Garmisch-Partenkirchen: Atemberaubende Aussichten und knorrige Eigenständigkeit

Mehr als eine Million Menschen kommen jährlich nach Garmisch-Partenkirchen, um das Bergpanaroma zu genießen. Der bayerische Sänger und Kabarettist Georg Ringsgwandl hat dort gelebt – und kann von den Besonderheiten der Garmischer ein Lied singen.
Herr Ringsgwandl, Sie haben lange als Oberarzt in Garmisch-Partenkirchen gearbeitet und auch dort gelebt. Vermissen Sie die Stadt?
Ja, man vermisst Garmisch im Winter – das einzigartig schöne Wetter im Winter. Wenn es im Flachland in München vor dem Gebirge neblig und trüb ist, dann ist es in Garmisch zum Teil wochenlang jeden Tag schön. Das ist traumhaft. Und das vermisst man.
Garmisch-Partenkirchen ist ein heilklimatischer Kurort. Was ist so gesund an dieser Stadt?
Jeder Ort in den Alpen ist ein heilklimatischer Kurort. Wenn Sie keine Thermalquellen haben, keinen Strand, kein Moor, dann müssen Sie ein heilklimatischer Kurort sein.
Was darf ein Besucher auf keinen Fall verpassen?
Er sollte einmal in das Bräustüberl gehen. Das ist eine von den wenigen verbliebenen, wirklich bayerischen Wirtschaften – eine wirklich schöne, klassische Wirtschaft, nicht so verkitscht, wie das, was man im Fernsehen im Musikantenstadl sieht. Ansonsten sollte man sich einfach einmal in den Talkessel stellen und im Kreis herumschauen. Da hat man eine Landschaft vor sich, die ungeheuer gewaltig ist. Wenn man einen halbwegs schönen Tag erwischt, ist das einfach atemberaubend.
Haben Sie einen Lieblingsplatz in Garmisch-Partenkirchen?
Wir haben damals an einer traumhaft schönen Stelle gewohnt – im alten Ortskern von Garmisch. Wir hatten eine Jahrhundertwende-Villa direkt an der Loisach, also dem Fluss, der durch Garmisch fließt. Nach Süden hatte man einen Blick auf die gesamte Bergkette vom Mittenwald über das Wettersteingebirge zur Zugspitze und weiter nach Westen. Und hinter dem Haus ist der Fluss vorbeigerauscht. Das war mir der liebste Ort. Es gäbe aber noch eine Alternative: die Sankt-Martinshütte. Man geht eine Dreiviertelstunde hoch und dann guckt man runter. Traumhaft.
München und Garmisch-Partenkirchen bewerben sich gemeinsam für die Olympischen Winterspiele 2018. In Garmisch-Partenkirchen hat es bei den Landwirten, die ihre Felder zur Verfügung stellen sollen, Widerstand gegeben. Eine Landwirtin soll gesagt haben, es würde auch nichts nützen, wenn Ministerpräsident Horst Seehofer persönlich bei jedem klingeln würde. Ist das eine typische Haltung für die Einheimischen?
Das spezielle Kolorit der Einheimischen darf man in der Öffentlichkeit nicht besprechen. Das hat nicht einmal Richard Strauss gewagt, und der hat lange Zeit dort gelebt. Garmisch ist halt ein ganz besonderer Ort. Ich will es positiv ausdrücken: Die Urbevölkerung, soweit sie noch existiert – in ganz strenger Form tut sie das in der Freiwilligen Feuerwehr, im Schützenverein und Almbauernverein – hat so etwas Knorriges und Eigenständiges. Sie ist sehr auf sich selbst zurückgezogen.
Nicht einmal von dem bayerischen Genie Franz-Josef Strauß haben sich die Garmischer beeindrucken lassen. Wenn er ihnen irgendwo hineinregieren wollte, haben sich die Garmischer, und erst recht die Partenkirchener, immer dagegen gewehrt. Garmischer und Partenkirchener haben auch nichts mit den übrigen Bayern zu tun. Ich bin in Bad Reichenhall aufgewachsen, also nicht so weit weg. Und ich bin nun wirklich ein Bayer, aber in Garmisch werden Sie deshalb trotzdem nicht so ohne Weiteres heimisch. Sie werden nie als Einheimischer akzeptiert. Wobei ich als Bayer immer noch bessere Chancen hätte als ein Hannoveraner.
Das Gute ist wiederum: Diese Schattenseite der Eigenständigkeit bleibt den meisten Urlaubern verborgen. Der Urlauber fährt wieder nach Hause, bevor er merkt, wie die Einheimischen miteinander umgehen, wenn die kalte Jahreszeit kommt.
Garmisch-Partenkirchen liegt am Fuß der Zugspitze, die mit ihren 2.962 Metern der höchste Berg Deutschlands ist. Welcher Superlativ passt für Sie zu dieser Stadt?
Ja, was soll ich sagen? Also: Es ist die einzige Stadt, die mich 14 Jahre lang als Arzt ertragen hat. Oder: Die einzige entlegene Stadt, die einen sehr hohen Berg hat und trotzdem vom ICE angefahren wird. Wenn man richtig fies sein wollte, könnte man auch sagen: Garmisch-Partenkirchen ist die einzige Stadt der Welt, die Jahrzehnte lang einen so großen Komponisten wie Richard Strauss beherbergt hat und es bis heute nicht wahrhaben will ... Sie hassen ihn nämlich nach wie vor. Das internationale Ziehharmonikatreffen ist ihnen wichtiger als die Alpensinfonie.
Wenn Sie ein Lied über Garmisch-Partenkirchen schreiben würden, wie würde es klingen?
Es wäre einfach und lustig.
Garmisch-Partenkirchen war am Anfang des letzten Jahrhunderts ein Treffpunkt für Literaten – wie Kurt Tucholsky, Karl Kraus, Erich Kästner, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger. Wer trifft sich heute in Garmisch-Partenkirchen?
Es gab ein paar Schriftsteller, aber die haben dort eher incognito gelebt, Michael Ende zum Beispiel. Ansonsten ist die Kunst der Rechtschreibung mit dem Dritten Reich aus dem Talkessel verbannt worden. Heute treffen sich die Leute hier eher für eine HipHop-Party auf der Piste.
Dagmar Giersberg
führte das Interview. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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Dezember 2010
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