Goethe-Institut Inhalt zurück weiter

Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen:
Lernen, lehren, beurteilen
Kapitel 3   Gemeinsame Referenzniveaus

3.1 Kriterien für Deskriptoren der Referenzniveaus

Eins der Ziele des Referenzrahmens ist es, allen beteiligten Partnern bei der Beschreibung der Kompetenzniveaus zu helfen, die gemäß den Standards ihrer Tests und Prüfungen erwartet werden. Dies soll den Vergleich zwischen verschiedenen Qualifikationssystemen erleichtern. Zu diesem Zweck sind ein Beschreibungssystem und die Gemeinsamen Referenzniveaus entwickelt worden. Beide gemeinsam stellen ein Begriffsraster zur Verfügung, das die Benutzer der Beschreibung ihres eigenen Systems zu Grunde legen können. Idealerweise sollte eine Skala von Referenzniveaus in einem gemeinsamen Referenzrahmen die folgenden vier Kriterien erfüllen. Zwei davon beziehen sich auf Fragen der Beschreibung, und zwei weitere beziehen sich auf Messverfahren.

Fragen der Beschreibung
  • Eine gemeinsame Referenzskala sollte kontextfrei sein, um Raum zu lassen für generalisierbare Ergebnisse aus verschiedenen spezifischen Kontexten. Das heißt, dass eine gemeinsame Skala beispielsweise nicht zuerst speziell für Schulen entwickelt und dann in der Erwachsenenbildung benutzt werden sollte oder umgekehrt. Dennoch müssen die Deskriptoren in einem gemeinsamen Referenzrahmen kontextrelevant sein, also auf alle nur denkbaren relevanten Kontexte bezogen und in sie übersetzt werden können; sie müssen für die Funktionen geeignet sein, die sie dort übernehmen sollen. Die Beschreibungskategorien dafür, was Lernende in unterschiedlichen Verwendungskontexten tun, müssen folglich immer auch auf andere Gruppen aus der Gesamtpopulation von Verwendern zu beziehen sein.

  • Die Beschreibung muss auch auf Theorien der Sprachkompetenz basieren. Dies ist nur schwer zu erreichen, weil die verfügbaren Theorien und Forschungen nicht als Basis für eine solche Beschreibung ausreichen. Dennoch müssen sowohl die Kategorisierung als auch die Beschreibung theoretisch fundiert sein. Hinzu kommt noch, dass die Beschreibung trotz ihres Theoriebezugs benutzerfreundlich bleiben - also auch Praktikern zugänglich sein muss. Sie sollte nämlich alle Benutzer ermutigen, intensiver darüber nachzudenken, was 'Kompetenz' in ihrem Kontext bedeutet.

Fragen der Messverfahren
  • Der Ort auf der Skala, an dem bestimmte Aktivitäten und Kompetenzen in einem gemeinsamen Referenzrahmen angesiedelt werden, sollte im Rahmen einer Theorie der Messverfahren objektiv festgesetzt werden. Dies hilft, Fehler bei der Systematisierung zu vermeiden, die dadurch entstehen, dass man wissenschaftlich nicht fundierte Konventionen und 'Daumenregeln' von Autoren oder Praktikern anwendet oder solche aus existierenden Skalen übernimmt.

  • Die Anzahl der Niveaus, die man einführt, sollte geeignet sein, in verschiedenen Bereichen Fortschritte zu erfassen. Sie sollte aber in keinem Kontext die Zahl überschreiten, bei der Menschen noch hinreichend konsistente Unterscheidungen treffen können. Dies kann bedeuten, dass man für bestimmte Dimensionen auf einer Skala unterschiedlich große Stufen benutzt bzw. ein zweischichtiges Modell mit breiteren (gemeinsamen, konventionellen) und mit engeren (lokal anwendbaren, didaktischen) Niveaustufen.

