Deutschland erleben

Ein bisschen Manchester, ein bisschen Bayreuth – Chemnitz, die "Stadt mit Köpfchen"

Karl-Marx-Monument; Copyright: CMT GmbHFür Bürgermeister Peter Seifert ist Chemnitz "eine Stadt auf den zweiten Blick". Tatsächlich sucht man in der Stadt, die seit jeher im Schatten der ehrwürdigen sächsischen Damen Dresden und Leipzig steht, vergeblich nach der perfekten Schauseite. Doch die zweiten Blicke lohnen sich.

Über sieben Meter groß und bronzen thront er mitten in der Stadt auf einem Sockel aus Granit. Der tonnenschwere Kopf von Karl Marx, der vom russischen Bildhauer Lew Kerbel gefertigt wurde, ist eines der Wahrzeichen von Chemnitz. 1971 wurde der so genannte "Nischel" hier feierlich enthüllt. Zusammen mit dem in Stein gehauenen Schriftzug "Proletarier aller Länder vereinigt euch!", der dahinter am heutigen Haus der Oberfinanzdirektion in vier Sprachen prangt, hat er die Wiedervereinigung unbeschadet überdauert.

Galerie Roter Turm; Copyright: CMT GmbHSächsisches Industriemuseum; Copyright: CMT GmbHOpernhaus bei Nacht; Copyright: CMT GmbH

Bildergalerie zu Chemnitz, die "Stadt mit Köpfchen"

Karl Marx und die SED – Chemnitz wird umgetauft

Ansonsten hat sich in den ersten 15 Jahren nach der Wende in Chemnitz, der drittgrößten Stadt im Freistaat Sachsen, viel verändert. Bereits vor dem formellen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland haben die Bürger ihrer Stadt im Mai 1990 ihren alten Namen zurückgegeben. Aus "Karl-Marx-Stadt" wurde wieder "Chemnitz".

37 Jahre zuvor – im Mai 1953 – hatte das Zentralkomitee der SED die Stadt anlässlich des 135. Geburtstages des "Erfinders des Sozialismus" neu getauft. Die Chemnitzer selbst erfuhren erst wenige Tage vorher von der zweifelhaften Ehre, sich von nun an Karl-Marx-Städter nennen zu dürfen. Auch wenn Chemnitz damals nicht die erste Wahl gewesen ist – Eisenhüttenstadt und Leipzig waren die Wunschkandidaten –, so traf die Umbenennung die Stadt doch nicht von ungefähr. Chemnitz galt als Zentrum der Arbeiterschaft.

Textilien und Lokomotiven – Industrielle Revolution in Sachsen

Die Wurzeln des Aufschwungs, der Chemnitz zu einer der bedeutendsten Industriestädte Deutschlands machte, liegen – wenn man so will – bereits im 14. Jahrhundert. Das markgräfliche Bleichprivileg, das der Stadt 1357 erteilt wurde, steht für die Geburtsstunde der Chemnitzer Textilherstellung.

Auf der Wende zum 19. Jahrhundert wurden hier die ersten mechanischen Baumwollspinnereien errichtet, 1835 wurde hier in der Werkstatt von Julius Borchardt die erste Dampfmaschine gebaut. Damit nahm in Chemnitz die industrielle Revolution ihren Anfang, die der Stadt im Laufe der Geschichte sprechende Namen wie "Sächsisches Manchester" oder "Rauch-und-Ruß-Chamtz" eintrug. Von der "Wiege des deutschen Werkzeugmaschinenbaus" am nördlichen Rand des Erzgebirges aus wurden Lokomotiven in alle Welt exportiert.

Postmoderne gegen Brache – Neugestaltung der Stadtmitte

Die glänzenden Tage endeten mit dem Zweiten Weltkrieg. Die Innenstadt wurde bei Luftangriffen 1945 fast vollständig zerstört. Jahrzehntelang blieb das Zentrum um das Rathaus eine riesengroße Ödnis. Erst nach der Wende wurden Konzepte für die Wiederbelebung ersonnen, mit deren Hilfe Chemnitz seine alte Mitte zurückgewinnen sollte. Doch die Lösung für ein Problem dieses Ausmaßes – es handelte sich um die größte innerstädtische Brachfläche Europas – war nicht leicht zu finden.

