Berlin im Wandel

Street-Art to go – ein Graffitispaziergang durch Berlin

Seit jeher befindet sich Graffiti im Spannungsfeld zwischen urbaner Kunst und Sachbeschädigung.  Foto: Jan Kranendon © iStockphotoSeit jeher befinden sich Graffiti im Spannungsfeld zwischen urbaner Kunst und Sachbeschädigung.  Foto: Jan Kranendon © iStockphotoSind Graffiti urbane Kunst oder schlicht Sachbeschädigung? Beim Graffiti-Spaziergang durch Berlin-Kreuzberg erfährt man allerhand über die Entstehungsgeschichte der Bilder und Motive der Sprüher.

Seit fünf Jahren steht in der Oppelner Straße in Berlin-Kreuzberg ein träge wirkender Mann mit gelbem Kopf, der lustlos durch die Gegend schaut. Immer wieder bleiben Passanten vor dem sonderbaren Kerl stehen, zeigen mit dem Finger auf ihn und machen ein Foto. Er ist von überdimensionaler Größe und nicht aus Fleisch und Blut. Das Urban-Art-Duo Os Gêmeos aus São Paulo hat ihn im Rahmen der Backjumps, einer Streetart-Ausstellungsreihe, auf die Hauswand gemalt. Das Motiv ist eines der Highlights des rund dreistündigen Graffiti-Spaziergangs durch Kreuzberg, der regelmäßig von Matze Jung, Martin Gegenheimer und David Kammerer angeboten wird. Diesmal begleiten sie eine 23-köpfige Gruppe im Alter von elf bis 56 Jahren. Der Tross wandert durch den Wrangelkiez in Kreuzberg, dann über die Oberbaumbrücke, geht an der East Side Gallery entlang und endet in der Nähe vom Ostbahnhof. Immer wieder bleibt die Gruppe vor Hauswänden stehen, betrachtet Türen, blickt in Hinterhöfe und lauscht den Ausführungen von Matze Jung. Er erklärt die unterschiedlichen Malstile und spekuliert über politische Aussagen der Bilder.

Graffiti sind kein Vandalismus

Graffiti sollte nicht als Vandalismus, sondern als moderne Ausdrucksform anerkannt werden.  Foto: Francy Steenveld © iStockphoto„Wir sprühen seit Jahren selber, haben als Politik- und Sozialwissenschaftler Erfahrung mit der Subkultur und wollen Interessierten einen differenzierten Blick auf die Schriftzüge und Bilder vermitteln“, sagt Matze Jung. Er und seine beiden Mitstreiter arbeiten als Honorarkräfte beim Archiv für Jugendkulturen, halten Vorträge, geben Workshops und betreiben den Blog graffitiarchiv.wordpress.com. Sie kämpfen dafür, dass Graffiti nicht als Vandalismus, sondern als moderne Ausdrucksform anerkannt werden und als Teil der Jugendarbeit genutzt werden können. Ihr Auftraggeber, das Archiv der Jugendkulturen, sammelt seit 1998 authentische Zeugnisse aus diversen Jugendkulturen, betreibt Forschung, berät Kommunen, Institutionen und Vereine und produziert im hauseigenen Verlag eine Zeitschrift und eine Buchreihe.

Ende 2007 hat sich dem Verein das Graffitiarchiv angeschlossen. Dessen Sammlung besteht aus rund 6.000 Büchern, 400 wissenschaftlichen Arbeiten, 28.000 Zeitschriften, 4.000 CDs, LPs, DVDs und Videos sowie Tausenden von Presseausschnitten und Flyern. Der Verein erhält keine Gelder vom Senat, sondern finanziert sich durch Spenden, Workshops und Aktionen wie die Graffiti-Spaziergänge, die seit Mai 2011 zwei- bis dreimal pro Monat stattfinden. „Bei uns sind schon Schulklassen, kunstinteressierte Rentner oder Sozialpädagogen mitgelaufen“, so Matze Jung.

Mit Filzstiften und Sprühdosen

Graffiti wurde Ende der 1960er Jahre in den USA populär. Foto: © Barbara PolzerDas Archiv der Jugendkulturen befindet sich in der Fidicinstraße 3 in Kreuzberg. Hier beginnt der Spaziergang mit einem einstündigen Vortrag über die Geschichte und Ausprägungsformen von Graffiti. Die Teilnehmer erfahren, dass Graffiti Ende der Sechzigerjahre in den USA populär wurden. Es gab immer mehr Writer, die ihren Namen mit Filzstiften und Sprühdosen im öffentlichen Raum hinterließen. In den 1980er-Jahren schwappte diese Bewegung nach Europa herüber. Die Motive der Sprayer sind vielfältig, im Kern geht es ihnen um die Verbreitung ihres Künstlernamens. „Die meisten suchen Anerkennung, andere wollen Frauen beeindrucken oder ein Abenteuer erleben“, erklärt Martin Gegenheimer.

Spannungsfeld zwischen Kunst und Sachbeschädigung

Graffiti ist Form der Sozialkritik und eine Art der Mitbestimmung urbanen Lebens.  Foto: © Barbara PolzerSeit jeher befinden sich Graffiti im Spannungsfeld zwischen urbaner Kunst und Sachbeschädigung. „Dabei kann das Sprühen als alternative Nutzung vom städtischem Raum angesehen werden“, so Matze Jung. Es sei eine Form der Sozialkritik und eine Art der Mitbestimmung urbanen Lebens. Manche stören sich an den vermeintlichen Schmierereien, andere erfreuen sich an den wilden Schriftzügen und bunten Bildern. Der zwölfjährige Noah Jungegger, der mit seinem Vater Daniel Nachla am Spaziergang teilnimmt, gehört zu Letzteren. Ebenfalls fasziniert sind zwei Dozentinnen der Alice Salomon Hochschule. Elke Josties ist Professorin für Soziale Kulturarbeit und interessiert sich von Berufswegen für Graffiti und Street Art. An ihrer Seite ist die Medienpädagogik-Professorin Ulrike Hemberger. „Wir interessieren uns dafür, wie sich Jugendkulturen ausdrücken und was die Jugendarbeit unternimmt, um sie dabei zu fördern“, sagt Hemberger. Beim Graffiti-Spaziergang erleben die beiden eine außergewöhnliche Perspektive auf einen Teil der Berliner Jugendarbeit.

André Tucic
arbeitet als freier Journalist in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2012

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