Diese Kriterien sind sehr schwer zu erfüllen, aber sie sind ein nützlicher Orientierungswert. Sie können in der Tat nur durch eine Kombination intuitiver, qualitativer und quantitativer Methoden eingelöst werden. Dies steht im Gegensatz zu den ausschließlich intuitiven Methoden, mit deren Hilfe man Sprachkompetenzskalen üblicherweise entwickelt. Das intuitive Formulieren von Niveaustufen durch Autorenteams mag für die Entwicklung von Systemen in bestimmten Kontexten vielleicht hinreichend sein, es hat aber seine Grenzen, wenn es um die Entwicklung einer gemeinsamen Referenzskala geht. Die größte Schwäche intuitiver Verfahren besteht darin, dass die Platzierung einer Formulierung auf der Skala subjektiv erfolgt. Weiterhin ist es möglich, dass Benutzer aus unterschiedlichen Bildungssektoren vernünftigerweise verschiedene Auffassungen davon haben können, was ihre Lernenden benötigen. Eine Skala wie auch ein Test besitzen Validität in Bezug auf die Kontexte, in denen sie sich bewährt haben. Validierung - und das schließt auch quantitative Analysen ein - ist ein permanenter und theoretisch unendlicher Prozess. Das methodische Verfahren zur Entwicklung der gemeinsamen Referenzniveaus und der Beispieldeskriptoren ist deshalb sehr streng gewesen: Es wurde eine systematische Kombination von intuitiven, qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden benutzt. Zunächst wurden bereits existierende Skalen mit Bezug auf die Beschreibungskategorien im Referenzrahmen analysiert. Dann wurde dieses Material in einer intuitiven Phase bearbeitet; es wurden neue Deskriptoren formuliert und die ganze Sammlung wurde von Experten diskutiert. Danach wurden verschiedene qualitative Methoden benutzt um zu überprüfen, dass Lehrende mit den ausgewählten Beschreibungskategorien etwas anfangen konnten und dass die Deskriptoren wirklich diejenigen Kategorien beschrieben, die sie beschreiben sollten. Schließlich wurden die besten Deskriptoren aus dieser Sammlung mit Hilfe quantitativer Methoden skaliert. Die Richtigkeit der Skalierung ist seitdem in vielen Folgeuntersuchungen überprüft worden.

Technische Probleme in Bezug auf die Entwicklung und Skalierung der Deskriptoren für Sprachkompetenz werden in den Anhängen erörtert. Anhang A gibt eine Einführung in Skalen und Skalierung sowie in Verfahren, die bei deren Entwicklung benutzt werden können. Anhang B gibt einen kurzen Überblick über das Projekt des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF), in dessen Rahmen die Gemeinsamen Referenzniveaus und die Beispieldeskriptoren entwickelt wurden; dies geschah in einem Projekt, das verschiedene Sektoren des Bildungswesens erfasste. Die Anhänge C und D geben eine Einführung in zwei europäische Projekte, die dann ähnliche Methoden benutzen, um Deskriptoren in Bezug auf junge Erwachsene zu entwickeln und zu validieren. In Anhang C wird das DIALANG-Projekt beschrieben; als Teil eines umfassenderen Beurteilungsinstruments hat DIALANG Deskriptoren aus dem Gemeinsamen Referenzrahmen für die Selbstbeurteilung erweitert und adaptiert. In Anhang D wird das 'Can ...do'-Projekt der ALTE (Association of Language Testers in Europe) beschrieben. In diesem Projekt ist eine große Sammlung von Deskriptoren entwickelt und validiert worden, die ebenfalls auf den Gemeinsamen Referenzrahmen bezogen werden können. Diese Deskriptoren vervollständigen diejenigen des Referenzrahmens, weil sie mit Bezug auf die Lebensbereiche (die Domänen) von Erwachsenen organisiert sind.

Die Projekte, die in den Anhängen beschrieben werden, zeigen einen hohen Grad an Gemeinsamkeit in Bezug sowohl auf die Gemeinsamen Referenzniveaus selbst als auch in Bezug auf die in den Beispieldeskriptoren den verschiedenen Niveaus zugeordneten Inhalte. Das bedeutet, dass es bereits eine wachsende Zahl an Nachweisen dafür gibt, dass die oben umrissenen Kriterien zumindest teilweise erfüllt werden.

 
Goethe-Institut Inhalt zurück weiter