Die Neugestaltung wurde dann in die Hände renommierter Architekten gelegt. Zunächst entstand in unmittelbarer Nähe zum ältesten Wahrzeichen der Stadt und zugleich zum einzigen mittelalterlichen Relikt die "Galerie am Roten Turm". Die Fassade aus sandfarbenen Terrakottaziegeln, die an einen Wüstenpalast erinnert, hat der Berliner Architekt Hans Kollhoff entworfen. Ein Jahr später – im Jahr 2001 – wurde schräg gegenüber in einem futuristischen Glaspalast des deutsch-amerikanischen Architekten Helmut Jahn ein weiteres Kaufhaus eröffnet. Und schließlich kam 2003 ein gläsernes Textilkaufhaus mit einem eindruckvoll geschwungenen Dach hinzu. Der Entwurf stammt aus dem Düsseldorfer Architektur-Büro von Christoph Ingenhoven und Jürgen Overdiek.

Stil und Kultur – Kaufhaus mit etwas anderen Waren

Bei genauerem Hinsehen lässt sich in Chemnitz nicht nur postmoderne Architektur bestaunen. Im Ortsteil Kaßberg ist eines der größten Gründerzeit- und Jugendstilviertel Europas erhalten geblieben. Eine Mischung aus Jugendstil und Neuer Sachlichkeit findet sich in der frisch restaurierten Villa Esche, die der Belgier Henry van de Velde für einen Textilunternehmer Anfang des 20. Jahrhunderts entworfen und gestaltet hat.

Architekturliebhabern ist weit über die Grenzen Chemnitz' hinaus das siebengeschossige, konvex gekrümmte Kaufhaus Schocken, das Erich Mendelsohn 1929/30 baute, ein Begriff. Überhaupt scheinen Kaufhäuser und (Bau-)Kultur in Chemnitz auf besondere Weise miteinander verbunden zu sein: Heute sind im ehemaligen Warenhaus der Familie Tietz die Stadtbibliothek, die Volkshochschule, die Neue Sächsische Galerie und das Museum für Naturkunde untergebracht.

Beachtlich ist, welchen Namen sich die Städtische Oper unter ihrem Direktor Michael Heinicke gemacht hat. Seine viel gerühmten Wagner-Inszenierungen gaben der Stadt den Beinamen "Sächsisches Bayreuth".

Maschinen und Software – Wirtschaftliche Dynamik

Auch wirtschaftlich hat die Stadt, die mittlerweile knapp 248.000 Einwohner zählt, Erfolge zu verbuchen, die sich im Vergleich mit Dresden und Leipzig durchaus sehen lassen können. Zwischen 1995 und 2003 sind in Chemnitz und Umgebung rund 5.000 neue Unternehmen entstanden. Neben dem traditionell stark vertretenen Maschinenbau schaffen vor allem Softwareunternehmen Arbeitsplätze. An der Technischen Universität, die in den einschlägigen Uni-Rankings durchweg bestens abschneidet, werden zurzeit über 10.000 Studierende ausgebildet; 70 Prozent von ihnen stammen selbst aus Chemnitz.

Zwar wacht Karl Marx in Überlebensgröße über die Chemnitzer, doch sein Geist weht in der Stadt, die einst seinen Namen trug, schon lange nicht mehr. Und die Chemnitzer bezeichnen ihre Heimat, mit einem ironischen Blick auf ihr bronzenes Erbe, als "Stadt mit Köpfchen".

Dagmar Giersberg, cleevesmedia
Dagmar Giersberg arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Bonn

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Oktober 2005

Links zum Thema

Online-Quiz Deutschland

Das Spiel läuft in 3 Stufen ab. Sie müssen in jeder Stufe 10 Fragen beantworten, um Ihr Allgemeinwissen über Deutschland zu testen.

Meet the Germans

Was ist so typisch an den Deutschen? Porträts und Interviews, interessante Menschen zum Kennenlernen und Rory MacLeans Berlin-Blog

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland


Entdecke Deutschland

Veranstaltungen in Deutschland

Make friends,
have fun with German

Make friends, have fun with German - Copyright Goethe-Institut
Podcasts: US-Schüler auf ihrer ersten Reise nach Deutschland. Und Menschen aus Mexiko, die in Deutschland leben.