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Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen:
Lernen, lehren, beurteilen
Kapitel 3   Gemeinsame Referenzniveaus

3.4 Beispieldeskriptoren

Die drei Tabellen, mit deren Hilfe wir die Gemeinsamen Referenzniveaus vorgestellt haben, sind als eine Zusammenfassung von Deskriptoren aus einer Datenbank entstanden; diese wurden in dem in Anhang B beschriebenen Forschungsprojekt für den Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen entwickelt und validiert. Die Formulierungen wurden mit Hilfe statistischer Verfahren skaliert und den Niveaus zugeordnet, indem untersucht wurde, wie sie bei der Beurteilung einer großen Anzahl von Lernenden verwendet und interpretiert worden waren.

Um die Übersicht zu erleichtern, sind die Skalen mit Deskriptoren den entsprechenden Kategorien des Beschreibungssystems in Kapitel 4 und 5 zugeordnet. Die Deskriptoren beziehen sich auf die drei folgenden übergeordneten Kategorien in diesem Beschreibungssystem:

Kommunikative Aktivitäten
Für die Bereiche 'Rezeption', 'Interaktion' und 'Produktion' werden 'Kann'-Beschreibungen aufgeführt. Dabei sind bei einigen Unterkategorien nicht alle Stufen abgedeckt, weil man manche Aktivitäten nicht ausführen kann, bevor man ein bestimmtes Kompetenzniveau erreicht hat. Andere Kategorien hingegen sind auf höheren Niveaus kein Lernziel mehr.

Strategien
Für einige der Strategien, die man bei der Ausführung kommunikativer Aktivitäten einsetzt, werden Kann-Beschreibungen aufgeführt. Strategien werden als Gelenkstellen zwischen den Ressourcen der Lernenden (Kompetenzen) und dem, was sie mit ihnen tun können (kommunikative Aktivitäten) betrachtet. In den Abschnitten in Kapitel 4, die sich mit Interaktions- und mit Produktionsstrategien befassen, werden folgende Strategiegruppen beschrieben: (a) Planung von Handlungen, (b) Ressourcen sinnvoll gewichtet einsetzen und Defizite bei der Ausführung von Aktivitäten kompensieren, (c) Kontrolle (monitoring) der Ergebnisse und - wenn nötig - Reparaturhandlungen.

Kommunikative Sprachkompetenzen
Für Aspekte der linguistischen, der pragmatischen und der soziolinguistischen Kompetenz werden skalierte Deskriptoren aufgeführt. Gewisse Aspekte der Kompetenz scheinen sich aber anscheinend nicht auf allen Referenzniveaus definieren zu lassen; Unterscheidungen werden folglich nur dort getroffen, wo sie sinnvoll sind.

Diese Deskriptoren müssen holistisch bleiben, um einen Überblick zu ermöglichen; detaillierte Listen von Mikrofunktionen, grammatischen Formen und Wortschatz werden in den Lernzielbeschreibungen für einzelne Sprachen präsentiert (z. B. im Threshold Level 1990 oder in der Kontaktschwelle). Eine genaue Analyse sprachlicher Funktionen und allgemeiner und spezifischer Notionen, die bei der Ausführung der in den Skalen beschriebenen kommunikativen Aufgaben benötigt werden, sowie deren Skalierung könnte allerdings Bestandteil der Entwicklung neuer Lernzielbeschreibungen sein. Auch allgemeine Kompetenzen (z. B. Weltwissen, kognitive Fähigkeiten), die implizit Bestandteil eines solchen Moduls sind, könnten auf ähnliche Weise aufgelistet werden.

