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MORGEN TREFFE ICH MEINEN BRUDER

HIER ERZÄHLT HANNAH (20) AUS MÜNCHEN: "ZEHN JAHRE HABE ICH MEINEN BRUDER NICHT GESEHEN. TROTZDEM WAR ER IN MEINEM LEBEN IMMER WICHTIG. OB DAS SO BLEIBT, WEISS ICH MORGEN."

"Ich werde einfach aus dem Zug steigen - erkennen werde ich ihn. Da bin ich mir ganz sicher. Ohne eine Rose in der Hand, wie bei einem Blind Date. Und auch ohne ein Passfoto. Unser letztes Treffen ist zwar schon zehn Jahre her, aber seinen Bruder erkennt man. Das weiß ich einfach.
Wenn man mich fragt, ob ich Geschwister habe, sage ich ja, zwei Schwestern. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Sabine und Annette sind die ,echten' Töchter meiner Eltern. Meiner zweiten Eltern. Zu ihnen bin ich gekommen, als ich sechs war, kurz nachdem meine Mutter gestorben war. Seit ich denken kann, sind sie Mama und Papa, und Sabine, Annette und ich sind ihre Töchter. Natürlich habe ich auch Erinnerungen an meine richtige Mutter. Sie war, glaube ich, eine tolle Frau. Künstlerin, hat mal dies, mal das gemacht. Ich weiß noch, dass mein damaliges Kinderzimmer ganz bunt war, sogar die Decke hatte sie mit Sonnenblumen und Tieren bemalt, wunderschön. Warum sie gestorben ist, hat mir keiner genau gesagt. Aber da kam wohl alles Mögliche zusammen; sie hat Drogen genommen. Manchmal war sie auch tagelang müde und hat nur geweint. Und dann wieder war sie lustig, hat viel mit mir gemacht und mich auf Partys mitgeschleppt.
Mein Bruder ist sechs Jahre älter als ich. Er heißt Allen, nach dem Schriftsteller Allen Ginsberg. Als meine Mutter ihn bekam, war sie gerade in ihrer Beat- Generation-Phase. Warum ich Hannah heiße, weiß ich nicht. Vielleicht weil er vorwärts und rückwärts gelesen gleich ist, das wäre ihr zuzutrauen. Allen kam nach dem Tod meiner Mutter zu einer anderen Familie als ich. Mein Vater hat sich nicht um uns gekümmert. Er hat uns einfach im Stich gelassen und ein paar Jahre später wieder geheiratet und Kinder gekriegt. Verziehen habe ich ihm nicht, aber es ist mir egal. Er interessiert mich nicht mehr.
Als vor drei Monaten plötzlich die Postkarte von Allen in meinem Briefkasten lag, war ich ganz weg. ,Hallo Nana', hat er geschrieben, ,ich möchte dich wiedersehen.' Ich musste gar nicht weiterlesen, um zu wissen, von wem das war - Allen hat mich nur Nana genannt. Viel mehr stand nicht auf der Karte, nur noch seine Adresse in Frankfurt. An dem Tag bin ich nicht zur Arbeit gegangen, ich konnte einfach nicht. Ich habe mich auf mein Sofa gesetzt und die Karte angestarrt. Vor zehn Jahren haben wir uns das letzte
Mal gesehen: Da hatte uns mein erster Vater in einem Nostalgie-Flash für ein Wochenende eingeladen. Das war schrecklich, nur wegen Allen bin ich geblieben. Mein Vater als der große Familienpapa! Nicht auszuhalten. Seitdem habe ich keinen Kontakt zu Allen gehabt. Warum, verstehe ich selbst nicht genau. Aber ich hatte eine neue Familie und habe versucht, mein altes Leben zu vergessen. Habe den Realschulabschluss gemacht, eine Ausbildung zur Erzieherin angefangen, bin von zuhause ausgezogen, weil ich selbstständig sein wollte. Natürlich habe ich immer wieder an Allen gedacht, was er wohl macht in Frankfurt, und ob er noch die gleichen schwarzen Locken und Grübchen beim Lachen hat wie ich. Aber ich habe nie den Mut gehabt, mich bei ihm zu melden. Vielleicht auch aus Angst, dass er kein Interesse mehr an mir hat. Oder dass ich keinen Platz habe in seinem Leben. Oder dass er gar nicht so ist, wie ich ihn mir jetzt vorstelle. Es war immer ein bisschen wie ein kostbares Geheimnis - ein Bruder, von dem nur ich wusste. Mit dem ich verbunden bin, ohne etwas dafür tun zu müssen. An den ich denken konnte, wenn ich Ärger mit meinen Eltern hatte. Weil er mein Bruder ist.
Drei Wochen hat es gedauert, bis ich ihm zurückgeschrieben habe. Ich konnte mich nicht entscheiden: Sollte ich nur antworten, dass ich ihn auch treffen will? Oder ihm eine Kurzfassung meiner letzten zehn Jahre schreiben? Ich habe mich für die zweite Version entschieden. Wenig später kam dann die Kurzfassung seiner zehn Jahre. Dass er sich mit seiner neuen Familie überworfen hatte und mit 18 ausgezogen ist. Dass er jetzt Architektur studiert und in einer Kneipe jobbt. Dass er eine Freundin hat, die Lotte heißt und mir ähnlich ist. Und dass er mich sehen will.
Morgen ist es so weit. Die Fahrkarte nach Frankfurt, die Allen mir geschickt hat, trage ich in meinem Geldbeutel mit mir herum. Dauernd muss ich das alte Foto anschauen: Hannah mit sechs, ganz ohne Vorderzähne, Allen mit Topfhaarschnitt. Und frage mich, wie es sein wird, ob wir wie früher miteinander reden können. Ob ich bei ihm im Zimmer schlafe oder, wie eine Fremde, in einem Gästezimmer. Ob ich mich mit Lotte verstehe, und ob ich ihr wirklich ähnlich sehe. Ob wir über eine Zukunft reden werden, in der wir beide vorkommen. Ob wir uns öfter sehen, miteinander telefonieren, wenn es Probleme gibt. Und jetzt fühle ich mich einfach leer. Vielleicht ist das auch gut so. Dann hat das, was kommt, mehr Platz in mir."

PROTOKOLL: YVONNE BELOHLAVEK

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