Eckhard
Freise, 56, ist der erste und bislang einzige Kandidat,
der in der Rateshow "Wer
wird Millionär?" alle Fragen richtig beantworten und
den Hauptgewinn mitnehmen konnte. Er ist Professor für
mittelalterliche Geschichte an der Uni Wuppertal und leidenschaftlicher
Schachspieler, wählt "seit zwanzig Jahren Grün"
und lebt in Münster. [Anm. d. Red.: Der Text stammt aus
dem Jahr 2000 - weitere
Hauptgewinner der Rateshow seitdem]
Herr
Freise, wer machte "Music For The Jilted Generation"?
a) The Who b) Depeche Mode c) Prodigy d) DJ Bobo?
Weiß ich nicht. Da erwischen Sie eine Bildungslücke. Ich weiß
es wirklich nicht, hätte aber jemanden gehabt, der es gewusst
hätte. Einen Freund aus Osnabrück, der kennt sich da aus. Schauen
Sie, man kann nicht alles wissen. Man muss auch nicht alles wissen.
Es
überrascht dennoch, dass Sie in Ihrer Millionenrunde sogar "Lieder,
die die Welt nicht braucht" den richtigen Interpreten zuordneten,
ein bahnbrechendes
Album aber nicht kennen.
Auch über die "Doofen"
wäre ich ja fast gestolpert.
Der Pop der Neunziger ist zu meinem Bedauern an mir vorübergegangen.
Glücklicherweise erinnerte ich mich daran, dass ich mal mit Fans
von 1860
München im Zug fuhr, die ständig grölten,
"ob
ich miefe oder stinke" - und ich sie irgendwann fragte,
was es damit eigentlich auf sich hat. 
Die korrekte
Antwort lautet übrigens: c) Prodigy...
Ach so? Ich hätte auf The
Who getippt.
...und
wir haben die Frage der neuesten Ausgabe von
Trivial Pursuit entnommen.
Sie wollen jetzt wissen, ob Prodigy
zum Bildungsgut gehören? Sagen wir, es gehört bestimmt zu einem
breiten Allgemeinwissen. Bildungsgut wird es, wenn man es irgendwann
als repräsentativ für eine Epoche oder wichtigen Teil einer ästhetischen
und inhaltlichen Neuerung einordnen kann. Also vermutlich lautet
die Antwort: Ja.
Woran merke
ich, dass ich gebildet bin?
Wenn Sie Wissen und Information in einen geordneten, logischen,
möglicherweise auch andere überzeugenden Zusammenhang stellen
können. Dazu ein Beispiel: Die Zeitschrift Tomorrow druckte unlängst
einige Millionenfragen, in einer davon ging es um Teppiche: unter
vier angebotenen Sorten war eine kein Perserteppich. Nun kenn
ich mich mit Teppichen überhaupt nicht aus, ich kaufe nur bei
Ikea,
dennoch kam ich auf die richtige Antwort. 
Aha?
Unter den Lösungsvorgaben waren die Begriffe "Isfahán", "Bakhtiari"
und "Kerman". Und die konnte ich alle mit Persien assoziieren. Isfáhan
ist dort eine der heiligen Stätten. Die Bakhtiari sind eine einflussreiche
schiitische Sekte, man erinnert sich auch an einen Ministerpräsidenten
unter Khomeini, der Bachtiar hieß. Und Kerman ist eine iranische Provinz,
da gibt es öfter Erdbeben, außerdem ist dort schon Alexander der Große
durchgezogen. Also: Man kann mit kulturellem, religiösem und politischem
Wissen diese Teppichfrage lösen.
In Ihrer
Millionenfrage ging es um den Begleiter von Sir Edmund Hillary bei der
ersten Everest-Besteigung.
Sherpa Tensing Norgay sollte man schon kennen. Aber auch hier
käme man mit Bildung weiter: Die anderen angeführten Namen entstammten
Kulturkreisen, die mit Bergsteigen nichts am Hut haben.
