Lerner

 •  Wörterbücher

 •  Grammatik
 •  Lesestrategien

 Texte

 •  
Texte mit Aufgaben
 •  Texte zum Lesen
 •  Thematisch geordnet


 Extras

 •  Diskussionsforum
 •  Chat-Seite
 •  Schreibwerkstatt


 
   Menü      


Der absolute Gewinner



Jan Eißfeldt, 24, ist Rapper bei den Absoluten Beginnern und hatte gerade als Jan Delay, seinem Pseudonym, einen Hit mit "Irgendwie, irgendwo, irgendwann". In diesem Jahr wird auch noch eine Reggae-Platte von Jan Delay erscheinen, außerdem ein Instrumental-Album des Projekts La Boom, hinter dem ebenfalls Eißfeldt steckt. Macht ihm HipHop etwa keinen Spaß mehr?

Jan, was ist passiert? Das Interview sollte doch eigentlich schon vor zwei Stunden stattfinden.
Ich versetze Journalisten aus Prinzip, schließlich bin ich Popstar und darf mich deshalb so aufführen. (lacht) Ne, Quatsch. Tut mir auch leid, aber ich war gestern noch aus. In einem Club, wo unser Beginner-DJ Mad aufgelegt hat. Es ist einfach etwas später geworden. Im Bett war ich dann so irgendwann um...

Gutes Stichwort: "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" ist wirklich gut. Aber das Stück auf der B-Seite ist viel besser.
(schaut skeptisch) Echt? Findest du? Warum?

Reden wir doch mal über B-Seiten.
Ne, lieber nicht.

Wieso nicht? Das ist doch ein Loblied auf die oft vergessene Rückseite der Maxi.
Schon, aber da kenne ich mich selbst überhaupt nicht aus. Weißt du, ich bin ein sehr gemütlicher Plattenhörer. Ich höre nie Maxis. Ich habe einfach keine Lust, nach fünf Minuten zum Plattenspieler zu rennen, die Nadel hochzunehmen, die Platte umzudrehen, die Nadel wieder draufzulegen. Dann muss man nach vier Minuten wieder hingehen, damit die Nadel nicht auf das Label ratscht. Alles furchtbar umständlich. Ich mag auch nicht diese B-Seiten-Compilations, die Stars gerne herausbringen. Ist ja schließlich zweite Ware. Ich wollte da mal gegenhalten und eine geile B-Seite machen.

"Irgendwie..." ist auf der CD "Pop 2000", auf der du und andere Popstars wie Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg deutsches Liedgut der letzten 50 Jahre covern. Sollen wir stolz sein auf unsere musikalische Vergangenheit?
Ja, definitiv. Wenn man sich das alles mal objektiv anschaut, stellt man fest, dass da einiges ging. Nimm nur mal Kraftwerk oder die Neue Deutsche Welle. Da kann man guten Gewissens zu stehen. Und jetzt HipHop. Selbst die peinlichen Gehversuche aus den 50ern und 60ern, als Peter Kraus und Ted Herold Elvis oder Bill Haley kopiert haben - die waren auch sinnvoll, denn man musste ja mal anfangen. Deutscher Pop hatte zu jeder Zeit seine Berechtigung.

Als du 1992 mit den Beginnern angefangen hast, wart ihr eine sozialkritische Gruppe. Inzwischen macht euer HipHop hauptsächlich gute Laune. Habt ihr euch bewusst gegen Polit-Rap entschieden?
Ja, 1996, als unser Album "Flashnizm" herauskam. Vorher dachten wir: Kein Wort darf verschwendet werden; alles, was uns auf die Nerven geht, muss gesagt werden. Aber dann haben wir gemerkt, dass wir uns im Kreis drehen, dass wir alles kaputt diskutieren und dass es ziemlich krampfig kommt, immer darauf zu achten, dass alles Normen entspricht und politisch korrekt daher kommt. Das wird ja auf Dauer auch langweilig, das will ja keiner hören. Rap ist Entertainment und keine Geschichtsstunde oder ein Politikreferat.

