Görlitz – Grenze und Brücke in der Mitte Europas


Östlicher als Görlitz liegt keine deutsche Stadt und zugleich liegt Görlitz in der Mitte des zusammenwachsenden Europas. Die symbol- und geschichtsträchtige Stadt an der Neiße wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in das deutsche Görlitz und das polnische Zgorzelec geteilt. Heute suchen beide Teile als Europastadt Görlitz/Zgorzelec gemeinsam neue Wege.
Görlitz, die östlichste Stadt Deutschlands, ist eine der schönsten: Die Innenstadt besteht aus einem einzigartigen Ensemble von Häusern in den Stilen der vergangenen 500 Jahre – Spätgotik, Renaissance, Barock, Gründerzeit und Jugendstil. Über 3.500 Gebäude stehen unter Denkmalschutz und bilden das größte zusammenhängende Flächendenkmal Deutschlands.
Wechselvolle Geschichte
Görlitz entwickelte sich im Spätmittelalter zu einer bedeutenden Handelsstadt, denn hier kreuzten sich zwei wichtige Handelsstraßen – die Via Regia, die von Spanien bis nach Russland führte, und die Bernsteinstraße als Verbindung zwischen der Ostsee und Böhmen. Aus dieser Zeit stammen als beeindruckende Zeugen des Wohlstands die Hallenhäuser am Untermarkt.Kriege um die Vorherrschaft in Europa – wie der Dreißigjährige Krieg und die Napoleonischen Eroberungszüge – beendeten die erste Blütezeit der Stadt.
Ab dem 19. Jahrhundert stieg Görlitz als Teil Preußens zum wirtschaftlichen, politischen und geistigen Zentrum der Oberlausitz auf. In dieser zweiten Glanzzeit entstanden die prächtigen Wohnviertel in Historismus und Jugendstil.
Teilung der Stadt
"Der Zweite Weltkrieg änderte dann alles. Zwar blieb die Stadt weitgehend unbeschädigt, doch sie wurde 1945 infolge des Potsdamer Abkommens, das die Gebiete östlich der Oder/Neiße-Linie unter polnische bzw. sowjetische Verwaltung stellte, auseinander gerissen."Kampf gegen den Verfall
Nach der Wende 1990 stand Görlitz kurz vor dem Verfall, da die wertvollen Baudenkmäler zu DDR-Zeiten nicht gepflegt worden waren. In den 70er Jahren hatte es sogar Pläne gegeben, die gesamte Innenstadt aus Sicherheitsgründen abzureißen.
Ein aufwändiges Sanierungsprogramm, das unter anderem von einem anonymen Spender mit Millionen-Beträgen unterstützt wird, hat der Stadt in den letzten Jahren viel von ihrem alten Glanz zurückgegeben. Zwei Drittel der Altbauten sind bereits saniert, Spuren des aufgehaltenen Verfalls sind nur noch in wenigen Seitengassen auszumachen.
Am gegenüberliegenden Ufer der Neiße bietet das polnische Zgorzelec ein anderes Bild. Hier lässt sich noch erahnen, wie Görlitz vor der Wiedervereinigung ausgesehen hat.
Mittlerin auch in schwierigen Zeiten
Jedoch: Der neue Glanz des deutschen Teils der Stadt kann die gravierenden Strukturprobleme nicht überstrahlen. Bei einer hohen Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent lässt sich die starke Abwanderung der jungen Leute kaum aufhalten. Seit 1990 ging die Einwohnerzahl um 15 Prozent auf knapp über 60.000 zurück. Zudem haben beide Stadthälften mit gegenseitigem Misstrauen und Vorurteilen zu kämpfen.Vielleicht ist es aber gerade ihre nicht unproblematische Geschichte und Gegenwart, die die Zwillingsstadt im zusammenwachsenden Europa zur Mittlerin zwischen Ost und West macht.
Seit 1998 tragen die ungleichen Schwestern den Titel "Europastadt Görlitz/Zgorzelec" und arbeiten an der gemeinsamen Vision "Eine Stadt – zwei Nationen". Zwar ist die Suche nach einer grenzüberschreitenden Identität, nach Brücken über verschüttete Gräben, über soziale und kulturelle Grenzen nicht abgeschlossen. Aber viele Zeichen weisen in eine hoffnungsvolle Zukunft. Das symbolträchtigste ist wohl der geplante Wiederaufbau der 1945 zerstörten Altstadtbrücke zwischen Görlitz und Zgorzelec.
Dagmar Giersberg arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Bonn.
online-redaktion@goethe.de
Oktober 2005













