Deutschland erleben

Mannheim: Kreative Söhne und Töchter

Xavier Naidoo  Foto: Alexander Laljak © naidoo recordsXavier Naidoo  Foto: Alexander Laljak © naidoo recordsIn Mannheim – der zweitgrößten Stadt Baden-Württembergs – kann man als Musiker so kreativ sein wie kaum an einem anderen Ort, meint Xavier Naidoo. Warum, erklärt der Sänger und Mitbegründer der Band Söhne Mannheims im Gespräch.

Herr Naidoo, was darf man bei einem Besuch in Mannheim auf keinen Fall verpassen?

Das kommt natürlich ganz auf die Interessen an: Wir haben viele Museen – zum Beispiel die Kunsthalle Mannheim oder das Technoseum – und ein fantastisches Schloss. Man darf aber nicht vergessen, dass vieles hier in den letzten Kriegen zerstört wurde und nicht mehr so toll aussieht wie vor 150 Jahren. Aber es gibt schon einiges in und um Mannheim, was sich anzuschauen lohnt. Dazu zählen für mich auch die Pfalz und besonders Bad Dürkheim, aber auch Heidelberg ist ganz in der Nähe.

Der Wasserturm  Foto: © Stadt MannheimWelches Gebäude hat für Sie die meiste Atmosphäre?

Das Mannheimer Schloss verbreitet schon viel Atmosphäre. Aber das zentrale Gebäude ist wohl der Wasserturm. Ich denke, das ist für die Mannheimer das Gebäude mit dem größten Wiedererkennungswert.

Haben Sie einen Lieblingsort in Mannheim?

Mein Lieblingsort ist unser Studio. Und da bin ich für meine Begriffe auch sehr nah am Puls der Stadt, wenn wir Dinge erschaffen und kreieren. In Mannheim kann man nämlich sehr gut erfinden. Das haben nicht nur diverse Erfinder in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten bewiesen, sondern das ist auch in der Musik so. Hier wurden das Fahrrad und das Automobil erfunden, das Raketenflugzeug und der Kronkorken und so weiter und so fort.

Man kann in Mannheim in vielerlei Hinsicht Dinge machen, von denen man vielleicht denken würde, dass man sie in einer Welt-Metropole tun muss. Man kann hier sehr kreativ seinen Gedanken nachgehen.

Auch der Duden stammt aus Mannheim und hier sitzt das Institut für deutsche Sprache. Haben die Mannheimer ein besonderes Verhältnis zur Sprache?

Dass hier quasi die deutsche Rechtschreibung sitzt, ist natürlich schon erstaunlich – bei dem Dialekt, den wir hier pflegen. Ja, ich würde schon sagen, dass wir ein besonderes Verhältnis zur Sprache haben. Der sehr starke Dialekt hier war für mich immer einer der Gründe hierzubleiben. Damit verbinde ich auch einen gewissen Humor. Aber es ist uns auch nicht unwichtig, beides zu können: Hochdeutsch und Dialekt. Denn als Mannheimer mit Dialekt wird man im Rest von Deutschland immer noch ein bisschen belächelt. Aber auch das wird besser!

Wo spürt man heute in Mannheim die Kreativität am deutlichsten?

Im Musikpark, das ist ein Kreativzentrum für junge Unternehmer in der Musikwirtschaft, und in der Popakademie Baden-Württemberg, wo Modelle für die Zukunft von Musik entwickelt werden. Gerade die Popakademie strahlt auf ganz Deutschland aus. Wenn man auf Tournee ist, dann trifft man immer jemanden, der auf der Popakademie studiert hat – ob er nun im Radio oder bei einem Mp3-Player-Hersteller arbeitet.

In Ihrem Lied „Meine Stadt“ heißt es „Ich hab bei dir nur gelernt was ich wirklich gebraucht hab“. Was denn zum Beispiel?

Ich habe mich für das, was ich gebraucht habe, hier in der Stadt sehr gut bedienen können. Ich habe hier im Musical gespielt, konnte in lokalen Fernsehsendern auftreten und von alten Recken der Musik lernen. Ich habe im kleinen Mikrokosmos in Mannheim alles gehabt, was dann später in ganz Deutschland für mich wichtig war.