Die Deskriptoren, die dem Text in den Kapiteln 4 und 5 zugeordnet werden, zeichnen sich durch folgende Eigenschaften aus:

  • Für ihre Formulierung wurden die Erfahrungen vieler Institutionen genutzt, die auf dem Gebiet der Definition von Kompetenzniveaus tätig sind.
  • Sie sind gemeinsam mit der Entwicklung des in den Kapiteln 4 und 5 dargestellten Modells entwickelt worden, und zwar in Wechselwirkung zwischen (a) der theoretischen Arbeit der Autorengruppe, (b) einer Analyse bereits existierender Sprachkompetenzskalen und (c) praxisorientierten Workshops mit Lehrenden. Das System deckt zwar nicht alle in den Kapiteln 4 und 5 dargestellten Kategorien vollständig ab, vermittelt aber doch einen Eindruck davon, wie so ein System von Deskriptoren aussehen könnte, das alle Aspekte abdeckt.
  • Die Deskriptoren sind dem System Gemeinsamer Referenzniveaus zugeordnet: A1 (Breakthrough), A2 (Waystage), B1 (Threshold), B2 (Vantage), C1 (Effective Operational Proficiency) und C2 (Mastery).
  • Die Deskriptoren erfüllen die in Anhang A umrissenen Kriterien für effektive Kompetenzbeschreibungen: Sie sind kurz, klar und transparent sowie positiv formuliert; sie beschreiben etwas Bestimmtes und sind unabhängig, d.h. sie können für sich alleine stehen und ohne Bezug auf die Formulierungen in anderen Deskriptoren verstanden und interpretiert werden.
  • Die Deskriptoren wurden von Gruppen muttersprachlicher wie nichtmuttersprachlicher Lehrender aus verschiedenen Bildungssektoren und mit sehr unterschiedlicher Sprachkenntnis und Lehrerfahrung als 'transparent', 'nützlich' und 'relevant' beurteilt. Lehrende können offensichtlich die Sammlung von Deskriptoren gut verstehen, die gemeinsam mit ihnen in Workshops aus einem anfänglichen Bestand von einigen Tausend Beispielen verfeinert wurde.
  • Die Deskriptoren sind relevant für die Beschreibung der tatsächlichen Lernerfolge auf der Sekundarstufe (I und II), im berufsbildenden Bereich und in der Erwachsenenbildung; sie können deshalb auch realistische Lernziele darstellen.
  • Sie sind (mit den angegebenen Ausnahmen) auf einer gemeinsamen Skala 'objektiv kalibriert'. Das bedeutet, dass der Ort der allermeisten Deskriptoren auf der Skala dadurch bestimmt wurde, wie sie bei der Beurteilung der Leistungen von Lernenden verwendet wurden, also nicht nur auf der Grundlage der Meinung ihrer Autoren.
  • Sie stellen eine Sammlung von genau beschriebenen kriterienbezogenen Aussagen zum Kontinuum der fremdsprachlichen Kompetenz dar; man kann sie flexibel benutzen, um kriteriumsorientierte Beurteilungen zu entwickeln. Sie können auf jedes lokale System bezogen werden; man kann sie auch auf der Basis lokaler Erfahrungen erweitern und/oder dazu benutzen, neue Systeme von Lernzielen zu entwickeln.
Das System als ganzes ist zwar nicht allumfassend und ist auch nur in einem einzigen (wenngleich mehrsprachigen und viele Sektoren umfassenden) Kontext des Sprachenlernens in Unterrichtssituationen skaliert worden. Das System ist jedoch

  • flexibel. Die gleiche Sammlung von Deskriptoren kann - wie hier - in dem System breiter 'konventioneller Niveaustufen' organisiert werden, die auf dem Symposium in Rüschlikon bestimmt wurden und wie sie im DIALANG-Projekt der Europäischen Kommission (vgl. Anhang C) und ebenso von ALTE (der Association of Language Testers in Europe) benutzt werden (vgl. Anhang D). Die Deskriptoren können aber auch als enger gefasste 'didaktische Niveaus' dargestellt werden.
  • kohärent, was seinen Inhalt anbetrifft. Es hat sich herausgestellt, dass ähnliche oder identische Elemente, die in verschiedenen Deskriptoren enthalten sind, auch sehr ähnliche Skalenwerte haben. Diese Skalenwerte bestätigen auch weitgehend die ursprünglichen Intentionen der Autoren derjenigen Sprachkompetenzskalen, die als Quelle verwendet wurden. Sie stehen in kohärenter Beziehung zu den Inhalten der Lernzielkataloge des Europarats wie zu den Niveaustufen, die von DIALANG und ALTE vorgeschlagen werden.

 
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