Können
Sie sich noch an Ihre erste Liebe erinnern?
Meine erste Liebe war ein Mädchen in Holland. Sie hieß
Yvonne. Da war ich zehn Jahre
alt, und sie war bildschön. Sie hatte wunderschöne, lockige
Haare. Ich spielte immer Gitarre, um ihr zu imponieren. Und sie
hat mir, nachdem ich sie bedrängt hatte, eine Locke geschenkt.
Die habe ich mir dann ins Portemonnaie getan.
Haben Sie die noch?
Nein, die habe ich nicht mehr. Das war sozusagen meine erste Liebe.
Meine erste Freundin war Französin und hieß Josette.
Das war in der Bretagne. Ich war 13, und sie war 16. Das war die
erste Liebe, in der Körperlichkeit - in Form von Küssen
- eine Rolle spielte.
Was bleibt von der ersten richtigen Liebe?
Die Leichtigkeit - nicht Leichtfertigkeit. Es war so leichtfüßig
und abenteuerlich. Ich kann das noch genau beschreiben, auch das
Gefühl - ein Gefühl von ungeheurem Glück. Sie war
sehr schön anzufassen. Das bleibt und geht nie wieder weg.
Das ist auch wunderbar so.
Was ist Liebe eigentlich?
Liebe ist - glaube ich - ein chemischer Bestandteil, der immer wieder
Glück erzeugen kann. Also, Liebe ist, wenn beide in der gleichen
Minute beim jeweils anderen so ein Glück hervorbringen. Und
sicherlich gibt einem das Gefühl, dass man geliebt wird oder
jemanden liebt, immer wieder die Möglichkeit, dieses Glücksgefühl
im eigenen Kopf herzustellen. Man kann das dann immer wieder rausholen
aus der Schublade, auch wenn man den anderen gerade nicht sieht.
Ich glaube, Liebe ist die optimalste Möglichkeit, Momente dieser
Glücksexplosionen herzustellen.
Woran haben Sie erkannt, dass Sie geliebt werden?
Man hat das Gefühl, man wird untermauert, abgestützt von
unten. "Halt" finde ich den falschen Begriff, weil das
mit "Festhalten" zu tun hat. Das, was ich meine, ist mehr
so etwas wie Unterbau. Wenn man geliebt wird, wird man von unten
und innen stabilisiert. Man bekommt Sicherheit.
Wie entsteht so etwas?
Das ist eine unbeschreibliche Chemie. Liebe ist so etwas wie ein
Gas. Irgendetwas, das man gerne komprimieren, in eine Flasche tun
würde. Das geht aber leider nicht...
Liebe ist etwas Flüchtiges?
Ja. Liebe ist etwas, das man immer wieder herstellen, immer wieder
erneuern muss. Oder worum man betet, dass es bei einem selber auch
immer wieder für den anderen entsteht. Dass man selber immer
wieder in der Lage ist, dieses Gas für den anderen herzustellen.
Wo man aber auch gar nicht weiß, wie man das anrührt.
Ob man den anderen anguckt oder Blumen schickt oder Briefe schreibt.
Ich glaube, alle diese Vorgänge sind immer wieder nur der Versuch,
dieses Gas herzustellen.
Wie sahen Ihre Versuche aus?
Ich bin leider nicht so der verbale oder geschenkfähige Romantiker,
sondern leider etwas spröder (lacht). Ich bin im Alltag eher
ein etwas verschlossener, kühlromantischer Mensch. In meinen
Liedern schaffe ich, das dann zu verbalisieren. Durch die Musik
braue ich mir so eine Chemie zusammen.
Wenn Sie die Musik machen, stellen Sie dann dieses Liebesgas
her, von dem Sie sprachen?
Das ist das große Glück, das ich in meiner Musik habe.
In der Musik spüre ich, wenn ich sie schreibe, schon diese
Emotionalität. Ich spiele ein Lied dann immer wieder und mache
dazu mehrere Texte, bis ein Text passt. Nach einem Jahr oder zwei
merke ich dann erst selber, was da eigentlich alles drin steckt.
Ich glaube, dass das Unterbewusstsein weiter vorausschaut als der
Kopf.
Nach dem Tod Ihrer Frau haben Sie einmal gesagt, dass Ihnen erst
im Nachhinein klar geworden ist, was Sie in Ihren Texten eigentlich
geschrieben haben.
