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Privatsache: Die Klassensprecher-Uni
Über
Deutschlands älteste private Universität kursieren viele Geschichten,
einige davon stimmen sogar. Aber warum studieren so viele so gerne in
Witten/Herdecke? Macht es Sinn, auf eine private Uni zu gehen? Sind das
alles Streber? Entscheidet selbst.
Text:
Roland Schulz
Photo: Dominik Asbach
Drei weiße Fahnen hängen vor dem Haupteingang
der
Universität Witten/Herdecke. "Zur Freiheit ermutigen",
"Soziale Verantwortung fördern"
und "Nach Wahrheit streben" steht auf ihnen geschrieben. 1982
wurde die erste private Universität Deutschlands in der
Ruhrgebietsstadt Witten gegründet; auf Initiative von Professoren,
die keine Lust mehr hatten auf den normalen Universitätsbetrieb. Deswegen
ist heute vieles in Witten anders als an herkömmlichen Universitäten -
vor allem eines: der Ruf. Die Uni Witten gilt ebenso als Hort
skurriler
Lehrmethoden wie als Kaderschmiede,
ihre Leitsätze werden bewundert und belächelt zugleich, ihr Modell als
Vorbild wie als Abschreckung gesehen. Zwiespältig sieht die Universität
auch aus: Das Hauptgebäude ist ein Bau voller Fenster
und weitschweifiger Treppen, der so hell und stilvoll ist, dass man darin
alles andere vermutet als eine Hochschule - aber umgeben ist das Gebäude
von einem Gewerbegebiet mit dem Charme eines Scherbenviertels.
Hier gibt es auch Fahnen, aber sie künden nicht von Freiheit und Wahrheit,
sondern davon, dass jedes gebrauchte Auto bar bezahlt wird.
Finanziert wird die
Hochschule, eine gemeinnützige GmbH,
durch Unternehmen, Spenden, die Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen
und Studiengebühren. Hier wählen sich nicht die Studenten ihre Uni, sondern
die Uni wählt ihre Studenten: Aufnahme in Witten erreicht nur, wer sich
einem aufwendigen Auswahlverfahren aus Bewerbungen, Prüfungen und Gesprächen
stellt und dabei besteht. Knapp 1000 Studenten haben das geschafft, dann
29700 Mark bezahlt, und nun studieren sie Medizin, Wirtschaftswissenschaft,
Zahnmedizin oder Biochemie. Ein Fach haben sie alle zusammen: "Stufu",
wie sie das für jeden verbindliche Studium fundamentale nennen, Wahrzeichen
der Universität Witten/Herdecke. Jeder Donnerstag eines Semesters ist
allein diesem Fach gewidmet, das nach Willen der Uni "einer durch
das Fachstudium drohenden frühen Bewusstseinsverengung entgegenwirken"
soll. Deswegen malen, singen, musizieren oder philosophieren die Wittener
Studenten donnerstags, getreu dem Motto: "Es geht nicht darum, ein
Fass zu füllen, sondern eine Flamme zu entzünden." Diesem Zweck dient
auch die Art der Lehre an der Privat-Uni, die "Wittener Didaktik":
Studenten müssen ihr Studium selbst gestalten. Ein populärer Mythos lautet,
Witten/Herdecke sei die Universität, an der sich die Klassensprecher
Deutschlands versammeln. Aber was sagen die Studenten selbst über ihre
Uni?
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