Die TV-Dokumentation
"Pop
2000" erzählt die 50-jährige Geschichte der Pop-
und Jugendkultur in der Bundesrepublik. Was lernen wir daraus?
Das
Nachrichtenmagazin Der Spiegel forschte vor zwei Monaten in einer
Titelgeschichte nach der sogenannten "Generation 99",
doch die Ermittlungen brachten wenig ein, man kam der Jugend einfach
nicht auf
die Schliche. Vielleicht hätte Der Spiegel mit dem Musikproduzenten
Dieter Bohlen reden sollen, so wie die Macher der zwölfteiligen
Fernsehserie "Pop 2000", die jetzt in
den dritten Programmen ausgestrahlt wird. Die Serie hat
sich das Ziel gesetzt, die "erste umfassende Dokumentation
der Geschichte deutscher Popmusik" auf den Bildschirm zu bringen,
und Bohlen, der dem verblüfften Zuschauer als ehemaliger Kommunist
und Krautrocker vorgestellt wird, sagt über Jugendkultur in Deutschland:
"Die Leute denken ja sowieso immer, dass man bei dem, was man
macht, unheimlich viel denkt. Das ist eine Illusion, da muss ich
alle enttäuschen."
Die Serie "Pop 2000", in der der Systemkritiker Bohlen
diesen Satz sagt, ist chronologisch aufgebaut, sie beginnt bei den Rockern und Halbstarken der 50er Jahre und endet 1999
bei den
Fanta 4, bei Wolfgang
Petry und Rammstein.
Dazwischen gab es die Beatbewegung,
die Studentenbewegung,
den Krautrock,
Disco, und Punk. Dann kamen die Friedensbewegung, die Popper
und die
Neue Deutsche Welle. Zuletzt Techno,
Grunge,
Viva und deutscher HipHop. Jede Ära hat in "Pop
2000" ihre eigene Folge und in Interviews dürfen die Helden
der jeweiligen Zeit mit verklärtem Blick zurückschauen.
Udo Lindenberg sagt über die 70er Jahre: "Man hat
mal bei den Sekten geguckt. Das war ganz interessant." Nena
erinnert sich an die Neue Deutsche Welle: "Man konnte alles
machen, es war alles egal." So gilt für jede einzelne Jugendkultur
und jedes Pop-Phänomen so ziemlich das gleiche: dass man vor allem
"eine tolle Zeit" hatte. Da der jeweilige Star als "Zeitzeuge"
aus seinen goldenen Tagen berichtet, gibt es wenig distanzierte
Kommentare, kaum eine Auseinandersetzung. Wer alle Folgen von "Pop
2000" ansieht, muss glauben, dass die Geschichte der Jugendkultur
in Deutschland auch sehr einfach und sehr schnell erzählt werden
könnte: Jung zu sein ist demnach nie einfach gewesen, machte aber
immer Spaß. Es ist sogar völlig egal, in welchem Jahrzehnt man aufwächst.
Man bekommt Pickel, verliebt sich, rebelliert gegen die Alten und
weiß nicht, was die Zukunft bringt. Das einzige, was sich verändert
hat, ist die Musik, die man hört und die Kleidung, die man trägt.
Doch kann es das schon gewesen sein?
Auch das Land, in dem man lebt, hat sich verändert: Die deutsche
Geschichte seit 1949 wird in "Pop 2000" anschaulich erzählt,
den Geschichtsunterricht scheint die Serie also ernst zunehmen,
die Popkultur selbst aber offenbar weniger. Aufwendig recherchiert
wurde "Pop 2000", die Archivaufnahmen von Konzerten und
Fernsehshows sind sehenswert, die Serie zeigt vielleicht sehr genau,
was Jugendliche anhatten, was sie hörten und wie sie redeten, aber
die fehlende Frage nach dem Warum und den Wirkungen bestimmter Bewegungen
kann durch Bilder und O-Töne
nicht ersetzt werden. Jugend wird eher als ein Zustand beschrieben,
der Moden und bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgt und irgendwann
- zum Glück - vorbeigeht. Alles in allem heißt das, dass sich in
den letzten fünfzig Jahren höchstens die Symptome der Krankheit
Jugend verändert haben. Und weil krank sein nicht so schön ist,
bekommen Jugendliche von den Erwachsenen Zugeständnisse: Sie dürfen
rebellisch sein, aber in Grenzen, sie dürfen konsumieren, sie dürfen
etwas Krach machen. Dafür müssen sie manchmal aber auch zuschauen,
wenn sich Erwachsene wie
Dieter Bohlen über Jugendliche Gedanken machen. |