Das Lied
"Die
letzte Version vom Paradies" ist sicher ein erschreckendes
Beispiel dafür: "Wir sind im Raum, der Leben heißt,
Zweiwegetraum, getrennt verreist, vergiss meinen Namen..."
- da steckt soviel unterschwellige Endzeitstimmung drin. Das habe
ich, als ich das Lied geschrieben habe, gar nicht verstanden, nicht
gesehen. Oder
"Neue
Welt": "Bin nur für dich geblieben, für
nichts und wieder dich. Hab sonst hier nichts zu verlieren".
Diese Lieder bekommen für mich im Nachhinein einen erschreckenden
Inhalt.
Viele Ihrer Lieder sind direkt an Ihre Frau Anna gerichtet, auch
jetzt nach ihrem Tod. Ist Liebe ewig?
Ich glaube, ja. Die Zuneigung zu einem Menschen kann dessen Tod
überdauern. Auch bei meiner Frau ist das so. Das sind Gefühle,
die sind nach wie vor so übermächtig in mir, dass ich
mir gar nicht vorstellen kann, dass das jemals abbricht. Dieses
Gefühl nimmt nach wie vor alles ein.
Wie erkennt man die Liebe fürs Leben?
Die kann man nicht erkennen, das ist wie im Lotto. Ich war mit meiner
Frau Anna zwanzig Jahre zusammen. Da gibt es sicherlich ein ganz
unglaubliches Urvertrauen. Aber trotzdem muss man das auch da immer
neu erwerben. Das ist ein unaufhörlicher Vorgang. Und wenn
dann plötzlich der Partner fehlt... (Pause) Man vermisst ihn,
man vermisst die Nähe, man vermisst diese Mischung aus Gas,
Geruch, Sprache, Lauten. Das ist so etwas ganz Komisches, wie so
ein kleines Paradies, das entsteht, wenn der andere da ist, wenn
er etwas erzählt, wenn man ihn sieht. Es kommt oft gar nicht
darauf an, was der sagt, sondern darauf, dass man die Stimme hört,
die Gestik sieht, wie er guckt, seine Aura. Wenn man davon abgekappt
wird, leidet man unter grausamen Entzugserscheinungen.
Lohnt es dann überhaupt, sich auf die Liebe einzulassen?
Das ist die zentrale Frage. Tut man besser daran, nicht zu lieben,
dann hat man auch den Schmerz nicht? Aber das führt früher
oder später zu einer Austrocknung und zu nacktem Zynismus.
Ich glaube einfach, diese Momente, in denen so etwas entsteht, diese
Glücksexplosionen, die braucht der Mensch, um zu existieren.
Wenn er sich davon abschneidet, damit er nicht leidet, schneidet
er sich im Grunde genommen vom Leben überhaupt ab. Man bleibt
jedenfalls lebendiger mit dem Glück auf der einen Seite und
dem Schmerz auf der anderen. Aber das ist eine ganz zentrale Frage
- auch für mich -, wenn das Glück mit dem Tod und dem
Schmerz, mit so einem radikalen Abschied, verbunden ist, lohnt sich
das? Aber ich glaube, dass selbst in so einem Schmerz die Liebe
übrigbleiben wird - irgendwann. Da kann ich jetzt nur theoretisch
darüber reden, aber ich hoffe das.
Kann die Musik den Tod besiegen?
Ja, wenn das nur ginge. Zumindest dem Schmerz gewisse Anteile rauben.
Es ist der Versuch, mit der Musik dem Ganzen etwas an Brutalität
zu nehmen. Aber bei der Musik tue ich mich im Moment immer noch
sehr schwer. Weil eben auch Anna ein großer Anteil war, warum
ich überhaupt Musik gemacht habe. Und einen neuen Ansatz zu
finden zur Musik, das ist noch sehr schwierig. Ich war früher
mehr eins mit der Musik, wenn ich Konzerte gab. Jetzt beobachte
ich mich zum Teil selber bei meinen Konzerten. Das ist hoffentlich
nur eine Durchgangsphase. Ich habe eigentlich zur Musik ein relativ
unbefangenes, ursprüngliches Verhältnis gehabt. Das hat
sich ein bisschen verändert, weil eben auch diejenige, die
die ganze Euphorie ausgelöst hat, nicht mehr da ist.
Text:
Matthias Zuber, Huberto Pereira Photo: Daniel Josefsohn
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