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"Hochgradige Spezialisten, meist mit eigener Sammlung" – Harald Kunde über das Kunstpublikum in Aachen

Harald Kunde
Seit 2002 sind Sie Direktor des Ludwig Forums für Internationale Kunst in Aachen. Zuvor leiteten Sie das Dresdner Kunsthaus. Beide Institutionen widmen sich der Gegenwartskunst. Was hat Sie zu dem Wechsel bewogen?

Von September 1995 bis März 2002 leitete ich eine Einrichtung, die anfangs Galerie Rähnitzgasse und später Kunsthaus Dresden - Städtische Galerie für Gegenwartskunst hieß. Es waren intensive "Gründerjahre" in denen ein überregional wahrgenommener Ort für Gegenwartskunst im barock dominierten Dresden geschaffen werden konnte. Nach dieser "Grundlagenarbeit" bot das Ludwig Forum in Aachen genau die richtige Form der gesteigerten Herausforderung: ein großes Haus mit eigener Sammlung und vielfältigem Veranstaltungsprogramm, das aber namentlich im Ausstellungsbereich vitaler Impulse bedurfte.

Aachen liegt unmittelbar an der Grenze zu Belgien und den Niederlanden. Von Dresden bis nach Tschechien ist es auch nicht weit. Arbeiten Sie besonders gern in "Grenzgebieten"?

Grenzregionen haben immer den Vorteil, dass auf engstem Raum verschiedene kulturelle und mentale Einflüsse aufeinander treffen und ein spannungsreiches Klima erzeugen. Was den wirklichen Austausch betrifft, ist die sogenannte Euregio Aachen aber sicher im Vorteil: hier sind die sozialen Differenzen nicht so krass wie in der sächsisch-böhmisch-schlesischen Region, so dass hier etwa Straßenstrich-Szenerien wie an der E 55 undenkbar sind. Hier fahren die Leute eher zum Shoppen nach Maastricht oder zum Froschschenkelessen ins Hohe Venn.

TV Symbol Diashow: Aachen


1984 erlebten Sie als Student der Kunstgeschichte, wie der Aachener Sammler Peter Ludwig an der Universität Leipzig über Picasso referierte. Welchen Eindruck machte der Stifter Ihrer heutigen Arbeitsstätte damals auf Sie?

Natürlich waren wir alle sehr gespannt auf den Megasammler und Schokoladenmagnaten, von dem man hörte, dass er Kunst gern en gros in der Hoffnung erwarb, dass wichtige Stücke schon bei jedem "Fang" übrig bleiben würden (was sich ja eindrucksvoll bewahrheitet hat). Er referierte über "Eine Frau im Leben Picassos", und während des Vortrags war sein Enthusiasmus und seine grundsätzliche Liebe zur Kunst geradezu physisch spürbar. Diese Haltung hat mich sehr beeindruckt und viele gängige Vorurteile gegenüber der vermeintlichen kaufmännischen Hybris revidiert. Er war vielmehr ein Energiebrocken, der alles und jeden in seine Umlaufbahn zog und der sein Ziel der öffentlichen Wahrnehmung von Gegenwartskunst tatsächlich weltweit verfolgte

Für zeitgenössische Kunst interessiert sich meist nur eine Minderheit. Wie unterscheidet sich in dieser Hinsicht das Aachener vom Dresdner Kunstpublikum?

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Innerhalb des Aachener Publikums gibt es bestinformierte Kreise, die seit längerer oder kürzerer Zeit, je nach Lebensalter, alle wichtigen Ausstellungen, Biennalen, Messen usw. besuchen und so ein hochgradiges Spezialistentum, meist im Verbund mit einer eigenen Sammlung, ausgebildet haben, was es in dieser Form in Dresden kaum gibt. Dafür ist das Dresdner Publikum im Schnitt jünger, besitzloser und auf eine naivere Art offen für Neues. Wohlgemerkt, diese Unterscheidung betrifft nur diejenigen, die sich überhaupt für die "Zumutungen" der Gegenwartskunst interessieren; die große Masse ist hüben wie drüben vergleichbar tief in kunstferne Banalitäten verstrickt.

Zu den pädagogischen Angeboten Ihres Hauses zählen unter anderem auch Kindergeburtstage, Familienprogramme und Betriebsfeiern. Was heißt das konkret und wie reagieren die Aachener darauf?

Die museumspädagogischen Aktivitäten nehmen seit der Eröffnung des Hauses 1991 einen breiten Raum ein und werden insgesamt sehr gut angenommen. Im Vordergrund steht dabei immer die Verbindung von Rezeption und Produktion: also die Aufnahme der künstlerischen Impulse aus den Wechselausstellungen und der Sammlung und die eigene Umsetzung in praktischer Arbeit in den dafür vorgesehenen Werkstätten. Dabei sind die Kursangebote nach Altersklassen und Schulformen gestaffelt und richten sich in den Angeboten, die von Künstlern der Region betreut werden, auch an Erwachsene. Kindergeburtstage, Kochkurse mit dem Museumsrestaurant usw. komplettieren das Programm; Anmietungen von Unternehmen und Institutionen wie etwa der RWTH oder des Fraunhofer-Instituts für Empfänge, Kongresse etc. finden regelmäßig statt.

