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Stolz auf Mann und Marzipan – Die Hansestadt Lübeck

St. Marien zu Lübeck; Copyright: Lübeck und Travemünde, Tourist-Service GmbH Ganz schön nobel: Die alte Hansestadt Lübeck ist nicht nur für die Produktion edlen Marzipans bekannt. Hier erblickten gleich zwei deutsche Nobelpreisträger – Thomas Mann und Willy Brandt – das Licht der Welt und ein weiterer – Günter Grass – machte Lübeck zu seiner Wahlheimat.

"Will nun einer […] mir eins auswischen, so kann ich mit Sicherheit darauf rechnen, daß meine Lübecker Herkunft und der Lübecker Marzipan aufs Tapet kommt: […] ich werde als Lübecker Marzipanbäcker hingestellt, was man dann literarische Satire nennt. Sie tut mir aber gar nicht weh; denn was Lübeck betrifft, so muß man irgendwoher ja sein, und ich sehe nicht ein, warum Lübeck eine lächerlichere Herkunft sein sollte als eine andere – ich rechne es sogar zu den besseren Herkünften. Durch den Marzipan aber kann ich mich nun schon gar nicht gekränkt fühlen, denn erstens ist er eine sehr wohlschmeckende Substanz und zweitens eine nichts weniger als triviale, sondern geradezu merkwürdige und […] geheimnisvolle."

Es ist kein glühendes Plädoyer für die Heimatstadt, das Thomas Mann mit seiner Rede "Lübeck als geistige Lebensform" anlässlich der 700-Jahrfeier der Stadt im Juni 1926 vorgetragen hat. Ein solches hätte auch nicht seinem hanseatischen Wesen entsprochen.

Backstein und Bürgerpalais

Dabei bietet Lübeck durchaus Anlass für überschwänglichere Töne. Die Altstadt liegt auf einer Insel, die von der Trave umflossen wird. Dieser mittelalterliche Stadtkern mit seinen Kirchen aus rotem Backstein, den engen Gässchen und großzügigen Bürgerpalais ist seit 1987 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.

Auf Kopfsteinpflaster erkundet man die Hauptstadt des Backsteins am besten zu Fuß. Dabei begegnen alle Nase lang gut erhaltene und mit Klinkern verzierte Giebel-Häuser. Und laufend zweigen kleine Gänge ab – so nennt man die versteckt gelegenen Wohnbereiche, in denen im späten Mittelalter die Tagelöhner in mitunter winzigen "Buden" untergebracht waren. Das Zentrum der Altstadt bildet der Platz mit den bedeutenden Zeugnissen der Backsteingotik – der Marienkirche und dem Rathaus. Von hier aus soll sich die gotische Bauweise entlang der Ostseeküste ausgebreitet haben.

Kaufmänner und Königin

Die stattlichen Kaufmannshäuser legen heute noch Zeugnis von Lübecks Vergangenheit als "Königin der Hanse" ab. Im Mittelalter galt sie als wichtigste Stadt Norddeutschlands in diesem Städtebund, der über Jahrhunderte hinweg den gesamten Handel im Ost- und Nordseeraum dominierte.

Mit dem Niedergang der Hanse ab dem 16. Jahrhundert waren auch die glanzvollen Tage Lübecks gezählt. So spielt die Geschichte des Verfalls einer reichen Kaufmannsfamilie, die Thomas Mann in seinem Roman "Buddenbrooks" erzählt, keineswegs nur zufällig in Lübeck.

Nestbeschmutzer und Nobelpreis

Im Haus der Großeltern der Brüder Heinrich und Thomas Mann, in der Mengstraße 4, ist heute ein Museum untergebracht. In unmittelbarer Nähe zur Marienkirche kann man sich im Buddenbrookhaus anhand von Briefen und Fotos ein Bild vom Leben der Künstlerfamilie machen und zugleich in die Welt der Buddenbrooks abtauchen. Die Wohnräume sind nach den Beschreibungen des Romans, für den Mann 1929 den Nobelpreis für Literatur bekommen hat, gestaltet.

Was heute selbstverständlich erscheint – den prominentesten Sohn der Stadt in einem Museum zu ehren –, war lange Zeit undenkbar. Bereits die "Buddenbrooks" waren als Nestbeschmutzung verstanden worden. Manns Reaktion auf die Bombenangriffe der britischen Luftwaffe, bei denen im April 1942 ein Fünftel der historischen Altstadt Lübecks zerstört wurde, stieß auf große Empörung. Er habe – so teilte er über die BBC mit – "nichts einzuwenden gegen die Lehre, daß alles bezahlt werden muß". Erst 1955 trugen die Lübecker Thomas Mann die Ehrenbürgerschaft an. Bei den vorangegangenen Beratungen im Rathaus sollen die Befürworter eine Mehrheit von nur einer Stimme gehabt haben. Mann bedankte sich mit dem "gut lübischen Spruch": "Allen zu gefallen – ist unmöglich."

Multitalent und Marzipan

Gut gefällt es den Lübeckern heute, dass ein anderer Literaturnobelpreisträger seit Jahrzehnten ganz in ihrer Nähe lebt und arbeitet. Mit dem Günter-Grass-Haus wurde in der Glockengießerstraße zum 75. Geburtstag des Schriftstellers, Malers und Bildhauers eine Ausstellungs- und Forschungsstätte eröffnet, die sich künstlerischen Mehrfachbegabungen und medialen Grenzüberschreitungen widmet. Die Grass-Sammlung umfasst den literarischen Vorlass nach 1995, eine Auswahl aus dem bildkünstlerischen Œuvre und den gesamten druckgraphischen Bestand.

Und nicht weniger stolz sind die Bürger Lübecks auf die wohl berühmteste Spezialität ihrer Stadt – das Marzipan. Die Firma Niederegger produziert täglich bis zu 30 Tonnen der Delikatesse. Und selbst auf jedem noch so kleinen verpackten Osterei kann man die Lübecker Herkunft am aufgedruckten Wahrzeichen der Stadt – dem Holstentor – erkennen.

Wer mehr über die "geistige Lebensart" der Hansestadt erfahren möchte, dem seien die Werke des vermeintlichen "Lübecker Marzipanbäckers" ans Herz gelegt. Denn der bekannte in seiner Ansprache bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft in seiner Vaterstadt 1955: "Meine Bücher sind unverkennbar deutsch. […] Sie können nur von einem Deutschen sein, und ich möchte das Ding auf die Spitze stellen und hinzufügen: nur von einem Lübecker."

Dagmar Giersberg
Cleeves Communication UnitZwei
Redakteurin und Publizistin in Bonn

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April 2005

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