Also unterhalten statt aufklären?
Ja. Na ja. Mhmm. (denkt nach) Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn es heißt, HipHop sei ausschließlich Partymusik. Trotzdem habe ich noch immer meine politische Grundeinstellung und eine klare Meinung zu den Verhältnissen in diesem Land.

Und? Fühlst du dich wohl in Deutschland?
Ne. Ich fühle mich in Hamburg wohl. Sehr. Ich will jetzt gar nicht sagen, Hamburg sei nicht so wie der Rest von Deutschland, aber es ist erträglicher. Wenn man aber über die Autobahn fährt oder an Raststätten anhält oder aufs Land fährt und irgendwo ein Schnitzel isst - oder wenn man einfach nur den Fernseher anmacht -, da kann einem schon schlecht werden.

Was stört dich am meisten?
Am meisten? Ungefähr 98 Prozent der Bevölkerung. Das versteckte rechte Gedankengut. Der sportliche Leistungsscheiß. Die völlige emotionale Kälte. Die Oberflächlichkeit. Ich meine jetzt nicht, dass ich mit allen Menschen, die mir auf der Straße begegnen, tiefschürfende Gespräche führen will oder das Bedürfnis habe, jeden anfassen zu müssen - so hippiemäßig.

Themawechsel: Dieses Jahr veröffentlichst du eine Reggae-Platte. Hast du vom HipHop die Faxen dicke?
Nö, aber Reggae ist die Musik, die ich im Moment ausschließlich höre. Es gibt gerade eine wahnsinnige Durststrecke, was gute Rap-Platten betrifft - egal, was die Leute sagen -, alles Mist, was gerade am Start ist. Die deutschen Sachen höre ich aus beruflichen Gründen und aus Amerika gibt es nichts, was begeistern könnte. Im Frühjahr kam das Eminem-Album, jetzt kommt Dr. Dre. Dazwischen: nichts.

Ist der deutsche HipHop schon am Ende?
Blödsinn. Wir fangen erst an. Ich mag dieses Geredevom Ausverkauf des deutschen HipHop nicht. Wir haben zehn Jahre lang gearbeitet und uns den Arsch aufgerissen und im letzten Jahr gab es dafür endlich die Belohnung. Natürlich gibt es Entwicklungen, die sind nicht so toll.

Welche?
(längere Pause, dann redet Eißfeldt lauter und schneller) Ich bin gestern nach Hamburg zurückgekommen - ich war drei Wochen weg - und musste mir schon soviel Scheiße anhören. Es schwappt langsam über, die Leute maulen nur noch, die Jan-Delay-Sache mit "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" brachte das Fass zum Überlaufen. In manchen Kreisen darf man in den Charts überhaupt nicht vertreten sein. Ja, und gestern Abend haben auch einige Kollegen geglaubt, sie müssten an allem rumnörgeln, vor allem am Erfolg der Single. Die werden sich noch wundern. Ich schreibe jetzt einfach einen Text über diese Personen, die es verwerflich finden, wenn man in den Charts ist. (Pause) Das Lied geht wahrscheinlich wieder in die Charts (lacht hämisch).

Was haben diese Leute nicht begriffen?
Dass es nicht um Chartplatzierungen geht, sondern, ganz platt gesagt, um Musik. Um gute Musik. Aber die haben ja alle leider keine Ahnung von guter Musik. Musikalisches Grundwissen sollte man einfach haben. Bei mir war es so: Musik war immer in meinem Leben - mein Vater ist Musiker und meine Eltern zerrten mich zum Klavierunterricht, als ich noch klein war. Ich habe das gehasst, aber heute danke ich ihnen das natürlich. Das war in den 80ern, als ich großgeworden bin. Damals wurde ich von einer Musik geprägt, bei der man noch beim einfachsten Popsong raushörte, dass da eine Idee hinter steckte und dass die Leute ihr Handwerk beherrschten. Allen voran Madonna. Sie ist und bleibt die Größte. Und eines darf man auch nicht vergessen: Du kannst machen, was du willst und wenn du es noch so perfekt machst. Wenn du es nicht mit Liebe machst, hat es keinen Wert.

Matthias Kalle