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Dank
MP3 kann man sich seine Lieblingslieder bequem
aus dem Internet runterladen. Alle, bis auf die Plattenindustrie, finden
das toll. Es gibt da leider nur einen kleinen Nachteil. Wir klären auf.
Ich
war 13 und hatte mich verliebt. Sie war ein wenig älter als ich
und einfach hinreißend, eine echte Hitsingle. Ihr Name war
"Sultans Of Swing". Ich hatte sie im Radio gehört
und war sofort verloren - ich musste die Platte haben. Gefunden
habe ich sie dann auf einem Flohmarkt.
Und war glücklich: Monatelang hob ich fast jeden Tag den Tonarm
meines Plattenspielers auf die ersten
Rillen des Liedes. "You get a shiver in the dark", hieß
die erste Zeile und den bekam ich wirklich. Wir hatten eine lange
Beziehung. Ich wurde zwar älter, mein Musikgeschmack entwickelte
sich, doch wahre Liebe hält wohl ewig: Mindestens jedes halbe
Jahr beim Wühlen im Plattenkasten fiel mein Blick auf das cremefarbene
Cover der
Dire Straits, ich warf den Riemenantrieb an und schloss die
Augen.
Heute lebe ich ohne Plattenspieler. Die Kiste mit den alten Platten
dürfte wohl noch bei meinen Eltern stehen. Trotzdem habe ich
meine frühe Jugendliebe neulich ganz unerwartet wiedergetroffen.
Und mich gewundert, wie sehr sie sich verändert hat. Ich fand
sie im Internet auf www.napster.com, sie hatte leider nichts Cremefarbenes
an und war nicht gerade hübscher geworden. Sie war 5,2 Megabyte
groß und nannte sich jetzt, sehr unromantisch, einfach ,Sultans.mp3'.
Immerhin, sie klang noch fast gleich. Schon nach den ersten vier
Takten war das alte Gefühl wieder da.
MP3 macht Musikhören bekanntlich bequem: kein Tonarm mehr,
kein Plattenumdrehen oder CD-Wechseln - einfach Genuss at your fingertips.
Man steht nicht mehr grübelnd vor dem CD-Regal, sondern stellt
sich am Computer blitzschnell eine Playlist zusammen und drückt
"Enter" zum Abspielen. Die ausgewählten Lieder laufen
stundenlang, immer wieder, während man am Computer arbeitet.
Eher selten macht man sich die Mühe, eine neue Playlist zusammenzustellen.
Die Musik läuft ja. Also alles okay. So kam es, dass ich die
Sultans über Wochen bis zu zehnmal am Tag hörte. Ich kannte
das alles ja schon zur Genüge, jeden Ton, jedes Wort, das Solo,
das mich einmal dazu bewogen hatte, eine Gitarre zu kaufen - alles
plätscherte vor sich hin. Und als ich nach einigen Monaten
Leben mit MP3 endlich einmal wieder konzentriert dem Lied zuhörte,
erschrak ich: Es war ein belangloses Stück Siebziger-Pop geworden.
Ich empfand nichts mehr.
Natürlich überhört man sich nicht erst an Liedern, seit
es MP3 gibt. Aber Hit-Kassetten, die man immer wieder abgespielt
hat, bis man sie nicht mehr leiden kann, verschwinden früher
oder später im Schrank, bis man sie eines Tages zufällig
wieder entdeckt. Und wieder hören kann. So leicht macht es
einem die digitale Musik leider nicht - oder doch, eigentlich zu
leicht. Die totale Verfügbarkeit von digitaler Musik, ohne
jeden materiellen Tonträger, ist ein großer Vorteil,
aber auch die größte Gefahr für Lieblingslieder. Und
MP3 ist noch lange nicht das Ende: Eines Tages wird auch der Computer
fast unsichtbar geworden sein; man wird kleine Geräte mit sich
herumtragen, die, anders als heutige MP3-Player, gigantische Datenmengen,
mehrere Stunden Musik, speichern können und auf Zuruf genau
das spielen, was der Stimmungslage entspricht; in der U-Bahn, im
Auto, am Strand. Die Musik wird man sich für wenig Geld in
Sekunden aus einer Art Musik-Tankstelle laden können; egal, aus
welchem Jahr sie stammt, egal von welchem Interpreten. Eigentlich
ein großartiges Szenario: Auf der Suche nach dem einen Lou-Reed-Album
von 1972 muss man nicht mehr die Sonntage auf unzähligen Plattenbörsen
verbringen, um schließlich viel Geld zu verlieren. Man ärgert
sich im Urlaub auch nicht mehr über die vergessenen Kassetten,
die einen zwingen, das einzige mitgenommene Mixtape zwei Wochen
lang durchzuhören - man kann sich bei Bedarf
einfach neue Stücke dazuladen.
Doch gerade die kleinen Behinderungen sind beim Musikhören
immer noch entscheidend: Im Plattenladen wühlt man immer zu
lange und stößt so auf Bands, die man sonst nie kennengelernt
hätte. Mit ein bisschen Glück ist der Verkäufer auch
noch okay und gibt dir Tipps - weitaus sympathischer als der Chat
im MP3-Forum mit einem merkwürdigen Typen, der sich KillerRocker
nennt und in Slang-Amerikanisch tippt, dass Limp Bizkit unendlich
rulen.
Hat man dann die Platte im Laden gekauft, darf
man sie in einer Tüte nach Hause tragen. Und zu Hause aufgeregt
aus dem Cellophan auspacken, das Vinyl in der Hand wiegen oder das
Booklet der CD begutachten. Und diese dauernde Beschäftigung
mit der Musik und dem Material, auf dem sie sich befindet, diese
angenehme Arbeit, macht einen großen Teil des Erlebnisses
aus. Musik von der Festplatte ist sicherlich die notwendige Weiterentwicklung
von Schallplatte und CD; es ist ein Segen, sein Lieblingslied nicht
mehr zerkratzen zu können und auf Parties nicht um seine CDs
fürchten zu müssen. Und es ist großartig, ein Lied nach
dem ersten begeisterten Hören im Radio sofort aus dem Internet
ziehen zu können und gleich nochmal zu hören. Doch die
Affäre mit einer MP3-Datei ist auch ein bisschen billig.
Verliebt zu sein bedeutet immer, sich Mühe zu geben. MP3 ist
ein kurzer Flirt.
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