Jugend

„Eine pragmatische Generation unter Druck“

Klaus Hurrelmann, Professor für Sozialwissenschaften an der Universität Bielefeld, ist einer der renommiertesten Jugendforscher in Deutschland. Er leitet das wissenschaftliche Team der Shell-Jugendstudie, die alle vier Jahre die Lebenssituation der 12- bis 25-Jährigen in Deutschland beleuchtet. Ein Gespräch über die Jugend 2006, die auf wachsende ökonomische Unsicherheit nicht mit Rebellion, sondern mit Anpassung und Rückzug in die Familie reagiert.

Herr Hurrelmann, wären Sie heute gerne noch einmal jung?

Das würde ich mir gut überlegen.

Warum?

Wer jung ist, hat die ganze Lebensperspektive noch vor sich. Das ist reizvoll. Aber Jungsein heißt auch, eine große Verantwortung für sich selbst zu haben. Wir leben in einer offenen Gesellschaft mit vielen unübersichtlichen Angeboten. Die Wahlmöglichkeiten sind schön, wenn man mit ihnen souverän umgehen kann. Für diejenigen, die daran scheitern, ist Jungsein sehr, sehr anstrengend und belastend.

69 Prozent der deutschen Jugendlichen haben Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren beziehungsweise keine adäquate Beschäftigung zu finden, berichtet die neue Shell Jugendstudie. Die Jugend ist viel pessimistischer als noch vor vier Jahren bei Ihrer letzten Studie.

Das liegt daran, dass sich die Lage am Lehrstellen- und Arbeitsmarkt weiter verschlechtert hat. Für die Ängste gibt es also ökonomische Gründe, die gar nicht zu leugnen sind. Viele ahnen, dass sie unter verschärften Bedingungen ihren Weg finden müssen. Dabei ist Bildung ein Schlüsselfaktor. 57 Prozent der Gymnasiasten, aber nur 38 Prozent der Hauptschüler blicken eher zuversichtlich in die Zukunft.

Welche Konsequenzen ziehen die Jugendlichen aus der wachsenden Zukunfts-Unsicherheit?

Gebildete Jugendliche nehmen meist eine pragmatische Haltung ein. Leistung, Sicherheit und Macht sind ihnen wichtig. Die Werte Fleiß und Ehrgeiz gewinnen an Bedeutung. Die Jugendlichen wollen nicht die Gesellschaft verändern, sondern konkrete Probleme in Angriff nehmen, die mit persönlichen Chancen verbunden sind. Leider gibt es auch eine Gruppe, die sich aufgibt und nicht mehr in die Zukunft investiert. Es sind überwiegend junge Männer ohne Schulabschluss, die das Gefühl haben, keinen Platz in der Gesellschaft zu bekommen.

In der Shell Jugendstudie bezeichnen Sie die Jugend 2006 als „pragmatische Generation unter Druck“. Wie gehen Jugendliche mit dem Druck um?

Schätzungsweise zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen sind schwer belastet. Der Druck sucht sich ein Ventil. Wer es nicht schafft, die Herausforderungen zu bewältigen, wird unter Umständen psychisch krank, greift zu Drogen oder wird gewalttätig. Im Osten Deutschlands äußern sich 57 Prozent der Jugendlichen unzufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie. Das ist ein Warnsignal. Aufgabe der Politik muss sein, der jungen Generation glaubwürdig entgegen zu treten und Räume zu schaffen, wo sie ihre Wünsche und Bedürfnisse artikulieren kann.

In Frankreich kam es Ende 2005 zu schweren Ausschreitungen benachteiligter Jugendlicher in den Vorstädten. Nacht für Nacht wurden Autos in Brand gesetzt. Ist Ähnliches in Deutschland zu erwarten?

Ganz so dramatisch ist die Lage noch nicht. Bei uns sind junge Migranten, von denen die Proteste in Frankreich überwiegend ausgingen, nicht ganz so stark benachteiligt, was Wohnungen und Arbeitsplätze angeht. Auch in der allgemeinen Jugendarbeitslosigkeit-Statistik liegt Deutschland im europäischen Vergleich noch im besseren Drittel. Dies erklärt, warum hier nicht Hunderttausende Schüler und Studenten auf die Straße gehen und gegen Arbeitsmarktreformen demonstrieren, wie es in Frankreich im März 2006 zu beobachten war.

Oder gibt es hier zu Lande einfach keine jungen Rebellen mehr? Sie haben die deutschen Jugendlichen einmal als „bequeme Demokraten“ bezeichnet.

Die deutschen Jugendlichen halten sich fern von Parlamenten und Parteien. Sie befürworten zwar demokratische Strukturen, wollen aber nicht in ihnen mitmachen. Durch unser in die Länge gestrecktes Ausbildungssystem haben wir in Deutschland eine besondere Form der Pazifizierung jugendlicher Aufbruchstimmungen. Wir könnten aber eine Rebellion sehr gut gebrauchen in dem Sinn, dass von den Jungen Unruhe ausgeht, Ungeduld. Sie müssen sich im öffentlichen Raum mehr Gehör verschaffen und die Lösung von Problemen – zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt – einfordern.

Warum bleibt Ihrer Meinung nach dieses Aufbegehren aus?

