Üben, üben, üben!
Musiker
erzählen sich folgenden Witz: "Fragt ein Passant einen anderen:
,Wie bitte geht's zur Philharmonie?' - Antwortet der: ,Üben, üben,
üben.'" aber wirklich lustig finden Musiker das nicht. Denn:
Üben ist oft eine Qual. Nicht nur für Profis, sondern für jeden
von uns. Ständig muss man Tonleitern spielen, das Gedächtnis trainieren
oder Vokabeln wiederholen. Ein Leben lang. Aber ohne Üben würde
ein Musiker nicht in der Philharmonie spielen. Ein Schauspieler
nicht auf der Bühne stehen, eine Polizistin nicht schießen dürfen,
ein Skispringer nicht fliegen können und ein Balletttänzer nicht
ins Theater kommen. Für einige Menschen ist das Üben sogar lebenswichtig.
Wir stellen sechs Experten des Übens vor.
MEHDI ÜBT SCHAUSPIELERN
Mehdi
Moinzadeh, 20, studiert an der Münchner
Falckenbergschule Schauspiel: "Beim Boxkampf
Tyson gegen Botha neulich musste ich an das Üben eines
Schauspielers denken. Tyson trainiert. Viel. Ich habe nicht viel
Ahnung vom Boxen, aber man sagt, er sei gar kein so besonderer Boxer.
Er hat gegen Botha nur einen Treffer gelandet, einmal genau im richtigen
Moment zugeschlagen, aber das war's dann auch: Tyson hat gewonnen.
Man kann Ausdauer trainieren, an sich arbeiten - aber genau in der
richtigen Sekunde zuzuschlagen, das kann man nicht üben. Und genauso
ist es bei einem Schauspieler: Man kann Text lernen, proben, die
Stimme trainieren. Aber auf der Bühne zu überzeugen, das kann man
nicht üben. Text lernen zum Beispiel fällt mir leicht. Aber immer
wieder dasselbe so zu sagen, dass es neu klingt, das muss man lernen.
Im Unterricht haben wir dazu einmal folgende Übung gemacht: Wir
mussten hundertmal hintereinander ,Hau ab, du Schwein!' schreien
- jedes Mal so wütend, als sei es das erste Mal. So etwas ist anstrengend,
aber Spaß macht es auch. Beim Spielen ist auch die Atmung wichtig.
Für eine Probe hatte ich mir zum Beispiel vorgenommen, an einer
bestimmten Stelle im Text vom Tisch zu fallen. Ich hatte mir das
toll ausgemalt: Die Muse würde mich küssen, ich würde fallen, meine
Lehrerin staunen. Dann stehe ich also auf diesem Tisch - und es
geht nicht. Ich konnte nicht fallen, es hätte nicht gepasst in diesem
Moment. Woran es lag? Ich hatte vergessen auszuatmen. Und wenn die
Atmung nicht fließt, spürt man ,den Impuls' nicht, wie Schauspiellehrer
es nennen. Man ist dann blockiert und merkt nicht, wann für etwas
der richtige Zeitpunkt ist. Das klingt jetzt wahrscheinlich irre
kompliziert - überhaupt denken ja viele, Schauspielerei sei etwas
Unerklärliches. Für mich ist es ganz einfach: Ein guter Schauspieler
ist jemand, der Menschen so darstellt, dass ihm das Publikum glaubt.
Das will ich gerne können - und wenn ich mein Leben lang dafür übe."
LISA ÜBT GEIGEN
Lisa
Batiaschwili, 19, studiert an der Hochschule
für Musik in München Geige: "In Georgien, wo ich
herkomme, nimmt man Musik sehr ernst: Entweder spielt man richtig
oder gar nicht. Und weil man sich für den Beruf Musiker schon als
Kind entscheiden muss - es dauert schließlich Jahre, bis man sein
Instrument beherrscht - musste ich schon mit vier Jahren wissen,
ob ich Geigerin werden will oder nicht: Ich wollte. Angefangen habe
ich als Zweijährige. Mein Vater ist Geiger und er war mein Lehrer,
bis ich zwölf war. Mit vier Jahren musste ich täglich eine Stunde
üben. Da gab's keine Diskussion. Wie gesagt, ich komme aus Georgien.
Irgendwann fing ich dann an, auch andere Interessen zu haben. Geübt
habe ich trotzdem. Ich hatte es schließlich so gewollt und ich wusste,
ich würde es wieder wollen. Heute übe ich drei, vier Stunden am
Tag. Kommt immer darauf an, wie lange ich mich konzentrieren kann.