Der Musikpark  Foto: © Stadt MannheimSie sind Teil der Band „Söhne Mannheims“. Was verbindet die Söhne der Stadt?

Wir sind ja gar nicht alle aus Mannheim. Es sind auch Leute als Jamaika und Simbabwe dabei. Aber man muss schon ein bisschen patriotisch für die Stadt sein. Ansonsten verbindet uns eine große Liebe zur Musik und dazu, Musik kompromisslos auszuleben.

Und das geht in der Universitätsstadt Mannheim besonders gut?

Das geht in Mannheim meines Erachtens besser als im Rest der Welt – oder zumindest als im Rest von Deutschland. In Mannheim ist man, vielleicht gerade aus dieser Underdog-Stellung heraus, dazu übergegangen, die Dinge gemeinsam anzugehen. Hier agiert man in der Musikszene miteinander und nicht gegeneinander.

Ist so ein Zusammenhalt typisch für die Mannheimer?

Ja, ich denke, das hängt auch mit dem Dialekt zusammen. Das schweißt einen einfach zusammen.

Die ehemalige Residenzstadt Mannheim ist gekennzeichnet durch ein gitterförmiges Straßennetz. Und noch heute lebt man in Mannheim im Quadrat, wobei die Namen der Straßenblocks A1 oder S8 lauten. Das klingt sehr strikt und ordentlich …

Es ist gut, wenn eine gewisse Ordnung herrscht. Darauf kann dann ein gewisses Chaos platziert werden – und das sorgt für Kreativität und für Impulse, die anscheinend gut gegen Stillstand sind. Vielleicht hat das seinen Ursprung in der Quadratur der Stadt und im Kunstverständnis der Kurfürsten, die hier gelebt haben. Jedenfalls scheinen sich die Ideen der vielen Menschen aus aller Welt, die hierhergekommen sind, gegenseitig zu befruchten. Das kann gerne so bleiben.

Fahrsimulator im Technoseum  Foto: © TechnoseumWelche kulinarische Spezialität empfehlen Sie?

Es gibt etwas, was es nur hier in Mannheim gibt. Aber das schmeckt mir gar nicht. Das heißt Mannheimer Dreck und ist ein Gebäck, das wie Hundescheiße aussieht. Das kann ich nicht empfehlen. Ansonsten sind wir kulinarisch schon reich beschenkt mit den Kurpfälzer Spezialitäten wie Dampfnudeln und Saumagen. Wir haben die Bergstraße und die Weinstraße in der Nähe, die Winzer mit ihren Spezialitäten. Alles, was hier gekocht und gebraten wird, ist in der Regel einfach sehr schmackhaft.

Fehlt Ihnen etwas in Mannheim?

Was mir ganz und gar nicht passt, ist provinzielles Denken wie „Wir sind ja nur das kleine Mannheim“. Die Bezeichnung „Metropolregion“ ist für mich dabei der größte Ausdruck von mangelndem Selbstbewusstsein. Außerdem fehlen noch Musiktheater und Clubs, um die faszinierende musikalische Vielfalt, die wir durch die Popakademie und den Musikpark haben, noch besser zu zeigen. Es könnte noch mehr Möglichkeiten geben, auf hohem Niveau zu spielen – und so Publikum aus ganz Deutschland anzuziehen.

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Online-Quiz Deutschland

Das Spiel läuft in 3 Stufen ab. Sie müssen in jeder Stufe 10 Fragen beantworten, um Ihr Allgemeinwissen über Deutschland zu testen.

Meet the Germans

Was ist so typisch an den Deutschen? Porträts und Interviews, interessante Menschen zum Kennenlernen und Rory MacLeans Berlin-Blog

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland


Entdecke Deutschland

Veranstaltungen in Deutschland

Make friends,
have fun with German

Make friends, have fun with German - Copyright Goethe-Institut
Podcasts: US-Schüler auf ihrer ersten Reise nach Deutschland. Und Menschen aus Mexiko, die in Deutschland leben.