An
Silvester gefällt mir am allerbesten, dass andere sich
Blödsinn vornehmen, an dessen Umsetzung
sie dann doch scheitern. Trotzdem mag
keiner meiner Freunde auf dieses sinnlose Ritual verzichten
und sie versprechen jedes Jahr das Gleiche. Dabei beginnt
der Abend ganz harmlos: Wir freuen uns, dass es mal wieder
einen nicht bei
den Haaren herbei gezogenen Anlass für eine Party
gibt, treffen
uns auf ein paar Biere. Die Stimmung ist gut. Wir plaudern
und scherzen, aber kurz vor zwölf drehen alle Gespräche
in die gleiche Richtung ab: gute Vorsätze für
das kommende Jahr.
Es sind
in etwa die gleichen, wie schon 52 Wochen zuvor. Freund
1 schlägt sogar immer wieder den gleichen enthusiastischen
Ton an, wenn er verkündet, die siebzehn in der Schachtel
verbliebenen Zigaretten seien die letzten, die er je rauchen
würde. Diesmal wirklich! Es ist noch eine Stunde
vor Mitternacht und er macht sich daran, die siebzehn Zigaretten
aufzurauchen. Währenddessen diskutiert er mit Freund
2, ob der ein Versager ist, weil er auch im vergangenen
Jahr wieder nicht regelmäßig Sport getrieben
hat - so wie er es sich in einem Kraftanfall
um Silvester herum vorgenommen hatte. Ich lehne mich derweilen
entspannt zurück, ich brauche mir nichts vornehmen,
um mich silvestrig
zu fühlen.
Die Freundin bespricht mit mir ihren Emotionshaushalt.
Sie will ihren langjährigen Halbfreund aus ihrem Leben
schmeißen und formuliert eine abschließende
SMS.
Als sie auf den Senden-Knopf drückt, lächelt sie
erleichtert und beschließt, dass das ein großartiges
Jahr als Single wird. Ich stehe auf und schaue mir meine
Freunde an, ob sie es auch wirklich sind, die da herumsitzen
und große Pläne machen. Gerade hebe ich meinen
Zeigefinger Richtung Stirn, als es zwölf Uhr schlägt.
Wir
fallen uns in die Arme, versichern uns gegenseitig unserer
Freundschaft, rufen „Prost!“ und tanzen ein
bisschen. Der Sekt perlt schön im Kopf und macht alle
enthusiastisch. Freund 2 ruft: „Nie wieder Leberwurststullen!“
Und: “Wenn ich jeden zweiten Tag ins Fitnessstudio
gehe, dann könnte ich nächstes Weihnachten schon
aussehen wie Tom
Cruise.“ Wir tanzen ausgelassen und die
Freundin sieht tatsächlich ein bisschen wie ein glücklicher
Single aus. Der Ex-Raucher-Freund bewegt sich eher so, als
würden ihn schon die ersten Entzugserscheinungen beuteln.
Gegen zwei ist von ihnen nur noch ein
Haufen Elend übrig, während ich mich noch recht
fit und genauso glücklich wie um kurz vor zwölf
fühle. Die Freundin spielt mit dem Handy und fragt
uns immer wieder: „Und wenn es nun falsch war, Schluss
zu machen? Vielleicht war er ja doch der Richtige.“
Wir zucken mit den Schultern. Jeder ist mehr mit sich selbst
beschäftigt: Freund 2 sagt, er habe gelesen, Frauen
fänden Muskelmänner gar nicht so gut. Und außerdem
könnte er die Zeit, die er im Fitnessstudio verbringen
würde, ja besser damit zubringen, ein Instrument oder
eine neue Sprache zu lernen. Freund 1 sagt gar nix
mehr. Er zittert und wimmert leise vor sich hin.
Ich wusste, dass es so kommt. Ich ziehe
aus der Schreibtischschublade die Stange Zigaretten, die
ich vorsorglich gekauft habe. Dem Möchtegern-Tom-Cruise
schiebe ich den letzten Schlag
Kartoffelsalat rüber und der Freundin sage ich, sie
solle um Himmels Willen bitte machen, was sie will. Dann
zünde ich mir meine Neujahrszigarette an, kippe
noch ein paar Gläser Sekt und freue mich, dass ich
auch im neuen Jahr niemals die Einzige sein werde, die scheitert.
Text: susanne-klingner
(Text
veröffentlicht bei jetzt.de im Dezember 2004;
übernommen von JETZT Deutsch lernen im Dezember
2005) |