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Der kleine Erziehungsberater

 

7.gif (28147 Byte) DER KLEINE ERZIEHUNGSBERATER -
LÄNGER AUSGEHEN,
LAUTER AUFDREHEN,
LEICHTER RECHT BEKOMMEN
...WIE ELTERN ZU ALLEM JA SAGEN


WIE ERKLÄRE ICH IHNEN...

...dass sie mir keine Unterhosen mehr kaufen?
Sag ihnen, dass du vor dem Sportunterricht in der Umkleidekabine wegen deiner Unterhosen beschimpft wurdest. Eine drastische Lüge ist nötig, denn die meisten Mütter wollen einfach nicht einsehen, dass man spätestens mit 13 keine bunten Tierfiguren mehr auf seiner Unterwäsche haben will.

...dass es unmöglich ist, meine Freunde zu bitten, bei mir zuhause die Schuhe auszuziehen?
Erkläre ihnen, dass Schuheausziehen auf jeden Fall unangenehm ist: Für deine Freunde, denn die haben immer Löcher in den Socken. Und für deine Eltern: Denn die müssen deine Freunde den ganzen Abend lang riechen. 

...dass ein Telefon zum Telefonieren da ist?
Was die Telefon-Gesellschaften mit ihrer Werbung nicht schaffen, musst du deinen Eltern selbst erklären: Viel telefonieren ist keine Zeitverschwendung, sondern ein gutes Zeichen. Eltern wünschen sich immer, dass du viele Freunde hast. Häufiges Telefonieren ist nun mal der Preis dafür - noch nicht mal ein besonders hoher. Jeden Abend ausgehen wäre viel teurer.

...dass Musikvideos keine bleibenden Hirnschäden hinterlassen?
Sag deinen Eltern folgendes: "Wir leben in einer Welt, die über Bilder funktioniert. Wer Musikvideos schaut, kann schnellere Bilderfolgen sofort begreifen. Mein visuelles Verständnis wird trainiert. Und ich sehe Dinge, die ihr euch nicht einmal vorstellen könnt." Den letzten Satz weglassen, wenn du gerade mit ihnen über Drogen gesprochen hast. 

...dass ich auch mal die ganze Nacht lang ausgehen darf?
Gutes Argument für besorgte Eltern: Nachts um eins ist es in der Stadt viel gefährlicher als um halb fünf. Dann sind all die fiesen Schläger, Jackenklauer und U-Bahn-Randalierer nämlich schon längst im Bett.

...dass sie mich laute Musik hören lassen?
Nichts fürchten Eltern mehr als die Beschwerden anderer Hausbewohner. Und weil dein Geschmack nie ihr Geschmack ist, fällt ihnen der Befehl zum Leisestellen leicht. Ein Ausweg: den technikbegeisterten Vater zum Boxenkaufen mitnehmen. Begriffe wie "Hochtöner" und "Subwoofer" beeindrucken ihn. Und er bekommt eine Ahnung davon, was Sound bedeutet.

...dass sie vor meinen Freunden nicht meine Kindheitsgeschichten erzählen?
Verbünde dich mit den Großeltern. Lass dir von ihnen peinliche Geschichten aus der Kindheit deiner Eltern erzählen: Wie sie mit 17 noch Angst vor Schildkröten hatten und mit 15 keine Klassenarbeit ohne ihr Kuscheltier Willi schreiben wollten. Wenn deine Eltern merken, was du weißt, werdet ihr euch schnell über Diskretion einig sein.

...dass sie nicht mein Zimmer aufräumen?
So tun, als würdest du dich nach der elterlichen Putzaktion überhaupt nicht mehr zurechtfinden. Frage: "Wo ist nur mein Deutschaufsatz, der lag doch zwischen dem Playstation-Karton und den T-Shirts?" Eltern können zwar mit dem Chaos im Kinderzimmer kaum leben. Doch der Verdacht, sie hätten in ihrem Aufräumwahn etwas Wichtiges verschlampt, hemmt ihren Ordnungsfimmel.

...dass ihr Essen auch dann gut schmeckt, wenn ich nur wenig mag?
"Du bleibst sitzen, bis aufgegessen ist." Den Satz kennt fast jeder. Gefährlich wird es, wenn auch Kinder Essen als Machtinstrument nutzen. Das kann zu Magersucht oder zu Bulimie führen. Es ist schwer, den Eltern klarzumachen, dass Essen dazu da ist, satt zu machen, und nichts mit Liebe oder Liebesentzug zu tun hat.
 

....dass ich selbst sehr gut mit Geld umgehen kann?
Rede beim Abendessen über Zinsen, das schafft Vertrauen. Die erste größere Ausgabe sollte auch deine Eltern überzeugen. Lexika und Winterjacken werden schnell akzeptiert, Laptop und Flugreise nur dann, wenn auch die Oma hinter dieser Idee steht.

...dass sie nicht meine Freunde sind, sondern meine Eltern?
Eltern wollen mit ihren Kindern befreundet sein. Kinder wollen, dass Eltern einfach Eltern sind. Nichts ist schlimmer als der Vater, der auch Kumpel sein will, oder die Mutter, die sich wie eine große Schwester aufführt. Sag deinen Eltern, dass du sie liebst und respektierst, aber viel eher Vorbilder brauchst als noch mehr Freunde.

...dass eine Vier im Zeugnis noch lange keine Katastrophe ist?
Nutze die Autorität des Synonymwörterbuchs. Denn eine Vier ist immer noch "Ausreichend". Und das heißt schließlich "reichen, hinreichen, genügen, mit etwas auskommen, etwas zur Genüge haben, der Bedarf ist gedeckt, der Sättigungsgrad ist erreicht, langen, nicht hapern, ausreichend".
 

...dass sie in politischen Fragen nicht automatisch Recht haben?
Versuche erst gar nicht, deine Eltern ganz auf deine Seite zu ziehen. Auch wenn du mehr Zeitung liest als deine Eltern und in Sozialkunde die Beste bist, solltest du wissen: Gegen Sätze, die mit "Früher war alles..." oder "Jeder vernünftige Mensch weiß, dass..." beginnen, lässt sich nur ein Unentschieden erreichen. Sieh es als Sieg.

...dass sie nicht alles falsch gemacht haben?
Schlechte Noten, tätowierte Freunde: Oft glauben Eltern, dass sie bei deiner Erziehung versagt haben. Sage ihnen die Wahrheit: dass du sie liebst und ihr Sohn/ihre Tochter bleibst, egal was passiert, dass sie die besten Eltern der Welt sind, und dass du froh darüber bist, was sie aus dir gemacht haben. Wenn das nichts hilft, fang an, den Müll runterzubringen.

TEXTE: J. ADORJAN, T. KLOTZEK, M. DECKERT, S. KUZMANY, N. LJUBIC, F. NEUMANN
FOTOS: J. KOOPMANN


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