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VORHER / NACHHER
Nicole, 22, BWL-Studentin aus München war zu Gast in der
Vorher/Nachher-Show auf tm3.
Nicole,
eine Freundin hat dich vor ein paar Monaten in der Vorher/Nachher-Show
angemeldet, damit du mehr aus deinem Typ machst. Warst du nicht stinksauer?
Ich war schon etwas irritiert anfangs. Ich meine, es ist schon ein blödes
Gefühl, wenn deine Freundin im Fernsehen erzählt, dass man Probleme mit
Farbkombinationen habe und mal goldene Schuhe zum rosa Kostüm getragen
hätte. Aber dann dachte ich, sie hat ja recht, ich könnte wirklich mehr
aus mir machen. Und außerdem bekommt man da ein Outfit und einen Haarschnitt
umsonst.
Wie sieht denn
deine Freundin aus?
Natalie? Die sieht immer perfekt aus. Ohne tadellosen
Kajalstrich verlässt die das Haus nicht mal zum Semmelnholen.
Und wie sahst du
aus, vorher?
Na ja, normal. Lange mittelblonde Haare, keine Frisur,
selten geschminkt und egal angezogen. Im Fernsehen sah ich aber schlimmer
aus als sonst, vorher. Um den Unterschied zum Nachher drastischer zu machen,
wurde mein Gesicht vor der ganzen Verwandlung nur von unten in Nahaufnahmen
gefilmt, keine sehr schmeichelhafte Perspektive. Und sie haben mir eine
fiese
Fettcreme ins Gesicht geschmiert, damit ich vorher auch ganz besonders
schlimm aussehe.
Und wie sahst du
nachher aus?
Meine Haare waren kürzer, blondiert und zwei volle Stunden
in Form geföhnt; ich hatte schöne neue Kleider an und war perfekt im Sixties-Look
geschminkt. Der Vorher/Nachher-Effekt war schon da, da kann
man nichts sagen. Ich sah toll aus. Einen Abend lang.
Und danach?
Na ja, danach hatte ich ja keine professionelle Hilfe mehr. Das mit dem
Föhnen habe ich alleine nie wieder so hinbekommen wie der Friseur, obwohl
der in der Sendung gesagt hat: "Kein Thema, das ist kinderleicht,
die Nicole macht das jetzt jeden Morgen." Und ich habe
auch nicht den Nerv, mich vor der Uni morgens groß zu stylen .
Ich ziehe halt einfach was Bequemes an, das war's.
Aber schminken
kannst du dich jetzt perfekt.
Theoretisch weiß ich, was ich zu tun hätte: Nie das Unterlid betonen,
keine rötlichen Töne nehmen, mir stehen eher bräunliche und Grundierung schadet nicht.
Aber außer vor dem Ausgehen schminke ich mich eigentlich nie.
Willst du damit sagen, Nachher
ist wieder Vorher?
Irgendwie schon. Das heißt, nicht ganz: Wenn ich
Kleider kaufe, achte ich schon darauf, nicht gerade die langweiligsten
zu kaufen. Vor dem Ausgehen schminke ich mich wie gesagt mehr. Und was
der Friseur gesagt hat, werde ich auch beherzigen: Er meinte, lange Haare
passen nicht zu meiner schmalen Gesichtsform. Da wäre ich von alleine
nie drauf gekommen, aber es stimmt wahrscheinlich.
Das ist alles? Kein neuer
Mensch? Kein größeres Selbstbewusstsein?
Während der Sendung, mit den ganzen Kameras und Leuten, habe ich mich
schon super gefühlt. Aber das hat sich schnell wieder gelegt. Als ich
direkt nach der Aufzeichnung in
voller Montur bei meinem Freund eingelaufen bin, ist der fast
tot umgefallen. Und ganz bestimmt nicht aus Begeisterung - er ist einfach
um mich herumgeschlichen und hat immer wieder gesagt: "Du wirkst
recht fremd, Nicole, also ich weiß ja nicht." Ehrlich gesagt sah
es außerhalb des Fernsehstudios auch ein bisschen
überkandidelt
aus, so sixties-mäßig, mit Föhnwelle und weißem Pelzkragen.
Dein Leben also hat sich
durch die Vorher/Nachher-Show nicht verändert.
Nicht wirklich. Ich hatte eben einen peinlichen Fernsehauftritt und werde
öfter von wildfremden Menschen auf der Straße angesprochen. Mein Pech
war, dass tm3 genau vor Ausstrahlung meiner Sendung einen neuen Sendeplatz
bekommen hat und automatisch auf den vierten Programmplatz wanderte. Und
beim Durchzappen
scheinen eben wahnsinnig viele Leute ausgerechnet meine Sendung
gesehen zu haben. Neulich zum Beispiel stand ich ganz normal vor einer
Diskothek in der Schlange, da sagte ein Typ zu mir: "Du brauchst
nicht zu glauben, wir lassen dich vor, nur weil du im Fernsehen warst."
Ach, und noch etwas hat sich geändert: Wenn ich mich ganz normal anziehe,
so wie heute Pullover und Jeans, habe ich ein schlechtes Gewissen.
JOHANNA ADORJÁN
Text
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