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„OHNE
MICH GEHT KEINE RESOLUTION DURCH“
Valentin
Riedl über seine Erfahrung als US-Diplomat im Sicherheitsrat
Von der Uni zur Uno:
Jährlich finden in ganz Deutschland Simulationen der Vereinten
Nationen statt. Die meisten von ihnen dienen als Vorbereitung für
das
Auswärtsspiel
in
New York: In der Osterwoche treffen sich 2500 Studenten aus aller
Welt, um in den Konferenzräumen der Uno deren Arbeit zu simulieren
- in Anzug und auf Englisch. Bei
den Planspielen gelten fast ohne Ausnahme die Regeln der Diplomatie.
Dazu gehören: Reden halten, diplomatische Verhandlungen führen
sowie Resolutionen verfassen. Genauso wichtig ist aber der "diplomatic
conduct": Ohne angemessene Höflichkeit und Geduld wird
man kaum ernst genommen.
In der letzten Woche (Jan.
03; Anmerk. d. Red.)
trafen sich Studierende aus ganz Deutschland zum German Model United
Nations in Strausberg
in der Nähe von Berlin und simulierten die Arbeit des Sicherheitsrats.
Mit dabei auch: Valentin Riedl, Student an der LMU
/ Uni München. Er vertrat im
wichtigsten Gremium der Vereinten Nationen die Positionen der Vereinigten
Staaten - die Welt aus der Perspektive eines US-Diplomaten:
"Ich
war zwar der Ami,
aber ich war unsicher zu Beginn: Was, wenn mich die Gegner im Sicherheitsrat
auseinander nehmen? Wie soll ich argumentieren, soll ich plump
sein oder konstruktiv? Irgendwie würde ja jeder wissen, dass
ich im wirklichen Leben nicht zu dieser Meinung stehe.
In den ersten Reden gab es viel Kritik an meine Adresse: Mir wurde
vorgeworfen, die USA hätten Vertreter im Sicherheitsrat abgehört
und es ginge Bush doch eh nur ums Öl. Ich habe das erst einmal
abprallen
lassen und mich ständig auf die Resolution
1441
berufen. Da steht ja drin, dass der Irak einen
vollständigen Bericht über alle ABC-Waffen
abzugeben hat. Da dieser Bericht aber nicht vollständig war,
konnte ich hier am wenigsten angegriffen werden.
Ich konnte mich zurücklehnen.
Trotzdem:
Ich wollte mich kooperativ zeigen. Ich sagte in
einer Rede noch am ersten Abend, dass ich offen bin für weitere
Verhandlungen, vielleicht für einen Kompromiss. Dann fingen
alle an, in den informellen Verhandlungen draußen im Foyer
Resolutionsentwürfe auf ihren Laptops zu schreiben. Ich konnte
mich zurücklehnen und alles abnicken
oder ablehnen. Dank Vetorecht geht ohne mich keine Resolution durch.
Am zweiten Tag stand
ich total unter Strom. Ich hatte während meiner drei Stunden
Schlaf geträumt, wie ich Reden halte, und kam auch am Morgen
aus meiner Rolle als US-Diplomat nicht mehr raus. Ich glaube, das
ging den anderen 14 Teilnehmern auch so. Froh war ich - besonders
als Amerikaner - dann nur, dass in den Pausen die Leute aufeinander
zugingen. Am Nachmittag hielt ich eine Rede, in der ich sagte:
Wenn wir unsere Truppen abziehen und dem Irak noch sechs Monate
zum Abrüsten geben, glaubt dann irgendjemand, dass etwas passiert?
Niemand antwortete. Das war beruhigend, ich fühlte mich besser.
Dann schickte ich das Angebot nach, dem Irak eine allerletzte Frist
für drei Wochen einzuräumen, wenn
danach ein Krieg befürwortet wird. Ein Vorschlag, der wenige
Tage später tatsächlich von den
USA gemacht wurde.
"Morgen
schlagen wir los"
Natürlich waren die Sicherheitsratsmitglieder nicht umzustimmen,
vor allem nicht Russland und Frankreich. Aber ich fühlte, dass
ich auf dem richtigen Weg war, dass der Respekt, der den USA normalerweise
zukommt, wieder da war. Umso mehr, als mein großbritannischer
Kollege die ganze Zeit die
harte Linie fuhr und damit voll reinfiel. Als die Verhandlungen
stockten, sagte er: Morgen schlagen wir los. Er redete die ganze
Zeit von Geheimdienstberichten. Das wollte ich nicht machen, denn
die so genannten Beweise haben in der echten Welt auch niemanden
überzeugt. Sie waren für die amerikanische Bevölkerung
gedacht, nicht für die Diplomaten im Sicherheitsrat. Außerdem
haben die Inspektoren den Beweiszwang, nicht die USA.
Nach dieser Simulation denke ich, dass Leute wie Negroponte, der
US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, so ähnlich denken
wie ich in meiner Rolle. Ich glaube, dass der derzeitige Konfrontationskurs
gegen alle Kriegsgegner allein aus der amerikanischen Regierung
kommt, und nicht von den US-Diplomaten. Insofern haben meine Gegner
in der Simulation auch Fehler gemacht: Niemand hat mich mit krassen
Bush-Aussagen konfrontiert, niemand fragte, was die USA nach dem
Regimewechsel in Bagdad geplant hätten. Der größte
Unterschied zwischen echter Welt und Simulation ist: Bei uns zählte
immer noch die Argumentation und das persönliche Auftreten
mehr als das Land selbst."
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