Ich bin ein hoffnungsloser Zuspätkommer.
Ich gebe es zu. Ich fürchte auch, es wird sich niemals ändern. "Jammerlappen".
Das ist eine reine Persönlichkeitsschwäche. Steh früher auf, geh
zeitig los, versuch immer fünf Minuten früher da zu sein, Pünktlichkeit
ist eine Form von Höflichkeit..." Ja, ja, schon gut. Euch allen,
die mir immer wieder mit diesen Worten in den Ohren gelegen haben,
möchte ich heute erzählen, worum es bei uns Zuspätkommern wirklich
geht.
Um gleich mal damit zu beginnen: Dass wir zu spät kommen, liegt
nicht daran, dass wir zu spät aufstehen. Das sind die Nichtausdembettkommer.
Nichtausdembettkommer kommen jedoch in der Regel pünktlich. Ungeduscht,
mit knurrendem Magen und stinkendem Atem zwar, aber sie kommen pünktlich.
Wir Zuspätkommer haben hingegen kein Problem damit, zu welcher frühen
Morgenstund' auch immer, mit einem fröhlichen
Liedchen auf den Lippen aus dem Bett zu springen, wenn der Wecker
fiept. Auch die anderen morgendlichen Verrichtungen gehen uns mühelos
von der Hand. Unser Problem fängt eigentlich erst dann an, wenn
alles gemacht ist. Dann denkt man sich auf einmal: Hm, ich könnte
jetzt losfahren - aber dann komme ich ja viel zu früh... Also, noch
ein Brot, den Sportteil nochmal lesen... immer noch viel zu früh...
die Schuhe putzen, das Fahrrad aufpumpen... ich will doch nicht
auf den Lehrer warten... die Großmutter anrufen, den Habicht
füttern... immer noch locker zu schaffen... den Fußball bemalen,
mit dem Lötkolben
Löcher in den Käse bohren... und erst dann ist er endlich da, der
große Oh-nein-ich-werde-hoffnungslos-zu-spät-kommen-Kick.
Adrenalin und alles, was man sonst an körpereigenen Excitern zur
Verfügung hat, wird in großen Dosen ausgeschüttet. Ich schwinge
mich mit Anlauf auf mein Fahrrad, binde mir bei 50 km/h bergauf
die Schuhe zu, überhole einen Hell's
Angel und breche ihm dabei den Rückspiegel ab, fahre
durch eine Glasscheibe und bin schon einen Kilometer weiter, während
zwei Glaserlehrlinge immer noch hilflos auf das Radfahrerprofil
schauen, das soeben aus ihrer Klarglas-15mm-einbruchsicher-Scheibe
herausgestanzt wurde. Glaubt ihr im Ernst, ein langweiliger Pünktlichkommer
wäre jemals zu solchen Höchstleistungen fähig?
Doch das war erst das Vorspiel. Das große Wohlgefühl setzt
erst jetzt ein, wenn ich mich durchgeschwitzt, völlig entkräftet
und schwer verletzt um drei Minuten nach acht die Stufen zum Schuleingang
hochschleppe. Da ist einmal dieses überwältigende Bewusstsein, dass
noch kein Mensch der Erde diese Strecke jemals in 14,23 Minuten
bewältigt hat. Doch das Großartigste an diesem Moment ist
die Stille in den Hallen. Es ist keine gewöhnliche Stille. Es ist
eine Stille, bei der ich fühlen kann, dass sie vor ein paar Minuten
noch nicht existiert hat. Es ist eine Stille, bei der ich spüren
kann, dass sie eigens für mich gemacht wurde. So muss sich Karajan
gefühlt haben, wenn er den Taktstock hob, oder Robert
de Niro, wenn er zur Oscar-Rede ans Mikrofon trat. Auch
für mich steht nun ein großer Auftritt unmittelbar bevor. Doch ich
genieße noch ein paar Augenblicke, wie meine Schritte majestätisch
in den großen Wandelgängen wiederhallen und die schnarrenden
Stimmen der kleinen Beamten hinter den Türen so unwichtig und klein
erscheinen und ich weiß, dass ich der Herrscher über sie alle bin...
Versteht ihr nun? Wir Zuspätkommer müssen so handeln. Wir sind süchtig.
Ich weiß, ich ruiniere meinen Ruf, meine Gesundheit, meine Beziehungen
und meine Karriere. Doch was ist das schon gegen die Gefühle, die
ich gerade beschrieben habe. Und wenn auch der letzte Lehrer dieser
Welt mich vom Unterricht suspendiert - meine Zeit bleibt drei Minuten
nach acht. Ich weiß, ihr versteht das nicht.
Matthias Sachau, Berlin |