Klaus Kinold – der Architekt fotografiert Architektur

Architektur zu sehen, zu verstehen und über Bilder einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln ist die Aufgabe von Architekturfotografen. Viele verstehen sich dabei als Dienstleister des Architekten und nicht als Künstler. Klaus Kinold, der im Mai in München seinen 70. Geburtstag feierte, gehört zu jener Gruppe, die nicht nur selbst Architektur studiert haben, sondern es auch schaffen, genau das zu zeigen, worauf es den Architekten bei ihren Werken ankommt.
Herr Kinold, ein Statement, mit dem Sie und Ihre Haltung bei der Architekturfotografie stets in Verbindung gebracht werden, lautet: „Ich will Architektur zeigen, wie sie ist.“ Bedeutet das, man kann ein Gebäude tatsächlich „objektiv“ fotografieren?
Es gibt keine objektive Fotografie. Architekturfotografie ist aber eine Dienstleistung und wenn man Architektur immer selbst erleben könnte, bräuchte man sie nicht zu fotografieren. Natürlich kann man seine persönliche Handschrift nicht ganz eliminieren. Ich möchte aber eigentlich das Gebäude mit den Augen des Architekten vorstellen und nicht meine eigenen künstlerischen Ambitionen in den Vordergrund stellen. Das heißt nicht, dass man nicht ab und zu, wenn man seine Pflicht erfüllt hat, auch etwas Kür macht. Aber nicht so anfangen, dass man sich Standpunkte sucht, die noch niemand eingenommen hat, mit riesiger Leiter oder Kranwagen. Das ist nicht Sache der Architekturfotografie. Ich versuche, neutral zu bleiben. Das Wichtige in der Architekturfotografie ist die Architektur vor der Kamera und nicht der Fotograf hinter der Kamera. Er ist nur ein Vermittler. In der Musik gibt es etwas Ähnliches. Man kann nicht einfach die Noten ignorieren und spielen, was man will. Selbstverständlich gibt es unterschiedliche Interpretationen.
Sie haben bei Egon Eiermann (1904–1970), einem der bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegsmoderne, in Karlsruhe Architektur studiert, waren aber nach dem Studium nie als planender Architekt tätig, sondern haben sich sofort als Architekturfotograf selbstständig gemacht. Glaubten Sie, vielleicht kein guter Architekt zu werden?
Es kann sein, dass ich den Mut nicht hatte. Ich habe mich immer nach den extrem Guten ausgerichtet. Eiermann und Aalto (Anm. d. Red.: Alvar Aalto, finnischer Architekt, 1898–1976) waren meine große Liebe. Mir war klar, dass dort kein Weg hinführt. Aber ich war auch ein begeisterter Hobbyfotograf. Als Studenten waren wir auf einer Exkursion nach Ägypten, da habe ich mit meiner Rollei, die meine Eltern mir als Kind geschenkt hatten, Fotos gemacht. Die Bilder wurden später von der Hochschule für ein Portfolio zu Eiermanns 60. Geburtstag verwendet.
Daraufhin kam jemand vom Lehrstuhl und fragte, ob ich nicht die Fotoarbeiten am Lehrstuhl machen könnte. Die hatten eine Linhof und eine Leica mit Repro-Ausrüstung. Dadurch konnte ich die Ausrüstung auch am Wochenende nutzen und habe für Eiermann und seine Assistenten fotografiert. So ist das eigentlich entstanden.
„Wenn man Architektur immer selbst erleben könnte, bräuchte man sie nicht fotografieren.“
Welche Rolle spielte Eiermann bei Ihrer Entscheidung, Architekturfotograf zu werden?
Ich habe von ihm viel gelernt, weil wir über meine ersten Fotos gesprochen haben. Er hatte eine ganz bestimmte Vorstellung, möglichst orthogonal zu fotografieren und auf Achsen zu gehen. Ich habe nie wieder jemanden erlebt, der Fotos so analysiert und auch in meine Fotos richtig hineingezeichnet hat. Und das, obwohl ich ihn nie selber habe fotografieren sehen.
