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In Augsburg lassen sich nur die Puppen an der Nase herumführen

Klaus Marschall
Cop: Augsburger Puppenkiste/Foto: Elmar HerrAugsburg, die drittgrößte Stadt Bayerns, ist seit 60 Jahren die Heimat des wohl berühmtesten deutschen Marionettentheaters. Klaus Marschall, der Leiter der Augsburger Puppenkiste, beschreibt im Gespräch, was die Stadt für ihn so angenehm macht – und dass sich die Augsburger nicht an die Leine nehmen lassen.

Herr Marschall, leben Sie und Ihre Puppen gern in Augsburg?

Ja!

Was schätzen Sie besonders an dieser Stadt?

Es ist eine Großstadt, aber sie ist noch nicht zu groß. Augsburg ist noch überschaubar.

Was sollte man nicht verpassen, wenn man Augsburg besucht?

Fuggerei, Brunnen
Cop:  context medien AugsburgRathausplatz in Augsburg
Cop: pixelio.deNatürlich unser Puppentheatermuseum und die Augsburger Puppenkiste (lacht). Aber auch der goldene Saal im Rathaus und die Fuggerei sind tolle, einzigartige Orte, die man sich auf jeden Fall anschauen sollte. Und – nicht zu vergessen – die Augsburger Altstadt mit dem Handwerkerweg und den vielen alten Bürgerhäusern.

Können Sie kurz erklären, was die Fuggerei ist?

Das ist die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt. Eine kleine Stadt in der Stadt – mit einer Kirche, einer Stadtmauer, drei Stadttoren und acht kleinen Gassen.

Mal abgesehen von der Puppenkiste: Wo spüren Sie persönlich am meisten, dass Sie in Augsburg sind?

Auf dem Rathausplatz.

Fehlt Ihnen hier in Augsburg etwas? Vermissen Sie etwas an dieser Stadt?

Nein. (überlegt)

Wirklich gar nichts?

Nee! Es gibt natürlich immer Punkte, an denen man Kritik üben kann, aber das sind dann eher Dinge aus dem tagesaktuellen Geschehen. Nein, ich fühle mich hier wohl.

Wird Ihr Theater in erster Linie von Augsburger Bürgern besucht?

Die Stars der Augsburger Puppenkiste
Cop: Augsburger Puppenkiste/Foto: Elmar HerrWir hatten im letzten Jahr 150.000 Besucher im Theater und im Museum. Die Puppenkiste ist als Theater mit circa 440 Vorstellungen pro Jahr zu 98,7 Prozent ausgelastet. 35 Prozent der Besucher kommen dabei aus dem Augsburger Stadtgebiet, 17 Prozent aus dem Umland, weitere 30 Prozent aus dem restlichen Bayern. Der Rest stammt aus den anderen Bundesländern und ein Prozent der Besucher kam aus dem Ausland.

Welche Ihrer Marionettenfiguren hätte Ihrer Meinung nach den Ehrenbürgertitel der Stadt verdient – der Kasperl, Jim Knopf, Kalle Wirsch, Kater Mikesch, Urmel …?

Kasperle
Cop: Augsburger Puppenkiste/Foto: Elmar HerrDer Kasperl. Er hat vor 60 Jahren die Puppenkiste eröffnet und ist seit vielen Jahren unterwegs, um Augsburg als seine Heimatstadt bekannt zu machen. Er war in diesem Jahr schon in den USA, in Atlanta. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass der Kasperl versucht, überall den typischen Augsburger Dialekt hochleben zu lassen.

Mit dem Augsburger Religionsfrieden wurde 1555 erstmals die Koexistenz zweier unterschiedlicher Konfessionen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation anerkannt. Erleben Sie Augsburg als tolerante Stadt?

Ich glaube, da unterscheidet sich Augsburg vielleicht nicht so sehr von anderen Städten. Aber es stimmt schon, dass Augsburg eine sehr tolerante Stadt ist. Wir haben hier auch sehr schöne und interessante Projekte zum Beispiel mit dem jüdischen Kulturmuseum, aber auch gute Projekte über Alternativkultur. Gerade im Bereich Integration passiert hier doch sehr viel.

Rudolf Diesel hat ab 1893 in der Maschinenfabrik Augsburg den Dieselmotor entwickelt. Herrscht in Augsburg heute noch ein Klima für solche Pionierleistungen?

Hm. Ja, ich denke schon. Die Augsburger sind sehr aktiv – vor allem auch dann, wenn die Politik nicht das tut, was die Bürger wollen. Wir sind in den letzten Jahren fast schon zu der Stadt der Bürgerentscheide geworden. Zwar wurden nicht alle durchgesetzt, aber zum Teil musste das auch nicht sein, weil die Politik schon vorher vor dem Willen der Augsburger eingelenkt hat.

Aber der Augsburger an sich hat schon seinen eigenen Kopf und darin kann schon auch noch der Erfindergeist leben.

Worum ging es in den Bürgerentscheiden?

Ach, um alles Mögliche. Die Augsburger haben zum Teil Umbauten verhindert. Der letzte Bürgerentscheid, der angedroht war, ging um den geplanten Verkauf des Augsburger Trinkwasser-Schutzgebiets. Es sollte an eine stadteigene GmbH verkauft werden, um Geld in die Kassen zu bekommen. Dagegen haben sich die Augsburger gewehrt. Sie wollten, dass das Schutzgebiet auf jeden Fall in kommunaler Hand bleibt. Und das haben sie geschafft.

In Augsburg wirkten im Mittelalter auch die Fugger, die legendäre Kaufmannsfamilie. Hat der Augsburger ein besonderes Verhältnis zum Geld?

Ich glaube, der Augsburger an sich ist recht sparsam – da kommt immer der Schwabe durch.

Können Sie uns eine lokale kulinarische Spezialität empfehlen?

Aber sicher: Augsburger Zwetschgendatschi. Das ist ein Kuchen, der im Augsburger Raum absolut einzigartig ist. Zwetschgen auf Mürbeteig.

Der berühmteste Sohn Augsburgs ist Bertolt Brecht. Sehr viel kann er nicht von seiner Heimatstadt gehalten haben. Er soll einmal gesagt haben, das Beste an Augsburg sei der Zug nach München. Und: Was ist für Sie das Beste an Ihrer Heimatstadt?

Natürlich die Puppenkiste. Zur Ehrenrettung des Dichters: Die gab es ja noch nicht, als Bertolt Brecht in Augsburg gelebt hat.
Die Fragen stellte Dagmar Giersberg.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Foto „Augsburger Rathaus“ © MarMar / PIXELIO

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

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Dezember 2008

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