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DIE REIFENPRÜFUNG


6. Klar - du kannst Auto fahren, bist oft genug schon mit dem Wagen deiner Eltern die Auffahrt rauf und runter, weißt, wie man schaltet, Gas gibt, bremst. Vergiss das alles, wenn dich dein Fahrlehrer auf einer abgelegenen Straße zum ersten Mal ans Steuer lässt. Zuerst wird er dir sagen, wie der Sitz sein muss (so, dass dein Bein ausgestreckt ist, wenn du die Kupplung durchdrückst), wie du Außen- und Rückspiegel einstellst, und wie du die Hände am Lenkrad halten sollst. Und zwar: zehn vor zwei. So wie die Zeiger einer Uhr zehn vor zwei anzeigen, umfasst du dein Lenkrad, und weil dein Fahrlehrer weiß, dass du das unsexy findest, sagt er zu dir: "Michael Schumacher macht das genau so." Mach es H. zuliebe - wenn du deinen Führerschein hast, fährst du nie wieder so, sondern wie es sich gehört: linke Hand am Scheitelpunkt des Lenkrads - die rechte Hand brauchst du zum Schalten, Rauchen oder Radioeinstellen. Dann fährst du los, und wenn du den Wagen nicht erst dreimal abwürgst, dann wirst du ziemlich bescheuert grinsen, denn plötzlich fährst du ein Auto. Du! Ein Auto! Nicht in der Auffahrt deiner Eltern, sondern auf einer echten Straße, mit echtem Gegenverkehr. Von diesem Moment an weißt du, dass H. irgendwann nicht mehr neben dir sitzen wird und du fahren kannst, wann und wohin du willst. Und du weißt, dass deine Oma sich geirrt hat.

7. Zu Hause arbeitest du an deinem ersten Autofahrtape. Was gehört darauf? Was will man hören, wenn man nicht geht, läuft, sondern fährt, selbst bestimmt, in welche Richtung, wie schnell und wohin? Es gibt große Autofahrlieder: "Drive" von den The Cars und "I Drove All Night" von Cindy Lauper. Natürlich auch "Cars&Girls" von Prefab Sprout und "60 M.P.H." von New Order. Außerdem gut: "In The End" von Linkin Park, "Someday" von The Strokes, "More Than A Woman" von Aaliyah, "Take Me Home" von Sophie Ellis Bextor, "Ugly" von Bubba Sparxxx, "Paradise City" von Guns'n'Roses, "Burn Baby Burn" von Ash, "Stay Together For The Kids" von Blink 182. Aber ein Lied steht über allen, das perfekte Autofahrlied: "While You See A Chance" von Stevie Winwood. Auszug: "Stand up in a clear blue morning until you see what can be. Alone in a cold day dawning, are you still free? Can you be? When some cold tomorrow finds you, when some sad old dream reminds you. How the endless road unwinds you. While you see a chance take it, find romance, fake it. Because it's all on you." Während du dieses Lied, über zwanzig Jahre alt, hörst, denkst du an all die Dinge, die bald möglich sein werden. An die Clubs in der Stadt, von denen du schon so viel gehört hast, aber die bis jetzt für dich unerreichbar waren. An die Berge und an das Meer, und du stellst dir vor: Du fährst durch die Nacht, deine besten Freunde sitzen im Auto, und ihr habt vergessen, wo ihr hinwolltet - ihr fahrt einfach, manchmal redet einer, manchmal lacht ihr, und alles, was vor euch liegt, irgendwo da im Dunkeln, scheint für euch schöner, besser, größer zu sein als das, was ihr hinter euch lasst. Life is a highway!

8. Die theoretischen Fahrstunden lässt du jetzt über dich ergehen wie den Lateinunterricht. Du schläfst die meiste Zeit, bei den Testbögen machst du fast keine Fehler mehr. Langsam hast du erkannt, dass du eigentlich nur eine Sache wirklich wissen musst: rechts vor links. Alles andere lernst du zwar, aber du weißt, dass du es nie wieder brauchen wirst - zum Beispiel, dass ein privater PKW alle zwei Jahre zur Hauptuntersuchung muss, oder dass das Ding vor Bahngleisen Andreaskreuz heißt. Die praktischen Fahrstunden genießt du - nach zehn Stadtfahrten lässt dich H. auf die Autobahn und durch die Nacht fahren. Du lernst tanken, parken und ertappst dich dabei, wie du nicht mehr Strich 50 fährst in der Innenstadt. Mit H. plauderst du während der Fahrten - eigentlich ein Netter. Er lässt dich jetzt den Radiosender aussuchen - auch das eine didaktische Anweisung, denn du sollst dich daran gewöhnen, dass du auf den Verkehr achtest, während um dich herum Leute reden und Musik läuft. Nach fast zwanzig Stadt-, drei Bundesstraßen-, drei Autobahn- und zwei Nachtfahrten sagt H.: "Ich glaube, du bist jetzt soweit."
 
 
 
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