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Die Miesmacher


Im Grunde meines Herzens, also tief in mir drin, so tief, dass es keiner ahnt und niemand sieht, so versteckt, dass selbst ich es manchmal vergesse, bin ich ein guter Mensch. Nett zu anderen, milde in der Beurteilung der Dinge, sanftmütig gegenüber den Dummen, Hässlichen und den Nichtskönnern. Einmal im Jahr bricht es aus mir heraus, dann mag ich die Menschen und sie mögen mich. Und Sonntag geht es los, am 1. Advent.

Denn: Ich bin ein irrer Fan von Weihnachten, finde alles toll, mache alles mit. In meiner Wohnung, in der ich ansonsten kein Gedöns und keinen Nippes dulde, habe ich in dieser Woche einen Adventskranz auf den Küchentisch gestellt - über meinem Schreibtisch hängt ein Adventskalender, nächste Woche kaufe ich mir einen niedlichen, kleinen Plastiktannenbaum. Im Supermarkt bekam ich kürzlich einen Tobsuchtsanfall, als man mir mitteilte, dass es keine Honigprinten mehr geben würde - von Dezember bis Januar ernähre ich mich aus Prinzip von nichts anderem. Doch selbst das kann mir die Stimmung nicht vermiesen. Das einzige, das mir die Stimmung vermiesen kann, sind: Professionelle Weihnachtsstimmungsmiesmacher - Menschen, die am liebsten auf den ganzen Dezember verzichten würden. 

Ach, es gibt so viele, und mit den meisten bin ich auch noch befreundet, sie sagen zu mir: "Ich fahre jetzt drei Wochen in den Urlaub, ich ertrage Deutschland nicht mehr." Sie sagen zu mir: "Das ist doch alles unerträglich aufgesetzt, diese Weihnachtsstimmung." Sie sagen zu mir: "Wie soll man in dieser Zeit Freude an Weihnachten haben?" Und sie fragen mich: "Wir schenken uns dieses Jahr aber nix, oder?" Und ob ich schenke - und zwar wahllos. Jeder kriegt was, ich selbst will nichts, ich habe bereits alles. Die anderen Dummsätze höre ich mir mit engelsgleicher Geduld an, dann beweise ich ihre Scheinheiligkeit. In Wirklichkeit ist Deutschland nämlich nur im Dezember zu ertragen, wenn es kalt ist und grau und die Menschen anständig angezogen sind. In Kaufhäusern ist das Personal höflich, zuvorkommend, es bemüht sich.
Die Innenstädte erstrahlen im Glanz der Vorfreunde, an den Ständen trinken manche Glühwein, andere Kinderpunsch. Und aufgesetzt - stimmt ja so auch nicht: Aufgesetzt ist die Verweigerung, das dämlich kindische "Da mach ich nicht mit, weil es mir zu doof ist"-Getue. Es ist unehrlich, weil es sich gegen etwas richtet, das keinem schadet. Und wer mir mit dem Kommerz-Konsum-Totschlagargument kommt, den nehme ich nicht ernst, auf den kann ich gut verzichten.

Und damit es alle wissen, die Verzichter und Verweigerer, die Miesmacher und Menschlichkeitsfeinde: Ich verzichte auf euch und eure Anti-Haltung und ich mache euer Spiel nicht mit: Ich gehe nicht aus, ich lese nichts, schreibe nichts, arbeite nichts. Ich rauche weniger und habe keine bösen Absichten. Während ihr so tut, als wäre nichts, treffe ich mich in der Nacht vor dem Heiligen Abend mit meinen Jungs, wir trinken Tee und essen Gebäck und reden über die Liebe. Am Heiligen Abend schmücke ich mit meiner Familie den Baum, gehe in die Kirche, singe "Oh, Du Fröhliche" in einer gewagten Eigeninterpretation. Die Feiertage verbringe ich mit Essen und Spazierengehen. Wenn ich an etwas denke, dann nur an Gutes. Wenn Schnee fällt, gehe ich mit dem Schlitten raus oder baue einen Schneemann. Im Fernsehen schaue ich mir jeden Weihnachtsfilm an; sehe ich einen Hund, will ich ihn streicheln.

Manchmal halte ich das alles selbst nicht aus, aber es gibt etwas, das gibt mir Kraft, denn ich weiß, es geht vorbei: Am Morgen nach dem 2. Weihnachtsfeiertag, wenn ich aufwache, finde ich alles zum Kotzen, beschissen. Und in diesem Jahr, das ist sicher, verzichte ich auf dieses verlogene, nichtsnutzige Silvester. Wie ich das hasse! 

Matthias Kalle

 

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