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DIE REIFENPRÜFUNG


3. Für den Fahrlehrer ist es ein Geschäft, dir das Fahren beizubringen, deshalb musst du bei deiner ersten Unterrichtsstunde einen Vertrag unterschreiben. Beachte dabei Ziffer 8 - Ausschluss vom Unterricht. "Der Fahrschüler ist vom Unterricht auszuschließen: a) wenn er unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen berauschenden Mitteln steht; b) wenn anderweitige Zweifel an seiner Fahrtüchtigkeit begründet sind." Zweifel an der Fahrtüchtigkeit hast allerdings du - wenn du dir anschaust, mit wem du den Unterricht absolvieren sollst: Du triffst nämlich viele alte Bekannte wieder, die du zuletzt beim Firm- oder beim Konfirmationsunterricht gesehen hast. Dein Fahrlehrer gibt dir bei deiner ersten Stunde einen Fragebogen - vier Blätter, dreißig Fragen, mehrere Antworten zur Auswahl. Woher sollst du wissen, womit bei Dunkelheit eine Ladung zu kennzeichnen ist, die mehr als einen Meter über die Rückstrahler des Fahrzeuges hinausreicht, oder welchen Mindestabstand von Ampeln ein Fahrzeug beim Halten einhalten muss, wenn die Ampel durch das Fahrzeug verdeckt würde? Jetzt ahnst du: Logik und analytischer Verstand bringen dich hier nicht weiter. (Richtige Antworten: Mit roter Leuchte und rotem Rückstrahler; zehn Meter.)

4. In den Nächten, wenn die Träume kommen, siehst du noch einmal dein Leben, wie es nie wieder sein wird: mit dem Fahrrad gegen den Gegenwind kämpfend, während Regen, Schnee und Hagel dich demütigen - Peitschenhiebe in deinem Gesicht. Oder nachts die letzte U-Bahn verpassend, noch drei Euro, zwanzig Cent in der Tasche - zu wenig für ein Taxi. Im Bus, neben stinkenden Menschen, die dir Tüten und Regenschirme in die Rippen stechen. Vor dem Schulhaus, nach dem Unterricht, wo du mit ansehen musst, wie der Mensch, den du liebst, von einem anderen Menschen abgeholt wird - mit einem Auto, mit einem Führerschein, mit einem besseren Leben. Wenn du aufwachst aus diesen Nächten, lachst du deiner Vergangenheit ins Gesicht. Aber dir vergeht das Lachen, wenn du die Bücher siehst, die dir H. mitgegeben hat, die Fragebögen, die Verordnungen - all das, was du auswendig lernen sollst. Du denkst an wirklich dumme Menschen, die alle einen Führerschein haben und die ja irgendwie auch durch diese Prüfung gekommen sein müssen. 

5. "Kann die Fahrtüchtigkeit eines Kraftfahrers schon durch verhältnismäßig geringe Mengen Alkohol beeinträchtigt werden?", fragt H. in deiner zweiten Stunde, und irgendeiner ruft dazwischen: "Ja klar, man fährt besser." Dieser Witz kommt immer, garantiert. Dritte Stunde. Dein Fahrlehrer zeigt ein blaues Schild, auf dem kleine spielende Kinder zu sehen sind. Er fragt: "Wie schnell darf ich hier fahren?" Einer sagt: "150." Plötzlich musst du lachen. Jetzt bist du einer von ihnen. Du machst immer weniger Fehler bei den Testbögen, du weißt auf einmal, dass man bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h auf trockener Fahrbahn mit einem Bremsweg von 130 Metern rechnen muss, dass man besser defensiv als aggressiv fährt; und dass ein Fahrzeug einschließlich Ladung höchstens 2 Meter 50 breit sein darf. Warum du das alles wissen musst, und was das mit dem großen Ziel zu tun hat - das weißt du allerdings nicht. Bald ist deine erste richtige Fahrstunde.
 
 
 
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