Printen, Schokolade, Marmelade, Fußball, Reitturnier, Dom, Karlspreis - Was immer man mit Aachen assoziiert, Kunst und Kultur liegen auf den hinteren Plätzen. Wie ließe sich dieser Stellenwert verbessern?

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Offensichtlich entsprechen die von Ihnen aufgezählten Stichworte sowohl der Aachener Mentalität als auch den überregionalen Klischees von einer "gemütlichen Kleinstadt im Dreiländereck zwischen Rhein und Maas". Also einem Ort, der in keiner Weise mit Gegenwartskunst assoziiert wird - da bräuchte es urbane Ballungsräume, prosperierende Unternehmen, Museen mit Ankaufsetats, marktrelevante Galerien, Lofts, einen Flughafen, eine Metro, einen Fluss. Da das alles nicht vorhanden ist, ist es schon erstaunlich, dass Aachen, zumindest in Kunstkreisen, dennoch wahrgenommen wird: beginnend durch die unglaubliche Sammlungsaktivität von Peter und Irene Ludwig über heutige Sammlungen von Gegenwartskunst bis hin zur Arbeit solcher Institutionen wie des Ludwig Forums oder des Neuen Aachener Kunstvereins. Um hier eine spürbare Verbesserung zu erzielen, müsste die Stadt Aachen sich umfassender zu diesen Einrichtungen bekennen und durch angemessene Etats eine "kommunale Wahrnehmungswende" herbeiführen

Sie kennen sich in Dresden aus. Seit über vier Jahren arbeiten Sie jetzt in Aachen. Was hat Aachen, was Dresden nicht hat?

Aachen hat heiße Quellen, denen es seine Gründung in römischer Zeit verdankt und die später von Karl dem Großen bis zu heutigen Besuchern der Thermalbäder immer wieder den Gedanken an die Lieblingspfalz heraufbeschworen haben. Aachen hat einen Dom, der über Jahrhunderte Krönungskirche deutscher Könige war und bis heute in siebenjährigem Rhythmus Pilgerströme zu den sogenannten "Heiligtumsfahren" anzieht. Und Aachen hat das Ludwig Forum, ohne das ich nicht an diesen westlichsten Rand der Bundesrepublik gekommen, sondern an den Elbauen verblieben wäre, möglichst von einer Villa in Oberloschwitz aus über die wiedererstandene Frauenkirche und das rekonstruierte Schloss mit dem Grünen Gewölbe blickend und fortwährend sinnierend: "Warum nur gibt es hier kein Museum für Gegenwartskunst..."

Wenn Sie jemand fragt: "Wo finde ich das unverfälschte Aachen?", was würden Sie ihm antworten?

Derjenige könnte sich auf die höchstgelegene Erhebung, den Lousberg, begeben und würde dort, neben einem schönen Panoramablick über die Stadt im Tal, einen Entfernungsmesser antreffen, der seit Napoleons Zeiten eine regionale, eine nationale und eine internationale Dimension anzeigt. Er könnte sich also vergewissern, wie weit es etwa bis Burtscheid oder Hamburg ist und zugleich die Distanz bis nach Lissabon oder Bukarest ablesen. Für mich immer wieder ein schönes Beispiel, wie "der Nabel der Welt" in Relation zu den "Gegebenheiten da draußen" gesetzt werden kann. Wenn derjenige dann noch auf der richtigen Seite des Berges hinabsteigt, kommt er in die Salvatorkapelle, wo ihn die grundlegende Toleranz des rheinischen Katholizismus mit folgender Inschrift beglückt: "Wie Du bist, so darfst Du kommen".

Harald Kunde, Museumsdirektor und Ausstellungskurator, wurde 1962 in Halle/Saale geboren. Er studierte Kunstpädagogik, Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Leipzig. 1992 debütierte Kunde als Ausstellungsmacher im Grassimuseum und an sieben Plätzen der Leipziger Innenstadt mit dem Projekt Erfahrungsräume: un parcours français. Ab 1995 stand er dem Kunsthaus Dresden vor. Seit 2002 leitet er das Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen. Harald Kunde begleitet seit Jahren mit Katalogtexten und Eröffnungsreden das malerische Werk von Neo Rauch, dem Star der Neuen Leipziger Schule.

Aachen in Zahlen
259.010 Einwohner (Stand 2004)
35.000 Studenten, darunter 6.600 Ausländer, an fünf Hochschulen
500.000 Besucher aus aller Welt bei den Weltreiterspielen 2006
4.500 Tonnen Teigmasse verarbeiten Aachens Printenbäcker jährlich
550 neue zukunftsorientierte Betriebe mit 10.000 Arbeitsplätzen seit 1985
47 Träger des Internationalen Karlspreises, darunter Konrad Adenauer, Winston Churchill, François Mitterrand, Helmut Kohl und Bill Clinton
32 deutsche Könige feierten ihr Krönungsmahl im gotischen Rathaus

Die Fragen stellte Klaus Stahl, freier Journalist in Bonn
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Dezember 2006

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