahre später, das Leben hatte sich wieder normalisiert und jener Sommer war nur noch eine glückliche Erinnerung, las ich von eben jenem Dorf die Zeitung. Mein Dorf war zum „Morddorf“ geworden und die Tat ließ mir keine Ruhe mehr. Mit gemischten Gefühlen bin ich in das Dorf gefahren.
Die, die ich dort traf, wollten mir von dem Verbrechen erzählen. Reden mit einem Fremden und doch Vertrauten. Einem der nicht blieb, der zuhören und wieder gehen würde.

Johann Sterzer, 52 Jahre, Bauer von Obertannöd

Kurz vor dem Haus hat der Hauer schon auf uns gewartet. Wir sind alle gemeinsam rauf zum Hof. Ich habe gleich gesehen, dass das Türl zum Maschinenhäusl offen war.
Der Hauer, der kennt sich ja auf dem Hof aus, seit der Sache mit der Barbara. Ein- und ausgegangen ist der auf dem Hof.
„Durch das Häusl können wir in den Stadl rein. Von dort gibt’s eine Tür in den Stall und vom Stall geht’s rüber ins Haus“, hat er zu uns, dem Lois und mir, gesagt. Zum Hansl hat er gemeint, dass der lieber draußen bleiben soll. Uns war’s recht und so sind wir halt zu dritt ins Häusl rein. Da war wirklich eine kleine Tür. An der hinteren Wand im Häusl, die war aber von innen mit einem Haken versperrt. Ich wollt schon wieder raus und versuchen, ob’s keinen anderen Weg rein gibt, ins Haus.
Aber da hat mich der Hauer am Ärmel gepackt und gemeint: „Die Tür ist so schwach, die können wir schon eindrücken.“
Der Lois war einverstanden und so haben wir uns zu dritt gegen die Tür gestemmt. Nach einer Zeit hat es tatsächlich nachgegeben und wir sind rein in den Stadel. Drinnen war’s recht finster. Nur von einer offenen Tür an der linken Seite des Stadels kam ein bisschen Tageslicht in den Raum. Auf der rechten Seite war das Heu eingelagert und die übrigen Futtervorräte, an der hinteren Wand und auf der linken Seite lagen überall Strohhaufen. Richtig sehen konnten wir allerdings in dem düsteren Raum nicht. Mehr erahnen.
Das Brüllen der Tiere vom Stall herüber wurde immer stärker. „Da steht eine Kuh’“ Der Hauer hat sie als erster gesehen. Die Kuh stand mitten im Türstock. „Kommts weiter, kommts, die muss sich losgerissen haben.“
Der Hauer ist auf die Kuh zu, die in der Tür stand. Ich hatte mich noch gar nicht richtig an die Dunkelheit im Stadel gewöhnt. Unheimlich war mir, alleine zurückbleiben wollte ich darum auch nicht. Deshalb bin ich hinter dem Hauer. her. Dem Lois ging’s anscheinend genauso. Wie der jedoch hinter dem Hauer her will, kommt er ins Stolpern. Kann sich aber gerade noch fangen.
Ich wollte zum Lois schon sagen, er soll doch aufpassen, wo er hinläuft, da seh ich im Stroh einen Fuß.
Der Lois hat mich am Arm gepackt. Richtig festgeklammert hat er sich. Beide sind wir dagestanden und haben nur auf den Strohhaufen gestarrt. Keiner von uns, weder der Lois noch ich, hat sich gerührt. Einfach nur dagestanden sind wir. Mein Herz hat so geschlagen, dass ich glaubte, es springt mir gleich aus der Brust heraus. Der Boden unter meinen Füßen wollte mich nicht mehr tragen, so weich sind meine Knie geworden. Mit meiner ganzen Kraft hab ich mich am Lois festgehalten und er sich an mir.
Alles war so unfassbar, so unsäglich.
Wie der Hauer das Stroh beiseite geschoben hat. Wie er einen nach dem anderen vom Stroh befreit hat. Den Danner, die kleine Marianne, ihre Großmutter und ganz zuletzt auch noch die Barbara. Alle waren sie blutüberströmt, mir grauste so, ich konnte sie gar nicht richtig anschauen.
Alles um mich herum war grässlich. Wie in einem Albtraum. Wie wenn „die Trud“ auf dir sitzt und dir die Luft zum Schnaufen abdrückt. Raus wollte ich, nur noch weg von diesem Ort.

Auszug aus
Schenkel, Andrea Maria: Tannöd . – Hamburg : Edition Nautilus, 2006. – 125 S. ISBN 978-3-89401-479-7

mit freundlicher Genehmigung des Verlags
© 2006 by Edition Nautilus

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