Den Wölfen auf der Spur
Wild, böse, blutrünstig – wegen ihres schlechten Images wurden Wölfe gnadenlos gejagt und 1904 das letzte Exemplar in Deutschland getötet. Seit 1990 stehen sie unter Naturschutz. 2000 kamen die ersten Welpen in der Lausitz zur Welt.
Es ist der erste sonnige Wintertag nach eisigen, grauen Wochen. Fünf Besucher haben sich im Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz für eine Spurenexkursion angemeldet. Naturführer und Wolfsbetreuer Stephan Kaasche hat in einem Vortrag Wissenswertes über Wölfe vermittelt und alle neugierig gemacht. Werden wir einen der Wölfe aus den derzeit nachgewiesenen sechs Rudeln sehen? „Das ist relativ unwahrscheinlich, sie machen um Menschen einen großen Bogen“, erklärt er. Ihm selbst sind bisher erst drei Tiere begegnet. Das einst am weitesten in der Welt verbreitete Raubtier galt in Nord- und Mitteldeutschland seit dem 19. Jahrhundert als ausgerottet. Vor zehn Jahren wurden erstmals wieder Welpen von einem aus Polen eingewanderten Wolfspaar in Sachsen aufgezogen. Inzwischen schätzt man die Zahl der Tiere auf 50.
Wölfe auf Wanderschaft
Die Gruppe macht sich auf den Weg. Das Kontaktbüro befindet sich im Museumsdorf Erlichthof in Rietschen am Rande der Muskauer Heide. Das ist auch das Gebiet des sogenannten Nochtener Rudels, das dort seit 2005 nachgewiesen ist. Im vergangenen Jahr wurden acht Welpen geboren, davon leider zwei überfahren. Zwei Jungtiere aus dem Rudel tragen einen Sender, mit dem die Abwanderung und Ausbreitung von Wölfen in Deutschland studiert werden soll. Der „Karl“ genannte Rüde kehrte nach einem Ausflug nach Brandenburg wieder in sein Revier zurück. Sein weitaus unternehmungslustigerer Bruder „Alan“ schaffte es sogar bis ins ferne Litauen. Doch Mitte Dezember 2009 verstummte das GPS-Signal.
Aber weder von Karl noch von seinen Geschwistern ist eine Spur im hohen Schnee zu finden. Dafür aber jede Menge andere Zeichen eines regen Wildwechsels. Stephan Kaasche deutet die Spuren: Ein Hirsch, ein Reh, noch ein Reh, ein Hund – aber keine Wölfe. Streifen die womöglich durch die Dörfer und reißen kleine Lämmchen? „Im Gegenteil, in kalten und schneereichen Wintern haben die Wölfe genug zu fressen – geschwächtes oder verwundetes Wild“, widerspricht er, „und sie müssen sich beim Jagen noch nicht mal anstrengen“. 2008 wurden in Sachsen 56 tote Schafe registriert, 2009 halbierte sich die Zahl auf 21, obwohl die Zahl der Wölfe gleich geblieben ist. Die Schafhalter haben sich darauf eingestellt und sichern ihre Herden, wie Schäfer Neumann aus der Gegend. Obwohl auch er Tiere verloren hat, bleibt er realistisch: „Wenn man sich auf die Wölfe einstellt, kann man mit ihnen leben.“
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Mit Geheul auf Partnersuche
Die Exkursion hat inzwischen den Wald erreicht. Alle haben ihre Blicke auf den Boden gerichtet – keine Wolfsspuren. Doch da, ein Blutfleck im Schnee. Sollte etwa ein Wolf ...? Stephan Kaasche wirft einen prüfenden Blick auf die Stelle. „Nein, wahrscheinlich von einem kranken Tier.“ Enttäuschung macht sich breit. Da kramt er aus seinem Rucksack ein paar Schachteln mit verfilzten, grauen Kugeln. „Das ist Losung, die Exkremente des Wolfes“, erläutert er, „man kann genau sehen, was er gefressen hat. Hier, ein Stück Wirbelknochen.“ Da die Losungen wie genetische Fingerabdrücke sind, können auch verwandtschaftliche Beziehungen der Rudel untereinander untersucht werden. So wurde festgestellt, dass eine Tochter aus dem sächsischen Neustädter Rudel in Brandenburg sesshaft wurde und einen Partner fand.
Die Gruppe marschiert vorbei an den Rietschener Teichen. Ist da ein Heulen zu hören? Nein, da ist nichts, obwohl im Februar die Partnersuche beginnt, begleitet von lang anhaltendem Geheul. „2004 machte eine Neustädter Wölfin einem Haushund den Hof und heulte nächtelang“, erinnert sich Stephan Kaasche. Wäre ihr Werben erhört worden, hätten die beiden durchaus eine Familie gründen und Nachwuchs zeugen können. Wolf und Hund sind sich heute immer noch ähnlich. Es ist ja erst knapp 16.000 Jahre her, dass der Wolf gezähmt und zum treuen Begleiter des Menschen wurde. Bei einigen der heute lebenden rund 400 Hunderassen glaubt man jedoch kaum, dass da noch ein bisschen Wolf drinnen ist.
Managementplan für Wölfe
Es knackt im dunklen Unterholz. Da ist sie wieder für einen Augenblick, die uralte „Angst vorm bösen Wolf“. Im Vergleich zu den Ländern, in denen der Wolf nie verschwunden war, ist es die Bevölkerung in unserem Land nicht mehr gewohnt, mit dem Wolf und den sich daraus ergebenden Konflikten zu leben, heißt es im Managementplan für den Wolf in Sachsen vom Mai 2009. Damit soll ein Miteinander von Menschen und Wölfen gefördert werden, denn die Zukunft der Wölfe hängt entscheidend von der positiven Einstellung der Bevölkerung zu diesen Tieren ab.
Am Ende kommen alle wieder wohlbehalten im Kontaktbüro an und sind sich einig: eine überaus interessante Tour mit ganz neuen Eindrücken und Einsichten, auch wenn sich die Spur der Wölfe im Schnee verlor ...
Regina Friedrich
ist freiberufliche Journalistin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010
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