Aschaffenburg: Gemütlichkeit im Windschatten der Öffentlichkeit

Mit ihren Karikaturen, die etwa in der „FAZ“ und der „Titanic“ erscheinen, kommentieren Achim Greser und Heribert Lenz seit einem Vierteljahrhundert gemeinsam das politische Geschehen in Deutschland – und seit fünf Jahren aus Aschaffenburg.
Herr Greser, Herr Lenz, wie sind Sie beide in Aschaffenburg gelandet?
Wir haben vor fünf Jahren ein Haus mit Atelier in Aschaffenburg erworben. Aschaffenburg ist der preisgünstigste Immobilienstandort im Rhein-Main-Gebiet. Außerdem kommen wir beide aus Unterfranken und haben auch aus Sentimentalität Heimatnähe gesucht.
Was schätzen Sie besonders an Ihrer Stadt?
Dass sie im Windschatten der Öffentlichkeit existiert und überregional eigentlich nur aus den Verkehrsfunkmeldungen über die ewigen Staus auf der daran vorbeiführenden A 3 bekannt ist. Die Folge davon ist, dass sich eine gewisse Gemütlichkeit erhalten hat, die dem hysterischen, erneuerungssüchtigen Zeitgeistwahn standhält. Zudem ist die Verkehrsanbindung so gut, dass man jederzeit, mit jedem Verkehrsmittel überallhin abhauen kann.
Was dürfen Besucher der Stadt auf keinen Fall verpassen?
Das 400 Jahre alte Renaissanceschloss. Dort kann man über 200 Jahre alte Korkmodelle klassischer Bauwerke von erstaunlicher Detailverliebtheit finden, die bei festlichen Anlässen am Tisch seinerzeit für anregenden Gesprächsstoff sorgen sollten. Diese Arbeiten sind großartig, aber eigentlich wundert man sich, dass solche Gesprächsanregungen in Aschaffenburg notwendig gewesen sein sollen, denn die Menschen hier sind angenehm verbabbelt und bei jeder Gelegenheit zu ausschweifenden Unterhaltungen in der Lage.
Welches ist für Sie das schönste Bauwerk der Stadt?
Das schäbigste ist jedenfalls das Geburtshaus des expressionistischen Malers Ernst Ludwig Kirchner. Übertroffen wird dieses Gebäude allerdings noch von der sogenannten Autobahneinhausung bei Goldbach: ein scheußliches, kilometerlanges Beton-Mahnmal, wahrscheinlich sogar als Lärmschutz damals gut gemeint. Pflichtprogramm für angehende Architekten und Städteplaner!
Wo macht man die erholsamsten Spaziergänge?
Im Park Schönbusch, einer englischen Parkanlage, die die Kurfürsten von Mainz als Sommer-Resort zum Schloss erbaut haben. Die Sichtachse zwischen dem Schloss und der Sommerresidenz auf der anderen Main-Seite ist bis heute erfreulicherweise unverbaut. Das ist schon erstaunlich, eigentlich würde man doch eher damit rechnen, dass es sich längst ein AOK-Gebäude oder ein Heimwerkermarkt in der Achse bequem gemacht hat.
Aschaffenburg weist die höchste Dichte an Gaststätten und Kneipen in Bayern auf. Wo trinken Sie Ihr Bier am liebsten?
Es gibt in der Nähe des Schlosses einige Gasthäuser mit regionalen Spezialitäten. Im „Schlappeseppel“ schmeckt nach unserer Ansicht das Bier am besten. Vielleicht aber auch in der „Pizzeria Zur Brezel, griechische Spezialitäten“, dem Gasthaus in unserem Stadtteil. Das muss noch überprüft werden.
Welche kulinarische Spezialität können Sie empfehlen?
Aschaffenburg gehört zu Bayern, beziehungsweise Franken. Das bestimmt die Identität der Aborigines sehr stark, obwohl sie sprachlich und kulturell eher mit den benachbarten Hessen verwandt sind. In der Gastronomie setzte sich erfreulicherweise die fränkische Kultur durch. Zur Erklärung möchten wir anfügen, dass es uns ein Rätsel ist, warum das Phänomen des Kannibalismus in Hessen, repräsentiert durch Herrn Armin Meiwes, den „Kannibalen von Rotenburg“, angesichts der Hervorbringungen der hessischen Küche nicht schon viel früher und häufiger aufgetreten ist. Außerdem sorgt die Sparsamkeit und das Traditionsbewusstsein der Aschaffenburger für ein hohes Niveau bei akzeptablen Preisen im Metzgereihandwerk.
Der Romantiker Clemens Brentano liegt auf dem Altstadtfriedhof begraben. Hat Aschaffenburg etwas Romantisches oder Märchenhaftes?
Am Schloss Mespelbrunn, ein kurzes Wegstück von Aschaffenburg entfernt, hat vor einigen Jahren ein Herr seine abspenstige Freundin ermordet. Der genannte Mann hatte als Laienschauspieler in einem Spessartstück mal einen Räuber verkörpert. Auf dem Foto in der Zeitung, die sich mit dem Mord beschäftigte, trug der Verdächtige diesen Räuberschlapphut und stellte so einen lächerlichen Kasperltheater-Mörder dar. Unwirklich und märchenhaft!
Wie würde Ihre Karikatur von Aschaffenburg aussehen?
Ein mindestens 10-spuriges Autobahngroßkreuz über der Stadt mit Abfahrten in alle Stadtteile, dazu eine Autobahnraststätte, in der nur Alkoholika verkauft werden, um die Autofahrer an der Ausfahrt gleich in einer Alkoholkontrolle schnappen zu können.
Die Städtische Musikschule Aschaffenburg wurde 1810 gegründet und gilt als älteste Musikschule Deutschlands. Außerdem eröffnete hier 1904 die erste Fahrschule Deutschlands. Was haben Sie in Aschaffenburg gelernt?
Naja, in gewisser Weise und für manche Angelegenheiten betrachten wir uns als Missionare.
Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2010
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de













