Die Römerstadt Xanten: „Eine Stadt für alle Jahreszeiten“

Die niederrheinische Kleinstadt Xanten versteht es, ihre 2.000 Jahre alte Geschichte besonders attraktiv zu präsentieren. Was die hohe Lebensqualität der Römerstadt darüber hinaus ausmacht, verrät der vielfach ausgezeichnete Kinder- und Jugendbuchautor Willi Fährmann.
Herr Fährmann, Sie leben seit fast 50 Jahren in Xanten, einer kleinen Stadt am Niederrhein mit rund 20.000 Einwohnern – aus Überzeugung?
1963 zog ich als Schulleiter nach Xanten und machte bald eine überraschende Erfahrung: Die kleine Stadt zeigte mehr städtisches Leben, als die viel größere Vorstadt Duisburgs, in der ich aufgewachsen bin. Das drückte sich vor allem darin aus, dass sich die Bürger insgesamt viel stärker am kulturellen, öffentlichen und politischen Leben beteiligten. Das ist bis heute noch so.
Xanten ist die einzige deutsche Stadt, die mit dem Buchstaben X beginnt. Was macht Xanten für Sie einmalig?
Das ist für mich vor allem die fast 2.000-jährige Geschichte, die bis heute lebendig geblieben ist. Unser Haus steht auf den Fundamenten der römischen Stadtmauer. Die Türme des wunderbaren Viktor-Domes winken herüber. Der Wiederaufbau der im Februar 1945 vollständig zerstörten Stadt ist beispielhaft gelungen.
Jährlich besuchen 800.000 Touristen die alte Römerstadt. Was darf ein Besucher keinesfalls verpassen?
Dieser Dreiklang ist für wohl alle Besucher verlockend: der Dom mit dem Stiftsmuseum, der Archäologische Park mit dem Römermuseum und der historische Stadtkern mit dem Nibelungen(h)ort.
In welcher Jahreszeit ist Xanten besonders attraktiv?
Wenn ich mit meiner Frau durch die Stadt gehe oder in Sichtweite der Türme und Mauern rundum fahre, dann stellen wir stets erneut fest: Jedes Wetter zeigt die Stadt in einem anderen Licht. Die Sommersonne mit dem oft lebhaften Wolkenhimmel, die diesig-verhangenen Tage, die reizvolle Grauschleier über das Land breiten, die wenigen, winterlichen Frosttage, die die Seen zwischen Stadt und Rhein erstarren lassen, selbst in Regenstunden, wenn man in einem der zahlreichen Cafés sitzt und zusieht, wie die Tropfen auf dem Pflaster zerplatzen, dann weiß ich: Xanten ist eine Stadt für alle Jahreszeiten.
Welches Bauwerk ist für Sie das spannendste?
Das ist für mich der Dom, dessen Wurzeln vom 4. Jahrhundert an sichtbar sind. Die Gegenwart ist dabei nicht ausgeblendet. Die Krypta lädt ein, aus der Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft zu lernen.
Im beeindruckenden Archäologischen Park in Xanten findet seit 1998 jedes Jahr der „Tag der Begegnung“ statt, das größte Integrationsfest von Menschen mit und ohne Behinderung in der Bundesrepublik Deutschland. Ist Xanten eine besonders offene Stadt?
Das ist ein Tag im Jahr, auf den viele Xantener stolz sind. Eine Jahrhunderte alte Übung im Umgang mit Römern, Spaniern, Franzosen, Niederländern, Briten und Amerikanern schaffte Erfahrung im menschlichen Miteinander. Xanten ist tatsächlich eine offene Stadt.
Worüber kommt man mit den Xantener am besten ins Gespräch?
Über die alltäglichen Fragen der Stadtplanung, besonders über die Schnittstellen: „Soll alles so bleiben, wie es immer war?“ oder „Muss zeitgemäß gestaltet werden?“ Aber keine Sorge deshalb. Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch hat erkannt und sinngemäß gesagt: Der Niederrheiner weiß von nichts, aber kann über alles reden.
Xanten ist die Geburtsstadt des Helden Siegfried aus der Nibelungensage …
Das Problem mit Siegfried ist: „Nichts Genaues weiß man nicht.“ Im Nibelungenlied steht der Satz, dass der Held in einer „richen burge, diu was ze Santen genant“ geboren worden sein soll. Eine skeptische Zunge bei der ersten Sitzung, die ein Nibelungenmuseum in Xanten plante, schlug vor, jede Stunde eine Nebelkerze im Museum zu zünden. Das sei es, was über den Helden als Xantener bekannt sei. Wann genau? Wo genau? Darüber geben die spärlichen Zeilen im Nibelungenlied keine Auskunft. Nun ist trotzdem eine stattliche Sammlung zusammengetragen worden, die den sehr unterschiedlichen Umgang mit dem Heldenlied in der Vergangenheit dokumentiert. Es wird einmal mehr deutlich, dass man in Xanten aus sehr Wenigem Erstaunliches entwickeln kann.
In Ihrer Nachdichtung „Siegfried von Xanten“ heißt es über die „überall bekannte Stadt Xanten“: „Die liegt dort, wo der Rhein auf das Meer zu fließt.“ Spürt man auch heute noch das Meer in Xanten?
Meine Sehnsucht nach der Fremde, zum Meer wird spürbar, wenn ich am nahen Rheinufer stehe und die Schiffe sehe. Meerwärts geht’s schneller als stromauf. Die Bereitschaft, die Welt hinter dem Horizont zu suchen, ist bei vielen Xantenern virulent. Südsee und Nordsee rücken dann ganz nah, sogar in den Namen der Seen zwischen Stadt und Strom.
Haben Sie einen Lieblingsplatz in der Stadt oder der näheren Umgebung?
Wenn ich auf einem Hügel der nahen Endmoräne stehe und mein Blick über die tiefer gelegene Stadt schweift, kann ich mich schlecht losreißen. Aber auch die Sicht aus unserem Haus hinter dem Garten auf das Römermuseum, auf die alte Mühle, auf den weitläufigen Park, vermittelt mir die Gewissheit: Hier fühle ich mich ganz und gar zu Hause.
Welche kulinarische Spezialitäten aus Xanten würden Sie empfehlen – und wo kann man sie am besten genießen?
Die leiblichen Genüsse in den Gasthäusern und Cafés aufzählen zu wollen, das heißt, an kein Ende zu kommen. Meine Frau und ich lassen uns gelegentlich im Café Küppers in der Klever Straße nieder. Aber es gibt viele Alternativen. Außerdem ist meine Frau eine begeisterte Köchin. Es schmeckt mir immer gut am Familientisch. Heute gibt’s Stielmus. Kennen Sie nicht? Schade. Sie haben etwas Köstliches verpasst.
Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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August 2011
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