Lerner

 •  Wörterbücher

 •  Grammatik
 •  Lesestrategien

 Texte

 •  
Texte mit Aufgaben
 •  Texte zum Lesen
 •  Thematisch geordnet


 Extras

 •  Diskussionsforum
 •  Chat-Seite
 •  Schreibwerkstatt


 
   Menü      


Schulgeschichten

[schule, was dann?]

 

14.jpg

12 regeln für das haifischbecken

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern und Schüler, liebes Lehrerkollegium, sehr geehrter Herr Andersen: Um in diesem Haifischbecken zwischen Lehrerzimmer und Klassenraum erfolgreich zu überleben, ohne viel Aufwand zu betreiben, ist die Kenntnis der eigenen Persönlichkeitsstruktur und das Wissen um einige Grundregeln ein absolutes Muss. Nach neun Jahren am Christianeum bin ich zu folgenden Ergebnissen gekommen:

  1. Suche dir ein möglichst erfolgversprechendes und repräsentatives Hobby wie z.B. eine Band, eine Zeitung oder ein Schauspielprojekt. Wann immer dich die Lehrer mit ihren Forderungen belästigen, schaue genervt in den Himmel, murmele: "Wenn Sie wüssten, was ich für einen Stress hatte gestern Nacht bei der Bandprobe!" Gib den Lehrern so das Gefühl, sich für ihre profanen Forderungen wie Hausaufgaben schämen zu müssen. Das Hobby darf nicht imaginär sein, hin und wieder müssen Ergebnisse dieser Arbeit präsentiert werden.
  2. Erfinde ein langwieriges Leiden und/oder familiäre Probleme.
  3. Wähle einen der beiden Oberstufenkoordinatoren als Tutor. Sind dir regelmäßige Tutoren-Treffen zu anstrengend, mache mindestens einen von ihnen zu deinem besten Freund.
  4. Sorge für eine starke Lobby im Lehrerzimmer. Im Klartext: Verdirb es dir nicht mit allen Lehrern gleichzeitig.
  5. Bedingungsloses Schleimen wirkt sich oft negativ auf die Geberlaune der Lehrer aus. Das richtige Quantum an zickigen Frechheiten lässt kleine Nettigkeiten gleich viel ehrlicher wirken.
  6. Sorge dafür, dass Gruppengeschenke immer von dir übergeben werden.
  7. Du brauchst nicht immer zur Schule zu kommen. Viel wichtiger ist, auf dich aufmerksam zu machen, wenn du mal da bist.
  8. Ein Lächeln kostet nichts.
  9. Hole immer die Kreide und wische unaufgefordert die Tafel. Das macht zwar keinen Spaß, lässt dich aber gleich viel netter aussehen.
  10. Ein freiwilliges Referat wirkt Wunder: Es entbindet dich praktisch von allen weiteren Hausaufgaben und kann bei der Notenbesprechung intensiv ausgeweidet werden.
  11. Denk dran: Zehn Punkte sind fast immer drin. Schäme dich nicht, bei der Notenbesprechung zu brüllen, zu keifen oder in Tränen auszubrechen. Habe keine falsche Scham, die Leistungen deiner Mitschüler in den Dreck zu ziehen. Sätze wie "Wenn der-und-der mündlich zehn Punkte kriegt, habe ich ja wohl mindestens zwölf verdient" sind in Ordnung. Vielleicht trifft das nicht auf die ungeteilte Gegenliebe deiner Mitschüler, aber vergiss niemals: Die beruhigen sich schon wieder und wahre Freunde sehen über so etwas hinweg. Deine Note hingegen zählt im Abitur.
  12. Man kann nie genügend Elternteile im Elternrat haben.

Doch all diese Bemühungen sind völlig umsonst, ja geradezu katastrophal, wenn sie nicht mit dem erforderlichen Nachdruck vorgetragen werden. Es ist wichtig zu wissen, wie weit man gehen darf und wann man seine Forderungen einstellen muss. Beherrscht man die Fähigkeit des Punkte-Schnorrens in all seinen facettenreichen Möglichkeiten, dann ist das ein erfolgversprechender Einstieg in die Spaß- und Leistungsgesellschaft, in der wir leben.

Henriette Kurth, 21, Berlin

grosse freiheit?

Mittwoch, 28. April. Wir haben heute unsere Anmeldung zum Colloquium abgegeben und unsere Kursbögen, den Zeugnisersatz, bekommen. Ich bin nicht die Allerschlechteste, aber alle meine Freunde sind besser. Ich war nie auf gute Noten versessen, es ist halt einfach so gelaufen. Mein Bruder hat mir das vor der Zwölften noch prophezeit, dass ich sehr bald auch ein Rechenknecht sein würde, der um jeden einzelnen Punkt feilscht und kein anderes Thema mehr kennt. Wie recht er gehabt hat! Wen ich auch treffe aus der K13 - alle haben Angst, zu schlecht zu sein, sich den Schnitt zu versauen oder ihren Studienplatz nicht zu bekommen. Dabei ist es doch eigentlich so egal! Es ist Frühling, verdammt perfektes Wetter, um an den See zu fahren. Ich verstehe mich prächtig mit meinen Leuten. Und ich spiele an der Schauburg Theater - Juchuuu!!! Aber wir: Wir sitzen zu Hause, mit den Köpfen gebeugt über unseren Büchern und lernen den Zitronenzyklus und die modernen Gotteskritiker. Ach, das Reli-Abi. Davon kann ich allen nachfolgenden Schülergenerationen wirklich nur abraten, zumindest den Katholen. Es ist einfach zu irr, was man da auswendig lernen muss. Die meisten Begriffe, die die verwenden, existieren, glaube ich, gar nicht. Außerdem: Wen interessiert der Papst? Ich bin Generation Party, die Wurstgeneration, mich juckt es einfach nicht, was in der Welt um mich herum passiert.

Ich vermisse die Schule jetzt schon. Meine Stimmung schwankt von Tag zu Tag. Einmal denke ich, wenn ich schon so weit gekommen bin, muss es auch gut weiterlaufen. Und dann wieder: So wird das nie was. Abi, und was dann? Große Freiheit? Alle diese wichtigen Punkte: die zweite Fremdsprache (Französisch bei Frau Kammer-Ruf), Chemie (in der 12. meine erste Sechs); und die Klassenfahrt nach Israel, die wohl schönste Zeit meines Lebens; endlich selber mit dem Auto fahren, meine Unterschrift zählt. Inzwischen sehe ich das Ganze so: Ich beherrsche selbst die einfachsten französischen Sätze nicht mehr, was will ich mit dem blöden Chemiewissen, Benzin ist scheißteuer - und wenn du 18 bist und selbstverantwortlich, musst du dich um jeden Scheiß selbst kümmern. - Heute wieder nur drei Stunden. Eine Charakteristik geschrieben (von Nadine), vier Zigaretten geraucht (Lucky Strike), kaum was gelernt, in der Sonne gesessen und Panik bekommen, richtige Panik. Ich bin gegen die Abschaffung des 13. Schuljahres, weil ich die Entspanntheit der letzten zwei Jahre auf keinen Fall tauschen möchte gegen ein Jahr früher arbeiten gehen können. Aber es zieht sich, die Absitzerei von Wochentagen.

Julia Plajer, 18, Dachau



Text als RTF-Datei zum Herunterladen