Das hat auch damit zu tun, dass der Spielraum, sich gegenüber der Elterngeneration abzusetzen, kleiner geworden ist. 90 Prozent der Jugendlichen verstehen sich gut mit ihren Eltern. Im Alter von 18 bis 21 Jahren leben drei Viertel noch zu Hause. 71 Prozent würden ihre Kinder genauso erziehen, wie ihre Eltern es getan haben. In ökonomisch unsicheren Zeiten gibt die Familie Sicherheit, sozialen Rückhalt und emotionale Unterstützung. Das ist zunächst einmal eine positive Leistung. Allerdings wird es kritisch, wenn es sich junge Menschen zu lange im „Hotel Mama“ bequem machen und die notwendige Ablösung vom Elternhaus blockiert wird.

In Deutschland haben 20 Prozent der Jugendlichen einen Migrationshintergrund. Wie sieht ihr Verhältnis zu den "deutschen" Jugendlichen aus? Gibt es Spannungen zwischen Jugendlichen, die aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, oder ist die Herkunft für die junge Generation kein Thema?

Die junge einheimische Bevölkerung hat sehr viel weniger Vorurteile gegenüber Migranten als die ältere - aber einige doch. So ist zum Beispiel gegenüber der letzten Shell Studie 2002 der Anteil derer, die sich gegen weitere Migrationen nach Deutschland aussprechen, spürbar angestiegen. Der Grund liegt eindeutig in der verschlechterten Ausbildungs- und Berufsperspektive. Damit ist auch klar, wo die politische Herausforderung liegt!

Politiker aller Parteien haben angesichts der drohenden Überalterung der Bevölkerung die Familie als großes Thema entdeckt. Wird diese Familien verbundene junge Generation wieder mehr Kinder in die Welt setzen?

Genau das Gegenteil ist der Fall! Zwar sind 72 Prozent der Überzeugung, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich zu leben. Doch wirtschaftliche Zwänge und Zukunftsangst halten viele vom Schritt zur Gründung einer eigenen Familie ab. Dabei spielt auch eine Rolle, dass Mädchen die Jungen in Sachen Bildung überholt haben. Die meisten jungen Frauen wünschen sich zwar Kinder, doch ihnen ist bewusst, dass Familie und beruflicher Erfolg schwer zu vereinbaren sind. Außerdem fehlt meist ein zur Arbeitsteilung bereiter Partner. Um die Jugend auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten, ist deshalb auch eine gezielte Jungenförderung notwendig, die ein flexibleres Bild des Mannes vermittelt.

Shell Jugendstudie 2006

Ganz gleich ob Forscher, Werbeindustrie oder interessierte Bürger – wer Näheres über die junge Generation in Deutschland erfahren will, kommt um die Shell Jugendstudie nicht herum. Bereits seit 1953 beauftragt der Mineralölkonzern alle vier Jahre unabhängige Wissenschaftler, die Lebenswelten und Einstellungen junger Menschen in Deutschland zu untersuchen. Das Forscherteam um den Sozialwissenschaftler Professor Klaus Hurrelmann befragte dazu Anfang 2006 mehr als 2.500 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren.
Die Jugend 2006 blickt nicht mehr so optimistisch in die Zukunft wie die Jugend 2002: 69 Prozent haben Angst vor Arbeitslosigkeit, vier Jahre zuvor waren es nur 55 Prozent. In als unsicher empfundenen Zeiten gewinnt die Familie an Bedeutung. Das Vertrauen in Politiker und die Bundesregierung bleibt weiterhin gering. Immerhin interessieren sich wieder 39 Prozent für Politik, 2002 waren es nur 34 Prozent – so wenig wie nie zuvor.
Einen Schwerpunkt der aktuellen Untersuchung bildet das Thema „Jugend in einer alternden Gesellschaft“. Dabei äußern die Jugendlichen großen Respekt vor den Leistungen der älteren Generation. “Man sieht eine Generation, die alle Erwartungen der Gesellschaft nach Verantwortung, Leistungsbereitschaft und Familiensinn erfüllt“, analysieren die Autoren der Studie. „Die vorgetragenen Wünsche nach besseren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Bildung, für Ausbildungs- und Jobchancen sowie für Familiengründung erscheinen in Relation dazu sehr moderat.“
Erstmals wurde auch die Einstellung junger Menschen zu Religion und Kirche genauer beleuchtet. Nur 30 Prozent glauben demnach an einen persönlichen Gott. Während in den neuen Ländern kaum Jugendliche einen Bezug zu Religion und Kirche haben, sind westdeutsche Jugendliche meist konfessionell gebunden. Sie basteln sich allerdings häufig aus religiösen und pseudo-religiösen Versatzstücken eine eigene „Religion light“ zusammen. Anders sieht es in der Gruppe der jugendlichen Migranten aus. Hier ist noch weitaus mehr „echte Religiösität“ zu finden – so glauben 52 Prozent an einen persönlichen Gott.
Hinsichtlich des weiteren Zuzugs von Migranten nach Deutschland dominiert bei der Mehrheit der Jugendlichen inzwischen eine ablehnende Haltung. 58 Prozent der Jugendlichen sprechen sich im Vergleich zu 46 Prozent im Jahr 2002 dafür aus, in Zukunft möglichst weniger Zuwanderer als bisher in Deutschland aufzunehmen. Diese reserviertere Position hat inzwischen alle Schichten erreicht. Mit 63 Prozent geben inzwischen zwei Drittel der ausländischen Staatsbürger im Vergleich zu 58 Prozent im Jahr 2002 an, „ab und an“ im Alltag wegen ihrer Nationalität diskriminiert zu werden.

Christina Sticht
arbeitet als Redakteurin und freie Journalistin in Hamburg und Hannover.
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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Oktober 2006

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