Münster – der Mittelpunkt Westfalens

In der Stadt des Westfälischen Friedens
mischen sich Tradition und Gegenwart, neu zugezogene Studenten treffen auf
alteingesessene Bürger, und alle fahren sie mit dem Fahrrad.
Kirche, Kaufleute und Beamte
Im 8. Jahrhundert machte sich der Missionar Liudger im Auftrag Karls des Großen auf nach Westfalen und gründete am Flüsschen Aa ein Kloster, ein „monasterium“, dem die spätere Stadt Münster, die aus ihm hervorging, ihren Namen verdankt. Liudger wurde auch der erste Bischof von Münster, das sich zum geistigen Zentrum der Region entwickelte.
Seit Mitte des 14. Jahrhunderts gehörte Münster der Hanse an, zu der sich die bedeutendsten Handelsstädte Nordeuropas zusammengeschlossen hatten. Vom Wohlstand der Münsteraner Kaufleute zeugen noch heute die prachtvollen Lauben- und Giebelhäuser der Gotik und Renaissance, die den Prinzipalmarkt, das Herz der Stadt, umsäumen. Im Krieg wurde er zwar fast vollständig zerstört, die Münsteraner bauten ihn in der Nachkriegszeit aber originalgetreu wieder auf.
Ein weiterer Einfluss, der sich bis heute in der Stadt bemerkbar macht, nimmt Anfang des 19. Jahrhunderts seinen Ausgang, als Münster Hauptstadt der preußischen Provinz Westfalen und damit Sitz zahlreicher Verwaltungen, Behörden und Gerichte wurde. Nach wie vor gilt die Stadt als „Schreibtisch Westfalens“, Beamte und Angestellte machen 64 Prozent der Münsteraner Bevölkerung aus.
Der Auftrag des „Westfälischen Friedens“
Einem historischen Ereignis, das sich innerhalb der Stadtmauern ereignete, fühlt man sich in Münster freilich besonders verpflichtet: dem Westfälischen Frieden, der in Teilen im Alten Rathaus der Stadt 1648 unterzeichnet wurde und den 30-jährigen Krieg beendete, der ganz Europa verwüstet hatte. Dem Gedanken einer europäischen Friedensordnung entsprechend fanden 1990 im Friedenssaal des Alten Rathauses wichtige Verhandlungen zur Vorbereitung der „2+4“-Treffen statt, die den Weg zur deutschen Einheit bahnen sollten, sowie – zwei Jahre später – ein Treffen der G7-Staaten, der großen Industrienationen, die in Münster erstmals mit ihren Kollegen aus den neuen osteuropäischen Republiken zusammentrafen. An diese Tradition möchte die Stadt auch weiterhin anschließen, indem sie sich unter dem Titel „Stadt des Westfälischen Friedens“ als Kulturhauptstadt 2010 bei der Europäischen Union bewirbt.
Drittgrößte Universität in Deutschland
Dass Münster bei so viel Geschichte jedoch weit davon entfernt ist, im Althergebrachten zu erstarren, liegt zu einem guten Teil daran, dass in der 280.000 Einwohner zählenden Stadt rund 55.000 Studenten leben. Die meisten von ihnen sind an der Westfälischen Wilhelms-Universität immatrikuliert, die 1780 ihren Lehrbetrieb aufnahm und die drittgrößte Hochschule in Deutschland ist. Das studentische Treiben erfüllt die Atmosphäre der Stadt, vor allem auch deshalb, weil die Hochschule keine Campus-Universität ist, sondern sich ihre über 200 Institute und Gebäude überall in der Stadt verteilen.
Zur besonderen Stimmung in Münster trägt zudem bei, dass man hier das Radfahren kultiviert wie in kaum einer anderen Stadt. Täglich schwingen sich 100.000 Münsteraner auf ihre Drahtesel, die man hier „Leeze“ nennt. Die Infrastruktur ist entsprechend perfekt aufs Radfahren abgestimmt: Nicht nur dass die Stadtpromenade zur „Fahrrad-Ringstraße“ nur für Radfahrer ausgebaut wurde oder dass Stadtführungen mit dem Fahrrad angeboten werden, überall finden sich darüber hinaus Parkplätze für Räder, diverse Leihstellen und am Bahnhof sogar eine Fahrrad-Waschanlage.
Bürgernah und sozial engagiert
Diese Mischung aus studentischem Laisser-faire und (bildungs-)bürgerlicher Tradition machen die hohe Lebensqualität aus, die auch der Schriftsteller und Wahl-Münsteraner Burkhard Spinnen zu schätzen weiß. Den Bürgern der Stadt bescheinigt er darüber hinaus ein „Generalbewusstsein für das Wohl der Stadt“, sprich: die Münsteraner setzen sich ein für ihre Stadt und für ihre Mitmenschen. Kein Wunder also, dass die Stadt im letzten Jahr den ersten Preis beim Bundeswettbewerb eCommunity des Bundesinnenministeriums für ihr "Forum Soziales Netz Münster" erhielt: eine Vermittlungsplattform für Leute, die ehrenamtlich tätig werden wollen. Kein Wunder auch, dass die Alexander von Humboldt-Stiftung das „hervorragende Engagement“ der Ausländerbehörde lobt.
Den Charme der Westfalenmetropole haben inzwischen auch die Fernsehmacher entdeckt: Münster ist Schauplatz zweier Krimiserien, des „Tatorts“ in der ARD und von „Wilsberg“ im ZDF. Beide Produktionen zeichnen, das finden auch die Münsteraner, ein durchaus authentisches Bild der Stadt, allerdings: in der Wirklichkeit geht es dort nicht so mörderisch zu.
arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Köln
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
online-redaktion@goethe.de
Februar 2004













