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Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen:
Lernen, lehren, beurteilenKapitel 9 Beurteilen und Bewerten
9.3.13 Fremdbeurteilung / Selbstbeurteilung
Fremdbeurteilung: Lehrende oder Prüfende beurteilen.Selbstbeurteilung: Jemand beurteilt seine Kompetenz selbst.
Die Lernenden können bei vielen der oben skizzierten Beurteilungsverfahren mit einbezogen werden. Forschungsergebnisse zeigen, dass Selbstbeurteilung eine wirkungsvolle Ergänzung für Tests und die Beurteilung durch Lehrende sein kann, vorausgesetzt, es geht um keinen 'hohen Einsatz' (z. B. ob man die Zulassung zu einem Kurs erhält oder nicht). Die Genauigkeit der Selbstbeurteilung wird gesteigert, (a) wenn die Beurteilung sich auf klare Beschreibungen für Standards der Sprachkompetenz bezieht und/oder (b) wenn sich die Beurteilung auf eine konkrete Erfahrung bezieht. Diese Erfahrung kann auch eine Testaufgabe sein. Die Genauigkeit der Selbstbeurteilung kann wahrscheinlich auch dadurch erhöht werden, dass die Lernenden dafür trainiert werden. Die Korrelation einer solchen strukturierten Selbstbeurteilung mit Beurteilungen durch Lehrende und Tests kann genau so hoch sein wie die Korrelationen von Beurteilungen (Grad der Übereinstimmungsvalidität) durch verschiedene Lehrende, zwischen verschiedenen Tests sowie zwischen Lehrerbeurteilungen und Tests.
Die größte Bedeutung hat die Selbstbeurteilung aber als ein Instrument für die Motivation und für ein bewussteres Lernen: So kann sie den Lernenden helfen, ihre Stärken richtig einschätzen zu lernen, ihre Schwächen zu erkennen und ihr Lernen effektiver zu gestalten.
Die Benutzer des Referenzrahmens sollten bedenken und, soweit sinnvoll, angeben,
- welche der oben angegebenen Arten der Beurteilung und Prüfung
- von besonderer Bedeutung für die Bedürfnisse der Lernenden in ihrem jeweiligen System sind;
- der pädagogischen Kultur ihrer Umgebung am ehesten entsprechend und in ihr durchführbar sind;
- durch einen Rückkoppelungseffekt ('washback effect') ergiebiger sind für die Weiterbildung von Lehrenden;
- auf welche Art und Weise in ihrem jeweiligen System die Beurteilung von Leistung (schulorientiert; lernorientiert) und die Beurteilung von Sprachkompetenz (bezogen auf die reale Welt; ergebnisorien- tiert) ausbalanciert gehandhabt und ergänzt werden; in welchem Umfang neben Sprachkompetenz auch die Performanz beurteilt wird;
- in welchem Umfang Lernergebnisse in Bezug auf definierte Standards und Kriterien beurteilt werden (Kriteriumsorientierung) und in wieweit Noten und Bewertungen unter Bezug auf die Klasse, in der ein Lernender sich befindet, erteilt werden (Normorientierung, Bezugsgruppenorientierung);
- inwieweit Lehrende
- über die bestehenden Standards informiert werden (z. B. über gemeinsame Deskriptoren, Beispiele von Sprachproduktion);
- dazu angehalten werden, sich das Spektrum möglicher Bewertungsverfahren bewusst zu machen;
- in der Anwendung und Beurteilung dieser Verfahren geschult werden;
- in welchem Umfang es wünschenswert und machbar ist, einen integrierten Ansatz für (a) die kontinu- ierliche Beurteilung von Arbeiten innerhalb des Kurses und (b) die punktuelle Beurteilung in Bezug auf entsprechende Standards und Kriteriendefinitionen zu entwickeln;
- in welchem Umfang eine Selbstbeurteilung durch die Lernenden wünschenswert und machbar ist, und zwar unter Verwendung genau definierter Beschreibungen von Aufgaben und Aspekten der Sprach- kompetenz auf verschiedenen Niveaus und bei einer Operationalisierung der Deskriptoren z. B. für eine Beurteilung mehrerer Aufgaben;
- welche Relevanz die Spezifizierungen und Skalen des Referenzrahmens in ihrem Kontext haben, und wie sie ergänzt und verfeinert werden könnten.
Zwei Versionen von Bewertungsrastern für die Selbstbeurteilung und für Prüfende bzw. Korrektoren werden in Kapitel 3 in den Tabellen 2 und 3 vorgestellt. Der auffallendste Unterschied zwischen den beiden ist - abgesehen von der Formulierung 'Ich kann ...' oder 'Kann ...' -, dass Tabelle 2 sich auf kommunikative Aktivitäten konzentriert, Tabelle 3 hingegen auf generelle Aspekte der Kompetenz, die immer in der mündlichen Performanz sichtbar werden. Man kann sich jedoch leicht eine vereinfachte Form von Tabelle 3 für die Selbstbeurteilung vorstellen. Die Erfahrung zeigt, dass zumindest erwachsene Lernende in der Lage sind, solche qualitativen Aussagen über ihre eigene Kompetenz zu machen.