Das ist nämlich das Wichtigste am Geige-Üben: Anders als beim Klavier
muss man auf der Geige jeden Ton selbst erzeugen. Es gibt keine
Taste, die man nur drücken muss. Und wenn man versehentlich dauernd
zu hoch oder zu tief spielt, könnte sich das Ohr an die falschen
Töne gewöhnen. Deshalb darf man nicht mechanisch üben - man muss
wach sein. Was gar nicht so leicht ist, schließlich spielt und hört
man ja immer wieder dasselbe Stück. Wenn ich mich beim Üben dabei
ertappe, an etwas anderes zu denken, höre ich auf. Um technisch
anspruchsvolle Dinge zu lernen, habe ich früher Etüden geübt. Das
sind Stücke, die nur aus Tonleitern, Lagenwechseln oder Trillern
bestehen. Inzwischen übe ich die schwierigen Stellen am Stück selbst.
Das macht mehr Spaß - das ist wie ein englisches Buch lesen, statt
nur Vokabeln zu lernen. Ich brauche immer ein Ziel, für das ich
üben kann. Also die Aussicht auf ein Konzert oder einen Wettbewerb.
Ohne Ziel bringt mir das Üben nichts. Mit 13 hatte ich ein Jahr
lang keine Konzerte, nichts, kein Ziel. Ich habe nur geübt, um zu
üben - und nichts gelernt dabei. Nach einem Konzert mache ich manchmal
Pause von der Geige. Eine Woche, höchstens. Aber nach spätestens
zwei Tagen merke ich eigentlich immer, dass mir etwas fehlt."
STEFANIE ÜBT SCHIESSEN
Stefanie
Haberl, 22, aus Königsbrunn macht eine Ausbildung zur Polizeibeamtin
im Mittleren
Dienst: "Wenn man zum ersten Mal eine geladene Waffe
in der Hand hat, ist das schon ein komisches Gefühl. Es knallt und
dann haut's einem die Hand hoch - Rückschlag nennt man das. Vorher
hatte uns ein Ausbilder schon an ungeladenen Waffen gezeigt, wie
man die Waffe richtig hält. Seitdem muss ich oft lachen, wenn ich
in Filmen jemanden schießen sehe: In echt würden die so niemals
treffen. Idealerweise sollte man eine Waffe mit beiden Händen halten
und einen Fuß schräg hinter dem anderen haben. In der Realität wird
dafür kaum Zeit sein. Man kann ja schlecht sagen: ,Warten Sie bitte
eine Sekunde - ich muss mich noch richtig hinstellen.' Deshalb üben
wir auch unter Zeitdruck zu schießen. Das Zielen und die ruhige
Hand - darauf kommt es an. Man darf nicht aus der Übung kommen.
Selbst erfahrene Polizisten haben deshalb noch Schießtraining. Im
Unterricht haben wir zuerst nur auf Zielscheiben geschossen. Wenn
man trifft, freut man sich. Das ist nicht anders als beim Dart-Spielen.
Später haben wir auch Rollenspiele gemacht: Man schießt auf Dias,
die auf eine Pappwand geworfen werden. Da hatte ich schon ein mulmiges
Gefühl: Auf den Dias sind Menschen zu sehen. Natürlich haben wir
im Unterricht auch die rechtlichen Grundlagen durchgenommen. Und
wir üben in Rollenspielen, wie man einen Konflikt anders lösen kann,
verbal zum Beispiel. Ich hoffe, dass ich nie in die Situation komme,
mich in Notwehr mit der Waffe verteidigen zu müssen. Aber können
muss man es doch."
LISA ÜBT ATMEN
Lisa
Camen, 16, Gymnasiastin aus München macht seit ihrem zweiten Lebensjahr
regelmäßig Atemübungen: sie leidet an der bislang unheilbaren Stoffwechselkrankheit
Mukoviszidose: "Jemand, der nicht weiß, dass ich krank bin,
wird es mir nicht anmerken. Ich huste und räuspere mich zwar öfter
als andere und mein Brustkorb ist ein bisschen breiter - aber sonst
gibt es keinen Unterschied zwischen mir und gesunden Sechzehnjährigen.
Äußerlich. In meinen Lungen jedoch ist immer Schleim, der die Bronchien
verstopft. Und wenn ich nicht jeden Tag bestimmte Atemübungen machen
und Medikamente nehmen würde - ich würde ersticken. Bei den Atemübungen
geht es darum, durch den Schleim hindurchzuatmen: Ich atme tief
ein und dann, so lange wie möglich, gegen einen Widerstand aus.
Man kann das mit einem Strohhalm machen - ich benutze meistens ein
gebogenes Röhrchen. Es hat ein Mundstück mit einer Klappe daran,
die man verstellen kann: Je weiter sie geschlossen ist, desto stärker
muss ich ausatmen. Und das ist wichtig. Erstens, weil sich sonst
mein Brustkorb überblähen würde - von alleine nämlich atme ich immer
viel mehr ein als aus. Und zweitens, um den Schleim in Richtung
Luftröhre zu transportieren, wo ich ihn dann aushusten kann. Einmal
die Woche gehe ich zu einer Atemtherapeutin, die kontrolliert, ob
ich alles richtig mache. Die Atemübungen mache ich nicht regelmäßig.