Sie
sind noch immer der Einzige, der es bei Günther
Jauch zum Millionär gebracht hat. Muss man
da vielleicht einfach so schlau sein wie Sie? [Anm.
d. Red.: Günther Jauch ist der Moderator der Sendung "Wer
wird Millionär?"]
Nicht unbedingt. Ich behaupte mal, dass von den 250000-Mark-Leuten
einige bis zur Million hätten vorstoßen können, sich aber nicht
getraut haben. Oder an Jauch gescheitert sind, indem sie ihre
Lösungsvarianten und Denkansätze offengelegt haben. Das regt ihn
nur dazu an, sich Gegenstrategien zu überlegen. Wissen Sie, ich
spiele seit vierzig Jahren Turnierschach. Wenn ich meinem Mitspieler
jedes mal die Varianten mitteilen würde, die ich im Kopf habe,
wäre ich schnell verratzt.
Ist
Schach ein guter Denksport?
Sie lernen vorausschauendes Denken, das Rechnen in Varianten,
das Abwägen verschiedener Möglichkeiten und Wege. Und genau so
kommen Sie auch im Leben weiter: Es geht nicht darum, die Antwort
auf jede Frage parat zu haben, es geht darum, den Weg zu finden,
der Sie dorthin führt.
Das klingt
gut - aber auch sehr theoretisch.
Aber nein. Auch Bildungspolitiker haben mittlerweile erkannt, dass in
der Schule zu viel blind
gepaukt wird, statt dass die richtigen Wegweiser gesetzt werden,
dass assoziatives Denken geschult wird, damit man diese Wegweiser richtig
interpretiert. Und diese Wegweiser sind nichts, was man zwischen zwei
Buchdeckel klemmt...
...
und "Bildung" draufschreibt, so wie
Dietrich Schwanitz?
Das ist der letzte verzweifelte Versuch, den alten, elitären Bildungskanon
aufrecht zu erhalten, der die ganze Populärkultur ablehnt.
Gibt es nun
einen Bildungskanon, also so etwas wie einen festen Katalog an Wissen,
das jeder haben sollte?
Bildung ist
ein zerklüftetes, ständig wachsendes Gebirge, in dem sich jeder seinen
eigenen Weg bahnt. Wenn Shakespeare da nicht vorkommt, macht das nichts. 
Sie
reden von Zlatko,
der wie Sie durch das Fernsehen Millionär geworden ist. Wo ist
der Unterschied zwischen Ihnen beiden?
Der ist evident. Ich könnte in seiner Welt existieren, zumindest theoretisch.
Er wäre in meiner hoffnungslos verloren. Außerdem: Ich reflektiere das,
was passiert. Ich durchschaue die Medienwelt, ich gehe da hin in dem
Wissen, dass es Fernsehen ist, ein Spiel, das auf eine gewisse Art funktioniert.
Zlatko ist Teil des Spiels, ohne zu wissen, dass es ein Spiel ist, geschweige
denn, wie es funktioniert.
Dass einer
wie Sie sich überhaupt mit Zlatko beschäftigt...
Warum soll das, was breite Bevölkerungsschichten umtreibt, unwichtig
sein?
Was ist mit
Fußball?
Fußball ist Kultur. Wer das leugnet, hat nichts begriffen. Große Fußballspiele
und ihre Protagonisten gehören zu unserem kulturellen Gedächtnis. Was
ist Ihr Lieblingsclub?
Bayern
München.
Sehen Sie, das so tragisch verlorene Europacup-Finale gegen Manchester
im Mai "99 in Barcelona hat im Bewusstsein der meisten Deutschen bereits
einen ähnlich gemeinschaftsstiftenden Rang wie der Kennedy-Mord für
die Amerikaner.
Barcelona?
Ich weiß nicht, wovon Sie reden.
Text:
Christian Seidl Photo: Dominik Asbach
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