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BLOND BITTE 


Den größten Teil des vergangenen Jahres, ja meines ganzen Lebens habe ich braunhaarig verbracht. Es gab keinen Grund, das je zu ändern - es gab aber genauso wenig Grund, es nicht zu tun. Also ging ich am 22. November, einem Tag, der so dunkel war wie meine Haare, zum Friseur, setzte mich auf den Stuhl und sagte: "Einmal blond, bitte." Als ich wieder aufstand, hatte sich mein Leben geändert. 
Zum ersten Mal wurde mir das klar, als ich wieder in die Redaktion kam und Christoph aufhörte, zu arbeiten. Ganz still saß er neben mir und sah mich an. Abends dann verfolgten mich mehr Männerblicke als sonst auf dem Nachhauseweg und ich bildete mir ein, dass mich die Mädchen kritischer ansahen als noch einen Tag zuvor. Als eine Freundin dann das Wort "Aura" benutzte, um mein neues Aussehen zu beschreiben, wusste ich: Mit meiner Haarfarbe hat sich auch meine Umgebung verändert. 
Selbst auf meinen Schlaf wirkt sich mein Blondsein aus: Mehrmals schon träumte ich von einem drohend nachdunkelnden Haaransatz und in meiner allerersten blonden Nacht ging ich im Traum an tausend Fenstern vorbei und versuchte, mich an mein neues Spiegelbild zu gewöhnen. Inzwischen kenne ich meine neue Haarfarbe: sie ist eher gelb als gold, mit hellen Strähnen darin. Und das Beste daran: sie sieht kein bisschen natürlich aus. 
Ich bin jetzt gerade mal einen Monat blond und kann mich kaum noch daran erinnern, jemals anders ausgesehen zu haben. Was war das für ein Leben, als Christoph noch nicht dringend mit mir ausgehen wollte, niemand das Wort Aura in Zusammenhang mit mir brachte und Mädchen mich eher als Freundin sahen denn als Konkurrentin? Ich weiß es nicht mehr, aber eins war mein Leben ganz bestimmt nicht: blond. 


JOHANNA ADORJÁN

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