Hat sich Ihre fotografische Handschrift im Laufe der Zeit verändert? Sie haben anfangs nur in Schwarz-Weiß gearbeitet.
Die Bilder vom Olivetti-Gebäude von Eiermann sind die ersten Bilder, die ich als Auftragsarbeiten gemacht habe. Ich würde sie heute nicht anders fotografieren. Früher habe ich Farbe nur auf Dia gemacht, aber eigentlich nie ausgestellt. Nicht, weil ich generell etwas gegen Farbe habe. Aber die Schwarz-Weiß-Fotografie ist abstrakter und zwingt den Betrachter, sich mehr mit dem Bild zu beschäftigen und sich in das Bild hinein zu denken. Der eigentliche Grund jedoch ist, dass die Fachzeitschriften früher nur schwarz-weiß publiziert haben. Die Farbe kam erst später.
Welche Rolle spielt das Licht in Ihren Bildern?
Ich warte das natürliche Licht ab und benutze das Licht, das der Architekt mir anbietet. Ich arbeite immer mit dem vorhandenen Licht. Künstliches Licht setze ich nur unterstützend und diffus ein, und dann so, dass es keine Schatten wirft. Ich arbeite natürlich auch mit diffusem Licht, besonders in der Schwarzweiß-Fotografie. Gute Architektur ist auch bei Regen gut, warum soll ich sie also nicht auch bei Regen fotografieren?
Der erst kürzlich verstorbene amerikanische Fotograf Julius Shulman hat einmal gesagt, er versuche, ein Gebäude „ins rechte Licht“ zu versetzen, weil sich der Architekt ja auch viele Gedanken über ein Bauwerk gemacht hat. Widerspricht diese Haltung Ihrer Auffassung?
Nein. Mein Ziel ist auch, dass jemand ein Foto sieht und sagt: „Tolle Architektur“ und nicht „Ein tolles Foto“. Shulman hat sehr viel inszeniert in seinen Bildern. Das kann man machen. Das ist auch O.K..
Wie beurteilen Sie die Qualität der zeitgenössischen Architekturfotografie in den Medien?
Sie wird immer beliebiger. Ich mag andere aber nicht gerne kritisieren. Meine Vorbilder in der Architekturfotografie sind die 1920er- und 1930er-Jahre. Da die Medien aber nach immer mehr Originalität schreien, damit sie sich von anderen Medien absetzen, müssen das die Fotografen auch. Die müssen dann mehr Sensation herauskitzeln, die gar nicht drin ist. Wenn Architektur gut ist, muss ich sie nicht übersteigern und muss sie nicht inszenieren. Nehmen Sie die Architektur von Louis Kahn. Die ist monumental. Ich muss aber nicht hingehen und sie noch monumentaler fotografieren.
Klaus Kinold wurde 1939 in Essen geboren.
1962–1968 Studium der Architektur bei Egon Eiermann in Karlsruhe
1968 Eröffnung eines eigenen Ateliers für Architekturfotografie
1987–1996 Lehrauftrag für Fotografie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
Lebt in München
Bücher über oder mit Klaus Kinold
Ulrich Weisner (Hg.): Ich will Architektur zeigen, wie sie ist. Richter Verlag (Düsseldorf 1993)
Klaus Kinold: Der Architekt photographiert Architektur, Architekturmuseum der TU München (München 2009)
Bauherr Kirche – Der Architekt Karljosef Schattner. Mit Fotografien von Klaus Kinold, hrsg. von Wolfgang Jean Stock und Walter Zahner, Deutscher Kunstverlag (München/Berlin 2009)
Karljosef Schattner: Architektur. Fotos von Klaus Kinold, Birkhäuser (Basel 2003)
hat Architektur studiert und arbeitet als Architekturfotograf und Journalist.
www.architektur-und-medien.de
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de









