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DIE REIFENPRÜFUNG


9. Einer erzählt, dass B. durchgefallen ist, ausgerechnet B. Er hatte sich schon ein Auto gekauft, einen alten Saab, damit wollte er nach Italien. B. war der Einzige mit einem Mofa-Führerschein, und er war der Beste in der Fahrschule, "ein Riesentalent", wie H. meinte. Und dann ist er über eine rote Ampel gefahren. Einfach so. Ausgerechnet B. Jetzt muss er wieder ein paar Fahrstunden nehmen, sich noch einmal zur Prüfung anmelden, und seinen Führerschein bekommt er nicht mehr am Tag seines 18. Geburtstages, vielleicht zwei, drei Monate später, aus Italien wird wahrscheinlich nichts mehr. Manche sagen, B. hätte geweint, als er aus dem Auto stieg.

10. Die theoretische Prüfung war ein Witz, aber das Schlimmste kommt erst noch. Es gibt einen Mythos, manche nennen es ein ungeschriebenes Gesetz, aber wahrscheinlich ist es nur ein Hirngespinst, und das geht so: Wenn während deiner praktischen Fahrprüfung hinter dir einer hupt, dann fällst du durch. Irgendjemand hat das mal erzählt, oder du hast es im Fernsehen gesehen, jedenfalls ist es das Einzige, an das du denkst, während du vor der Schule auf deinen Fahrlehrer wartest. Er gibt sich betont lässig, aber auf dem Rücksitz sitzt ein Kerl, bei dessen Anblick du unweigerlich denkst: Stasi, Gauleiter, Schill-Wähler. Dein Prüfer. Er entscheidet, ob sich das alles gelohnt hat, ob du am Ende diese läppische Karte bekommst, oder ob du für viel Geld alles noch einmal machen kannst. So wie B. Du steigst ein, stellst deinen Sitz und die Rückspiegel richtig ein, legst den Sicherheitsgurt um, drehst den Zündschlüssel. Deine Hände umfassen das Lenkrad wie die Zeiger auf einer Uhr zehn vor zwei anzeigen, dein linker Fuß hat die Kupplung durchgedrückt. Erster Gang. Der Prüfer sagt, wo es langgeht, und du denkst: "Noch ein paar Minuten, und niemand wird mir das mehr vorschreiben." Der Kerl scheucht dich über Landstraßen, verkehrsberuhigte Zonen, Kreuzungen ohne Ampeln. Er lässt dich rückwärts einparken und danach seitlich, und irgendwann lotst er dich zurück zur Schule und sagt: "Herzlichen Glückwunsch." Niemand hat gehupt, du hast keinen Fehler gemacht, und als es beim seitlichen Einparken eng wurde, hat H. versteckte Zeichen mit seiner Hand gegeben. Du siehst H. heute zum letzten Mal. Das Letzte, was du zu ihm sagst, ist: "Danke." H. hat mit dir 1000 Euro verdient.

Du sitzt im Auto. Es ist dunkel geworden. Deinen Eltern sagst du, dass du nur noch mal um den Block fahren willst. Du schaust dir alles ganz genau an, das Lenkrad, das Armaturenbrett, du schaust nach rechts, ob auf dem Sitz auch wirklich niemand sitzt, dessen Vorname mit H beginnt. Dann legst du dein Autofahrtape ein, drehst den Zündschlüssel, drückst die Kupplung, legst den ersten Gang rein, lässt die Kupplung langsam kommen, gibst vorsichtig Gas und rollst vom Hof. Zweiter Gang, dritter Gang, vierter Gang. Du fährst auf der Landstraße, auf der jetzt kein anderer mehr unterwegs ist, und obwohl es draußen in der Nacht kalt ist, kurbelst du die Fensterscheibe runter. Die linke Hand am Scheitelpunkt des Lenkrads, rechte Hand auf dem Schaltknüppel. Im Rückspiegel siehst du deine Vergangenheit, du siehst dich auf einem Fahrrad oder auf den Bus warten, aber vor dir ahnst du etwas anderes. Irgendwo muss er sein, dieser Ort.
 
 
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Text: Matthias Kalle
Heft Nr. 06 - 04.02.02
Fotos: Gianni Occhipinti

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