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„Die Stadt atmet Geschichte“ – Barbara Krohn, eine Hamburgerin in Regensburg

Die Obere Bachgasse; Copyright: Regensburg Tourismus GmbH Die Obere Bachgasse; Copyright: Regensburg Tourismus GmbHDie Schriftstellerin Barbara Krohn, die vor allem für ihre Krimis bekannt ist, kommt aus dem hohen Norden Deutschlands und lebt sich seit vielen Jahren im bayerischen Regensburg ein.

Barbara Krohn; Copyright: Barbara KrohnFrau Krohn, eine Ihrer Erzählungen heißt Von der Lust, fremd zu sein. Sie leben und arbeiten seit ungefähr 15 Jahren in Regensburg. Fühlen Sie als gebürtige Hamburgerin sich mittlerweile im Tiefen Süden der Republik heimisch?

Im Gegenteil. Eigentlich fühle ich mich eher unheimischer (aber nicht unheimlicher), und zwar je länger ich hier lebe. Am Anfang standen große Neugier, Entdeckerfreude, dann kam eine Phase des Bekanntwerdens, inzwischen treten die Unterschiede und Fremdheiten deutlicher hervor. ‚Heimat‘ wird ja zurzeit als Thema wiederentdeckt und hat etwas mit Verwurzelung, Wurzeln zu tun. Wenn überhaupt, dann habe ich wohl Luftwurzeln, dann ist das Schreiben eine Heimat. Ansonsten bin ich ein Nordlicht mit Liebe zur Großstadt, zum Hafen, zum Meer. Aber in Regensburg habe ich mich als Gärtnerin entdeckt und mit Begeisterung diverse Zwiefache tanzen gelernt …

Sie meinen diesen Volkstanz, bei dem man paarweise umherwirbelt? Singen Sie denn auch die bairischen Texte mit?

Der Zwiefache hat nichts mit paarweise zu tun, auch wenn man ihn zu zweit tanzt. Es geht um wechselnde Zweier- und Dreierrhythmen in der Melodie, jeder Zwiefache ist anders. Ich bin froh, wenn ich die Texte überhaupt verstehe, radebreche aber gern mit.

Die Altstadt von Regensburg; Copyright: Regensburg Tourismus GmbH
TV SymbolDiashow: Regensburg


Ihr zweiter Krimi Weg vom Fenster, der 1999 erschienen ist, spielt in Regensburg – in den Gassen der Altstadt, die mit ihren 1000 Denkmälern zum Weltkulturerbe gehört. Hat die Altstadt für Sie etwas Geheimnisvolles?

Mich als Großstädterin haben diese spürbar, sichtbar alten Städte mit ihren verwinkelten, engen Gassen, in denen man sich kurzfristig verlaufen kann, schon immer fasziniert. Regensburg erinnert da ja auch an Italien. Die Stadt atmet Geschichte, nicht nur in ihren Denkmälern, Kirchen, Kunstschätzen sondern auch im Alltag. Es gibt hier sehr viel zu entdecken, das ist und bleibt spannend, eine Spannung anderer Art als im Krimi.

Für Ihre Kommissarin Freya Jansen ist Regensburg „die Provinz“. Und für Sie?

Die Stadt ist – vom Bayerischen Wald, von der Oberpfalz aus gesehen – die erste Großstadt auf dem Weg nach München. Was dem einen eng vorkommt, ist für den anderen weit. Aber nicht alles, was sich als weite Welt gebärdet, ist offen. In diesem Sinne halte ich es gern mit Walter Höllerer: Provinz ist eine Möglichkeit. Es kommt immer darauf an, was man daraus macht.

Kommissarin Jansen, die auch aus dem hohen Norden kommt, charakterisiert die Stadt als „eng vernetzt“. Wie erlebt man das als Neuankömmling?

