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Alles in Ordnung:

Leben mit dem Palm Pilot

Palm Pilot

Wer Ordnung in seinen Alltag bringt, meistert auch jede andere Aufgabe spielend. Ob ein Palm Pilot, das elektronische Filofax, dabei hilft? Ein Test.

Irgendwann muss die Katastrophe passieren, und der Lauf der Ereignisse entwickelt sich so: Du gehst in eine Telefonzelle, weißt eine Nummer nicht auswendig, holst dein Adressbuch aus der Tasche und wählst. Telefonierst kurz und legst wieder auf. Gehst raus aus der Zelle und rein in die U-Bahn. Fährst los. Entspannst dich. Und schließlich, ungefähr vier Stationen später, der Schock: Dein Adressbuch ist weg! Und damit praktisch alles! Die Pizzeria am Comer See! Der unauffindbare Buchladen in London! Die Geheimnummer von Uschi Glas! Dein Leben, dein Job, dein Studium, deine Vergangenheit, sie liegen in dieser Zelle. Du rast zurück, als könntest du das Schicksal noch aufhalten - aber zu spät. Dein Adressbuch liegt jetzt schon in einer Mülltonne. Allein. Es hat Angst und ist schmutzig und schreit ganz jämmerlich.

In diesem Moment wachst du auf. Neben dir liegt dein neuer Palm Pilot. Er steckt voll geballter Information. Du streichst über seine glatte, schlanke, mattglänzende Aluminium-Oberfläche. Du ziehst einen kleinen Plastikstift aus seinem Körper hervor und malst ihm ein großes G und ein großes L auf den Bildschirm, worauf er sofort den Namen "Glas, Uschi" anzeigt. Und eine streng geheime Nummer. Du rufst diese Nummer an, weckst Uschi Glas, wünschst ihr einen guten Morgen und sagst ihr, dass sie eigentlich ganz in Ordnung sei. Uschi freut sich wie Bolle. Gut gelaunt springst du aus dem Bett, hüpfst in die Dusche, pfeifst und denkst an Michael Graeter, das arme Schwein.

Wer ist dieser Michael Graeter? Das fragt der Leser zu Recht. Hätte Michael Graeter rechtzeitig einen Palm Pilot besessen, müsste man diese Frage nicht stellen. Er war mal, vor ungefähr zehn Jahren, ein sehr berühmter Klatschreporter. Damals hatte er nicht nur die Geheimnummer von Uschi Glas, sondern praktisch alle Geheimnummern der Welt. Sie standen in seinem dicken Filofax. Diesen Filofax ließ er eines Tages in einer Telefonzelle liegen. Und obwohl er dem ehrlichen Finder eine absurd hohe Belohnung versprach, hat er den Filofax niemals wiedergesehen. Mal ehrlich, Michael: Nachts, wenn du allein bist - hörst du dann die Geheimnummern schreien?

Palm-Pilot-Besitzer sind davor sicher. Weil sie mehr als nur ordentlich sind - sie sind organized. Auch du zeichnest nun stundenlang Hieroglyphen auf das Display, die dein Pilot sofort in Schriftzeichen übersetzt. Manchmal auch nicht sofort. Du überträgst sämtliche Leute, die du jemals kanntest, in deine neue Datenbank - und zwar komplett. Bei Uschi Glas reichte es bisher, dass du ihre Geheimnummer hattest. Jetzt nicht mehr. Jetzt recherchierst du ihre Büronummer. Ihr Bürofax. Ihre Handynummer. Ihr Heimfax. Ihre E-Mail-Adresse. Ihre Straße. Dann hast du die Straße, aber es fehlt noch die Postleitzahl. Du gehst ins Internet und wirfst eine Suchmaschine an, die dir die Postleitzahl ausspuckt. Du schließt den Pilot an deinen Computer an und drückst den so genannten Hot-Synch-Button. Es piept. All das braucht Zeit. Es braucht so viel Zeit, dass alles andere warten muss. Dein Schreibtisch sieht aus wie die Sau. Uschi ruft an, aber leider musst du es kurz machen.

Früher hattest du ein Adressbuch, um zu leben. Heute lebst du, um Adressen zu sammeln. Du machst praktisch nichts anderes mehr. Du kommst zu spät zu Terminen. Zum Beispiel zum Treffen mit Uschi. Du rennst in eine Telefonzelle, um sie anzurufen. Du weißt die Nummer nicht auswendig. Du zückst deinen Palm Pilot, telefonierst kurz, legst auf. Gehst raus aus der Zelle und rein in die U-Bahn. Fährst los. Entspannst dich. Und dann, ungefähr vier Stationen später, der Schock: Dein Pilot ist weg. Aber hier, genau hier, verändert sich der Lauf der Geschichte. Du fährst einfach weiter zum nächsten Elektronikmarkt. Du kaufst einen neuen Palm Pilot, gehst heim, schließt ihn an deinen Computer an und drückst wieder den Hot-Synch-Button. Der Palm Pilot lädt sich Uschis Geheimnummer wieder drauf. Und ihre Büronummer und ihr Bürofax und ihre Handynummer und ihr Heimfax und ihre E-Mail-Adresse und ihre Straße und ihre Postleitzahl. Und alle anderen Daten, die du jemals eingegeben hast. Es dauert ungefähr zwei Minuten. Zwei Stunden zu spät kommst du bei Uschi an. Sie ist sauer. Aber nur ein bisschen. Du sagst ihr, dass deine Vergesslichkeit dich gerade tausend Mark gekostet hat. "Was sind schon tausend Mark!", ruft Uschi fröhlich, und ihr beide lacht. Du erwähnst den Namen Michael Graeter, aber Uschi weiß gar nicht mehr, wer das ist.



Text:
Tobias Kniebe
(bei jetzt.de veröffentlicht im Jahr 1999)

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