Akshar - Stadtschreiber
Angela Krauß erlebt Chennai
In Zusammenarbeit mit der Sahitya Akademi, National Book Trust, Literaturhäuser, arte
Schriftstelleraustausch
23.06.-19.07.2006
Goethe-Institut Chennai
23.06.-19.07.2006
Goethe-Institut Chennai

Akshar ist eine Kollaborationsprojekt zwischen den sieben Deutschen Literaturhäusern in Berlin, Hamburg, Frankfurt/M., München, Köln, Stuttgart und Leipzig, und Indiens sechs Goethe-Instituten in Neu Delhi, Kalkutte, Bombay, Bangalore, Chennai, Puna und dem Goethe-Zentrum in Hyderabad.
Zu den institutionellen Partnern auf der indischen Seite zählen die Sahitya Akademi, die National Academy of Letters und dem National Book Trust, der für den indischen Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse verantwortlich ist.
Neben Programmpunkten wie Lesungen, Workshops, Podiumsdiskussionen und öffentlicher Vortrag in verschiedenen Städten, werden die Schriftsteller als Reisende in einer fremden Welt ihre Eindrücke und Erfahrungen beschreiben und auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen. Zusätzlich wurden Gespräche im ARTE-Forum und dem International Centre der Buchmesse angesetzt.
Porträt Angela Krauß
"Im Moment habe ich alle Versuche eingestellt, mir das Leben zu erklären." Dieser Satz aus der Erzählung Sommer auf dem Eis (1998) führt direkt hinein in die Erzählweise von Angela Krauß, die in ihrer Prosa das Reflektieren gegen die reine Beobachtung stellt, um zu sehen, ob das eine dem anderen standhält oder sich aus diesem Gegenspiel eine neue Form der Erkenntnis gewinnen lässt. In Sommer auf dem Eis sind es wenige Stunden, in der die Erzählerin an einem Sommernachmittag auf einer Decke im Grünen Gedanken und Leben vorüberziehen lässt. Sie kommt dabei zu der Einsicht, dass es keinerlei Notwendigkeit für die eigene Existenz gibt, doch kann sie dieses Gefühl ohne Schrecken wahrnehmen. "Vor einer Woche hätte mich dieser Gedanke endgültig in den Abgrund gestoßen. Jetzt flutete er durch meine Zellen wie reiner, eiskalter Brand von Himbeeren. Es war nicht notwendig, daß es mich gab."
Befinden sich die Protagonisten aus Angela Krauß' Erzählungen der letzten Jahre oft in dem Spannungsverhältnis der Nach-Wendezeit, so erscheinen die grundsätzlichen Fragen und Themen der Autorin auch schon in früheren Werken wie etwa der Erzählung Der Dienst (1990), für dessen ursprüngliche Fassung sie 1988 den Ingeborg Bachmann-Preis erhielt. Die Schilderung einer Vater-Tochter-Beziehung wird hier zum Anlass, über die Wahrnehmung von Zeit zu reflektieren.
In Angela Krauß' erster Erzählung nach der Wende Die Überfliegerin (1995) wird die genaue Beobachtung als Mittel eingesetzt, um einer allzu schnellen Anpassung an die Welt des Westens zu widerstehen. Zwar nutzt die Überfliegerin durchaus die neu erworbene Möglichkeit, Länder zu überfliegen, doch geht es ihr dabei nicht um eine Flucht aus der grauen Wirklichkeit, sondern um eine Möglichkeit, sich durch genaue Beobachtung selbst in der Fremde neu zu erfahren.
In der Erzählung Milliarden neuer Sterne (1999) erlebt die Erzählerin im letzten Monat des zwanzigsten Jahrhunderts ein Gefühl doppelbödiger Freiheit in der Weltstadt New York, die sich dem Leben in der Neu Kynitzsch genannten Heimat als Kontrast entgegenstellt. New York wird dabei erzählerisch zu einer "Essenz des Verlangens" kondensiert, eine geruchlose Fiktion, die mit verlockenden Angeboten nach ihr greift und sie bedrohlich lange in scheinbar ausgangslosen U-Bahn-Schächten festhält, wo die Erzählerin diese "Stadt der Zukunft" doch eigens aufsuchte, um sich einen zeitlichen Vorsprung für das beginnende neue Jahrtausand zu verschaffen.
Ob das Analysieren und Nachdenken dem Menschen aus dessen Einsamkeit heraushelfen kann oder ob das reine Betrachten eine Lösung bietet, wird auch in der Erzählung Weggeküßt (2002) thematisiert, in der unter anderem die Welt der Tiere eine Rolle spielt und neben der reflektierenden Erzählerin ein Briefträger erscheint, der alles zählt, was ihm begegnet, jedoch scheitert, als ihm das Nicht-Zählbare in Form eines Krähenschwarms entgegenfliegt.
Frank Witzel>