Gerade im Gegensatz zur Großstadt war das von Anfang an spürbar: das Netzwerk Regensburg ist virulent aktiv. Jeder kennt irgendwie jeden, über Verwandte, Bekannte, die Schulzeit, die Tanzstunde, das Studium, den Job. Das ist faszinierend, ich kannte dieses Phänomen aus Hamburg nur aus einer jeweils bestimmten Szene. In Regensburg geht das quer durch alle Alters- und sonstige Interessensgruppen, auch dank der Altstadt, der Biergärten. Wer sich mit offenen Augen umschaut, ist sofort mittendrin im Netz und lernt jede Menge Leute kennen. Das geht in Regensburg sehr schnell.

Die Regensburger, die in Ihrem Roman Weg vom Fenster auftreten, sind durchweg stolz auf ihre Heimatstadt – einer lobt Regensburg sogar als „Stadt der Superlative“. Welche Superlative erscheinen Ihnen als einer Zugereisten treffend?

Porta Praetoria; Copyright: Regensburg Tourismus GmbHKeine Ahnung. Ich mag keine Superlative. Das Schöne an Regensburg ist die gelungene Mischung aus Natur (gleich drei Flüsse münden in die Donau, der Regen, die Naab und ein Stück weiter die Altmühl, der bayerische Wald ist gleich um die Ecke, man ist in zehn Minuten mitten in der Natur – nur das Meer ist leider weit …), Architektur (allein die Geschlechtertürme, die Bogengänge), Geschichte (die Römer, das Mittelalter, der immerwährende Reichstag, da gäbe es viel zu nennen), Alltagskultur (mit Kneipen, Cafés, Galerien, Theater, Kinos etc.). Manchmal hat man das Gefühl, in dieser Stadt gehen die Uhren einen Tick langsamer. Das ist nicht negativ gemeint, hat eher etwas mit Menschenmaß zu tun.

Welchen Ort würden Sie jemandem, der die Stadt zum ersten Mal besucht, besonders ans Herz legen?

Stadtamhof. Das ist das Viertel jenseits der Steinernen Brücke, das ehemals zu Bayern gehörte. Dort hat sich in den letzten Jahren viel getan. Von Stadtamhof aus über die Donau auf Regensburg zugehen, vor den Augen die Altstadtkulisse entlang des Flusses, das kann der Beginn einer Liebe sein, die nicht heimisch werden muss.

Zur Person:
Barbara Krohn wurde 1957 in Hamburg geboren. Sie hat Germanistik und Italianistik studiert und hat vier Jahre lang als DAAD-Lektorin in Neapel gearbeitet. Seit 1992 lebt sie mit Mann und zwei Kindern in Regensburg, wo sie als Schriftstellerin und literarische Übersetzerin arbeitet. Im Jahr 2002 erhielt sie den Kulturförderpreis der Stadt Regensburg. Sie schrieb u.a.:
Rosas Rückkehr (Kriminalroman), 2002
Die Liebe der anderen (Reigenerzählungen), 2003
Orte der Liebe (Gedichte), 2004
Was im Dunkeln bleibt (Kriminalroman), 2007

Regensburgs Superlative
Die viertgrößte Stadt in Bayern (151.000 Einwohner) liegt am nördlichsten Punkt der Donau. Hier steht die älteste Steinbrücke Deutschlands – sie wurde zwischen 1135 und 1146 erbaut. Die Regensburger Altstadt mit ihren über 1.000 geschützten Denkmälern gehört seit 2006 zum UNESCO-Welterbe und ist die größte mittelalterliche Stadtanlage nördlich der Alpen. Regensburg trägt den stolzen Namen „Nördlichste Stadt Italiens“. Das Schloss Thurn und Taxis hat 500 Zimmer und ist damit das größte in Deutschland. Die Regensburger Domspatzen gehören zu den international berühmtesten Chören. Der prominenteste Ehrenbürger der Stadt ist Papst Benedikt XVI., der einst an der Universität Regensburg gelehrt hat. Und schließlich gibt es in Regensburg mit der „Wurstkuchl“ die älteste Bratwurststube der Welt.

Die Fragen stellte Dagmar Giersberg. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Juli 2007

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