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„Eine Stadt, die sich nicht aufspielt“ – Hanns-Josef Ortheil über Hildesheim

Der Marktplatz von Hildesheim  Foto: Obornik © Hildesheim MarketingDer Marktplatz von Hildesheim  Foto: Obornik © Hildesheim MarketingDas niedersächsische Hildesheim ist von Kirchen geprägt – nicht nur im Stadtbild. Ein Gespräch mit Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil, Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim.

Mit rund 103.000 Einwohnern ist Hildesheim die zweitkleinste Großstadt in Niedersachsen. Dafür gibt es hier den höchsten Kirchturm des Bundeslandes. Herr Ortheil, was ist für Sie besonders liebenswert an Hildesheim?

Dass diese Stadt sich nicht aufspielt, dass sie durch und durch bescheiden ist und zum Beispiel nicht wichtigtuerisch um touristische Aufmerksamkeit buhlt.

Was darf ein Besucher dieser Stadt auf keinen Fall verpassen?

Die schönen alten Kirchen der Stadt – den Dom, die Michaeliskirche, St. Godehard – und daneben natürlich das Roemer- und Pelizaeus-Museum mit seiner großen altägyptischen Sammlung.

Hildesheimer Dom  Foto: Obornik © Hildesheim MarketingWo halten Sie sich in der Stadt am liebsten auf?

Im Natur- und Landschaftsgebiet an den Ufern des Flüsschens Innerste, das durch die Stadt fließt und über das Wilhelm Raabe eine sehr schöne Erzählung geschrieben hat.

Mehr als 60 Prozent des Stadtgebiets bestehen aus Gärten, Wald- und Grünflächen sowie landwirtschaftlichen Nutzflächen. Fühlt man sich hier ein wenig wie auf dem Land?

Hildesheim ist eine Stadt der sanften Übergänge vom Städtischen ins Ländliche. So gibt es auch keine „harten Peripherien“, sondern man tritt in bestimmten Wohngegenden oft völlig überraschend ins Freie und steht dann vor weiten Feldern und Wiesen.

Worüber kommt man mit den Hildesheimern am besten ins Gespräch?

Über den unmöglichen Bahnhof und den noch unmöglicheren Bahnhofvorplatz. Die Diskussionen um Veränderungen in diesem Stadtbereich sind heftig und werden seit vielen Jahren geführt.

Was ist denn so unmöglich am Bahnhof und seinem Vorplatz?

Der alte, schöne Hauptbahnhof aus dem 19. Jahrhundert wurde nach dem Krieg leider abgerissen, so dass an seiner Stelle heute ein völlig unatmosphärischer Bau aus den frühen 1960er-Jahren steht. Und der Bahnhofvorplatz wird sich selbst überlassen, niemand macht sich Gedanken, wie man ihn gestalten und zu einem wirklichen Empfangsplatz für die Fremden machen könnte.

Am 10. Juli 1908 wurde in Hildesheim Europas erste Telefonvermittlungsstelle mit Selbstwählsystem in Betrieb genommen. Wo ist Hildesheim heute innovativ?

Die Universität Hildesheim bietet seit 1999 den sehr erfolgreichen und deutschlandweit einzigartigen Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an, aus dem viele inzwischen bekannte jüngere Autorinnen und Autoren – wie etwa Mariana Leky, Paul Brodowsky, Thomas Klupp, Leif Randt, Sebastian Polmans – hervorgegangen sind.

Strahlt dieser Studiengang auch auf die Stadt aus?

Ja, das tut er. Es gibt ein starkes Interesse der Hildesheimer Bürger an Literatur und Schreiben sowie an den Publikationen des Verlages Edition Pächterhaus, in dem jeweils die neusten Texte der Studierenden publiziert werden.

Die Michaeliskirche  Foto: Ladwig © Hildesheim MarketingEin Großteil der ehemals 1.500 Fachwerkhäuser, denen Hildesheim den Titel „Nürnberg des Nordens“ verdankt, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Mittlerweile ist der historische Markt originalgetreu wiedererrichtet worden. Ist das gut gelungen?

Teils, teils. Wenn man nicht auf alle Details – die Fenster der Häuser! – achtet, kann man schon das Gefühl haben, wieder auf einem alten Marktplatz zu stehen, besonders zu Marktzeiten.

Die Michaeliskirche, das Wahrzeichen der Stadt und UNESCO-Weltkulturerbe, wurde 1542 im Zuge der Reformation evangelisch-lutherische Pfarrkirche. Die Krypta der Kirche ist aber bis heute katholisch. Beschreibt das auch die Atmosphäre, die in der Stadt herrscht?

Es gibt ein sehr verträgliches Nebeneinander dieser beiden noch immer stark nachwirkenden Glaubensgemeinschaften in der Stadt. Mehr als in anderen Großstädten spielen die Kirchen hier noch eine sehr bedeutende Rolle, und die schönen alten Kirchengebäude prägen beinahe symbolisch das gesamte Stadtbild.

Das Huckup Denkmal  Foto: © Hildesheim MarketingIn der Fußgängerzone steht ein Denkmal mit der volkstümlichen Sagengestalt Huckup – einem Kobold, der das schlechte Gewissen verkörpert und allen Dieben eine Warnung sein soll. Sind die Hildesheimer besonders moralisch?

Sie sind jedenfalls nicht gerne ironisch und haben nicht gerade den direktesten Zugang zum Humor.

Gibt es eine kulinarische Spezialität, die Sie empfehlen können?

Ja, Hildesheimer Pumpernickel, ein sehr feines und delikates Nussgebäck.

Sie leben nicht nur in Hildesheim, sondern auch in Stuttgart. Was fehlt Ihnen in Hildesheim?

Hildesheim ist für mich eine Stadt der kleinen Inseln, eine Stadt, in der ich mich gut auf Lehre, Forschung, Schreiben konzentrieren kann. Stuttgart ist eine Stadt der großen Inseln, in der ich das alles ebenfalls kann, aber in weiterem, luftigerem Rahmen und inmitten eines Kulturangebots, das sich nach außen ebenfalls bescheiden gibt, letztlich aber ganz großartig und vorbildlich ist. Stuttgart ist München ohne Blähungen, auch nach Mitternacht.

Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Juni 2012

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