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Dalai Lama -
Der Mann, der ein Gottkönig ist

Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso, ist das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter. Er ist die Reinkarnation des Buddhas des Mitleids, der freiwillig nicht ins Nirvana einkehrt, um den Menschen auf Erden zu helfen. Nach dem blutigen Einmarsch der Chinesen 1950 in Tibet flüchtete der Dalai Lama aus der Hauptstadt Lhasa und lebt seit 1959 in Indien. Von dort aus unterstützt der Friedensnobelpreisträger den friedlichen Widerstand gegen die chinesische Besatzung. Er wird dieses Jahr 65.

Ihre Heiligkeit, wir haben gehört, dass Sie Uhren sehr gerne mögen.
Oh, lieben nicht alle Menschen Uhren? Zumindest in Tibet mag sie einfach jeder. Und trotz der von Buddha gelehrten materiellen Einschränkungen besitze ich sogar ein paar Uhren (lacht laut). Ich hatte schon in Lhasa, mit zehn-elf Jahren eine Taschenuhr. Irgendwann bin ich dann aber auf eine praktischere Armbanduhr umgestiegen, weil meine Hände von der Gartenarbeit oft schmutzig waren. Gerne repariere ich auch Uhren und andere technische Geräte. Das fing damit an, dass wir im Palast einen Filmprojektor hatten, der immer wieder kaputtging. Den musste ich häufig auseinander nehmen, denn ich wollte ja Filme sehen, und es gab keinen Techniker außer mir selbst.

Wie nutze ich meine Zeit auf Erden am besten?
Indem man ein glücklicher Mensch wird. Dazu gibt es einen einzigen Weg: Denke mehr nach! Denn zu viel Kurzsichtigkeit und unmenschliches Verhalten gefährden das Ich und den Seelenfrieden sehr tief. Weil ich Buddhist bin, ist mein Weg zum Glück von Buddhas Lehren geprägt. Ich praktiziere Meditation und Mitgefühl allen Lebewesen gegenüber. Das macht mich ruhiger, gibt mir innere Stärke, öffnet mein Herz. Für andere Menschen mag der Buddhismus nicht das Richtige sein. Das macht aber nichts, die Menschheit braucht verschiedene Religionen.

Kann man seiner Zeit entfliehen, indem man abgeschieden im Kloster lebt?
Ganz im Gegenteil: Ich finde, dass gerade buddhistische Nonnen und Mönche viel mehr für die Gesellschaft tun sollten. Dieser Gedanke fehlt dem buddhistischen Glauben, da können wir von anderen Religionen lernen. Ganz wichtig finde ich zum Beispiel, Kranken und Sterbenden beizustehen. Und sich mehr für unsere Umwelt einzusetzen. Ich habe von einem buddhistischen Mönch gehört, der sich besonders um Bäume kümmert. Er wirft ihnen die gelbe Mönchsrobe über, und wer weiß: Vielleicht werden so die Bäume ein wenig zu Mönchen. Und er erreicht, dass sie nicht abgeholzt werden (lacht laut).

Kann eine einzige Person den Lauf der Zeit verändern?
Ja, jedes menschliche Wesen kann dies. Durch gute Taten. Aber man braucht dazu ein paar Prinzipien, moralische Werte als seine ständigen Begleiter: Redlichkeit, Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Und man braucht auch menschliche Qualitäten wie Mitgefühl und ein Herz für alle Lebewesen.

Warum sind Sie für Gewaltlosigkeit?
Weil Gewalt der menschlichen Natur widerspricht. In unserer modernen Zeit sind wir nicht nur über die Wirtschaft miteinander verbunden. Auch Umweltbelange betreffen uns alle. Die Welt ist eine Einheit und Frieden eine wichtige Angelegenheit, die uns alle betrifft. Die ganze Welt ist wie dein eigener Körper eine Einheit. Wir können nicht mehr allen Ernstes sagen: Das gehört zu mir, und das betrifft mich nicht. Gewaltanwendung ist Zerstörung dieses einen Körpers. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass es auch keine Feinde gibt, nur Bestandteile eines einzigen Körpers. Wir konnten in den vergangenen hundert Jahren sehen, dass Gewaltanwendung wieder auf Gewalt traf. Der eigentliche Konflikt wurde damit oft nicht einmal beseitigt. Ich rate zum Dialog.

Und wenn einem die richtigen Worte fehlen?
Wenn man mit jemandem partout nicht reden kann, gibt es andere Methoden: Vielleicht wartet man einfach eine Weile, bis es wieder geht. Oder man nähert sich der Person über einen Dritten.

Was war ein wirklich wichtiger Augenblick in Ihrem Leben?
Für meinen Geist war es ein sehr wichtiger Moment, als mir mein Tutor in Bodhgaya (der Ort, an dem Buddha erleuchtet wurde Anm. d. Red.) sagte, dass meine Existenz dem Wohlergehen anderer gewidmet ist. Damals musste ich weinen. Ein wichtiger Moment war auch, als ich Tibet verließ und an der Grenze stand. Das hat mich im tiefsten Inneren berührt, besonders, weil viele meiner Begleiter wieder zurückgingen. Ich dachte lange darüber nach, was sie wohl bei ihrer Rückkehr erwarten würde.

Buddhisten glauben an die Reinkarnation. Wissen Sie, wie oft Sie noch wieder geboren werden?
In meinem Lieblingsgebet heißt es: Solange es auf der Welt ein Wesen gibt, das leidet, werde ich bleiben, um zu dienen?. Das hilft mir immer, wenn ich mich ein bisschen frustriert fühle. Ich weiß nicht, wo ich wieder geboren werde. Deshalb brauche ich, weil ich ja immer älter werde, mehr und mehr Zeit, um darüber zu meditieren. Denn wenn ich der Sache nicht genug Zeit widme, bleibt meine nächste Destination mysteriös (kichert). Was mir dazu einfällt: Unglaublich, was vor einem Jahr in Tibet geschehen ist. Ein Mönch, ein wirklich großer Lehrer, spürte seinen Tod nahen. Er bat seinen Freund, ihn nach seinem Ableben eine Woche lang nicht zu berühren. Der Mönch starb, der Freund hielt sich an sein Versprechen. Jeden Tag sah er nach dem Leichnam, und jeden Tag wurde der Leichnam kleiner. Am siebten Tage gar war er verschwunden. Hält man das für möglich?

Text: Birgit Ackermann Photo: Bert Heinzlmeier

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