![]() |
|
|
Alle Vorlesungen sind wichtig. Denkt man am Anfang. Später denkt man, alle Seminare seien wichtig. Noch später setzt man alles an das Erreichen der Scheine, des Vordiploms oder das Bestehen der Zwischenprüfung. Zuletzt versucht man nur noch, so schnell wie möglich mit dem Studium fertig zu werden. Das Abitur ist die schwierigste Prüfung im Leben. Nein, im Studium warten auch noch ein paar. Aber nie wieder wird eine Prüfung so schlimm wie die Führerscheinprüfung. Im ersten Semester muss man möglichst viele Scheine machen. Einige, ein paar, vielleicht zwei, maximal drei, das ist realistisch. Das erste Semester ist eine Phase der Eingewöhnung. Dazu zählt auch, möglichst oft mit neuen Bekannten in die Cafeteria
Ein kommentiertes Vorlesungsverzeichnis ist lebenswichtig. Stimmt. Da stehen nicht nur die Themen der Vorlesungen, Seminare und Kurse drin, sondern auch - am allerwichtigsten - die Anmeldungstermine. Wer bei der Einschreibung für ein Seminar zu spät kommt, den bestraft das Leben. Na ja. Ein nettes Lächeln beim Dozenten hat schon manchen Trödler auf die Teilnehmerlisten gebracht. Oder auch die hartnäckige Weigerung, das Seminar wieder zu verlassen. Dieses komische Überweisungsformular legt man erst mal zu den Akten. Nein! Die Rückmeldung ist fast das Wichtigste, und der Studentenwerks-Beitrag muss bezahlt sein. Sonst wird man exmatrikuliert. Und verbilligtes Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln geht dann nicht mehr. Die Uni ist ein Labyrinth. Und wie. Raumbezeichnungen, und seien sie noch so kryptisch, unbedingt aufschreiben. Sonst vergehen die ersten zwei Wochen mit verzweifelter Suche nach den Kursen. Das beste am Studium sind die Semesterferien. Die richtige Bezeichnung lautet vorlesungsfreie Zeit und meint, dass man weiterhin lernen soll. Allerdings: Wer jetzt nicht monatelang durch ferne Kontinente reist, tut es nimmermehr. Das Buch, das man am dringendsten braucht,
steht nie in der Bibliothek. Am besten lernt man im Lesesaal.
Die Sekretärin kann im Notfall deinen Kopf retten. Allerdings! Zum Beispiel dann, wenn sie die Macht hat, eine zwei Wochen verspätete Arbeit doch noch anzunehmen. Auch gegenüber Hausmeistern und Mitarbeitern der Prüfungsämter gilt die eherne Regel: Nett sein. Mit diesem Studienfach findest du nie einen Job! Sagen zum Beispiel deine Eltern. Der Witz ist nur, dass man das heute bei fast jedem Fach sagen kann. Wer Trends des Arbeitsmarkts erahnen will, kann böse danebenliegen. Also besser darauf verlassen, was einem wirklich Freude macht. Wer was werden will, geht jeden Tag an die Uni. Nein. Denn die, die was geworden sind, machen es auch nicht so. Orientiere dich an den Professoren, die sind auch nur Dienstag bis Donnerstag oder Montag bis Mittwoch da. Studenten müssen nicht pünktlich sein. Die Zeitangaben sollte man trotzdem kennen: c.t. heißt cum tempore und bedeutet, dass das Seminar oder die Vorlesung 15 Minuten später anfängt als angegeben. s.t. heißt sin tempore und bedeutet, dass die Veranstaltung so anfängt, wie es dasteht. Wenn nichts dabei steht, gilt das Gleiche. Bei Vorlesungen muss man unbedingt mitschreiben. Und zwar so deutlich, dass man es später auch noch lesen kann. Keinen der Zettel verlieren. Die Blätter abheften. Wem das alles zu viel ist, der freundet sich mit dem Trottel aus der ersten Reihe an, der immer so emsig kritzelt. Seminararbeiten sind eine Wissenschaft für sich. Es gibt Studenten, die zumindest eine daraus machen. Tatsache ist, dass man wissenschaftlich arbeiten soll und schreiben können muss. Genauso wenig wie man nur ein einziges Buch abschreiben darf, muss man aber auch nicht gleich fünfzig lesen. Das erste Referat ist immer das schlimmste. Meistens ja, zu totaler Panik besteht allerdings kein Grund. Schließlich ist jeder mal dran - und jeder ist froh, wenn es vorbei ist. Ein etwas blödes, albernes, aber nicht dummes Mittel gegen Nervositätsattacken: Stell dir einfach alle anderen nackt vor. Wer organisiert ist, kommt weiter.
Klar. Kluge Studenten haben zum Beispiel immer Ein-, Zwei- oder Fünfmarkstücke
für die Schließfächer dabei. Zum Wechseln findet sich grundsätzlich nie
jemand. Wer studiert, hat keine Zeit für einen Nebenjob. Für Mediziner mag das zutreffen. Bei Studien wie Politik oder Kunstgeschichte empfiehlt es sich sogar, nebenbei zu arbeiten. Am besten in dem Bereich, den man sich später als Beruf vorstellen könnte. Der Mensabesuch ist eine Mutprobe. Einmal muss man da gewesen sein. Wenn es schmeckt, was selten genug der Fall ist, hat man spätestens um halb drei wieder Hunger. Würden die Studenten besser zusammenhalten, könnten sie auch mehr erreichen. Tja. Möglicherweise. Man kann auch ganz leicht Fachschaften und Studentenorganisationen beitreten. Die sind etwas für engagierte Leute, die gerne viel reden und gerne viel zuhören, um dann alles noch mal zu bereden. Oft kommen auch gute Sachen dabei raus - die wahren Schwierigkeiten beginnen aber, wenn man irgendwann nicht mehr mitmachen will. Die Studienzeit ist die schönste Zeit im Leben. Solange sie dauert, will keiner diese Wahrheit für wahr halten. Fünf Jahre später allerdings zitiert man sie gerne. Mit feuchten Augen. Garantiert. Am Anfang kann man sich ganz schön allein fühlen. Wenn man fürs Studium in eine fremde Stadt gezogen ist - auf jeden Fall. Deshalb ruhig zu jedem Semesteranfangsfest gehen und fleißig Telefonnummern sammeln. Auch wenn die meisten ungewählt im Papierkorb landen. Je größer dein Netzwerk ist, desto höher die Chance, dass wenigstens einer deiner neuen Bekannten aufs schwarze Brett geschaut hat,
und dir sagt, dass Vorlesung des Professors wieder mal ausfällt. Oder dass einer, wenn du die Vorlesung verpasst hast, tatsächlich für dich mitgeschrieben hat. ANNE SIEMENS/ TINA KOWALL (Fotos: Stefan Ulrich. Sie sind nicht im Originalartikel enthalten) Zusätzliche Links zum Thema Studium in Deutschland
|