Ich mache sie in der Therapie. Manchmal im Unterricht oder im Bus,
merkt ja keiner. Als ich noch klein war, hatte ich oft eine Riesenwut
auf meine Krankheit. Ein paar Mal habe ich vor lauter Wut das Mundstück
kaputtgebissen. Mittlerweile aber können mir die Atemübungen sogar
richtig Spaß machen - wenn ich plötzlich merke, dass sie helfen
und dass ich freier atmen kann."
SEBASTIAN ÜBT TANZEN
Sebastian
Grundler, 20, studiert an der Heinz-Bosl-Stiftung
in München Ballett: "Ich weiß, es klingt blöd, so etwas mit
zwanzig zu sagen, aber: Je älter man wird, desto härter wird es
für einen Tänzer. Über Weihnachten zum Beispiel habe ich eine Woche
nicht trainiert - mein Körper hat mich sofort bestraft. Das Dehnen
hat danach viel mehr weh getan und Muskelkater hatte ich auch. Deshalb
mache ich nur selten längere Pausen. Wenn ich Schule habe, trainiere
ich sowieso täglich. Und in den Ferien versuche ich, mich alleine
in Form zu halten. Ich schaue dann im Spagat sitzend fern oder mache
Bauchmuskelübungen. Das ist ziemlich gut. Denn: Man merkt nicht,
wie anstrengend die Übungen sind, wenn man den Kopf woanders hat.
Im Training ist das anders: Da muss man absolut konzentriert sein.
Auch wenn neunzig Prozent des Trainings nur aus aufwärmen bestehen.
Das klingt ziemlich ermüdend, aber mir macht es Spaß. Natürlich
gibt es Tage, an denen ich keine Lust habe, aber eigentlich legt
sich das, sobald ich im Saal stehe. Als ich acht Jahre alt war,
kam meine Mutter auf die Idee, mich zum Ballett zu schicken. Meine
große Schwester hat Ballett gemacht, ich aber fand damals, das sei
nur etwas für Mädchen. Mit zwölf habe ich das dann anders gesehen.
Seither tanze ich. Ich habe viel aufgegeben dafür, eigentlich alles.
Das Training ist sehr zeitaufwändig, da bleibt kaum Zeit für Freunde
oder zum Ausgehen. Jeden Tag fangen wir darum an der Stange an.
Zuerst mit kleinen Bewegungen, zum Beispiel in die Knie gehen oder
die Füße am Boden bewegen. Dann werden die Bewegungen größer und
schneller. Nach einer halben Stunde verlässt man die Stange und
geht in die Mitte. Erst ganz zuletzt, wenn man richtig warm ist,
kommen die Sprünge dran. Wenn ich tagsüber viel gestanden habe,
kann es passieren, dass ich abends diesen typischen Watschelgang
eines Balletttänzers habe - aber nach spätestens fünf Minuten bin
ich wieder völlig normal."
GEORG ÜBT SKISPRINGEN
Georg
Späth, 17, aus
Oberstdorf war im vergangenen Jahr Deutscher Jugendmeister
im Skispringen: "Bei uns in Oberstdorf ist es nicht abwegig,
Skispringer zu werden. Wir haben hier ja die Vierschanzentournee,
das ist das größte Ereignis. Viele glauben, Skispringen könne man
nur im Winter. Klar, da passt es auch hin - mit Schnee sieht es
ja auch am besten aus. Aber wir trainieren das ganze Jahr über.
Im Sommer ist das Training vielleicht sogar am wichtigsten: Da schaffen
wir die sportlichen Grundlagen für die Wettkämpfe im Winter. Im
Sommer üben wir auf der Mattenschanze. Die muss man sich vorstellen
wie eine normale Sprungschanze im Freien - nur mit Matten statt
Schnee. Keine Matten, wie man sie aus dem Sportunterricht kennt,
sondern dünne Plastikstreifen. Ganz viele übereinander. Sieht aus
wie grüne Spagetti. Damit man da mit Skiern runterfahren kann, werden
die Matten mit einer Spritzanlage nassgemacht. Sechshundert Sprünge
mache ich alleine im Sommer. Aber Skispringen übt man auch im Kraftraum
oder in einer Turnhalle. Da macht man Konditionstraining, oder man
übt das Springen. Aus dem Stand - und der Trainer fängt einen dann
auf; oder mit einem kleinen Rollwägelchen. Vor Wettkämpfen trainiere
ich zweimal täglich, sonst einmal - auch wenn ich keine Lust habe.
Skispringen ist Leistungssport, ohne viel Training erreicht man
nichts. Was ich so toll finde am Skispringen, ist, dass es nicht
jeder macht. Dieses schwerelose Fliegen - das ist ein Gefühl, das
kennt kaum jemand. Wobei ich es auch nicht richtig beschreiben kann.
In der Luft bin ich nämlich damit beschäftigt, die Skier zu korrigieren
- da habe ich keine Zeit zu denken: Oh, was für ein schönes Gefühl!"
Text:
Johanna Adorjan
Heft Nr. 05 - 01.02.99
Fotos: Martin Fengel |