Panorama

Gerhard Polt – Ansichten eines Bootsverleihers

Gerhard Polt  Foto: © Herlinde KoelblGerhard Polt  Foto: © Herlinde KoelblDer Kabarettist Gerhard Polt feierte am 7. Mai 2012 seinen 70. Geburtstag. Das Münchner Literaturhaus porträtiert den bayerischen Komiker und Lebensphilosoph mit einer ungewöhnlichen Ausstellung, ganz im Sinne von Polt: lustig statt ehrwürdig.

Polt sitzt auf einem Biergartenstuhl im Schnee. Wollmütze, Daunenjacke. Hinter ihm ein Bootsschuppen, daneben der Schliersee. „Faulheit ist, wenn man nichts zu tun hat. Wenn ich dasitze, bin ich am Gedanken machen. Viele sind angefangen, aber noch nicht zu Ende gedacht. … Gedankenarbeit. … Weil ständig kommt wieder ein Gedanke und fällt einem ein. Jetzt, was soll ich machen? Jetzt muss ich den auch verarbeiten …“ Mit ausdrucksloser, fast gelangweilter Miene schwärmt Polt von seinem Traumberuf Bootsverleiher.

Nachdenken über das Nachdenken

Polt führt stets in die Abgründe des Alltags.  Foto: © Oda SternbergWieder einmal zeigt Polt, dass es in einer Gesellschaft, die ständig in Bewegung ist und absurden Zielen hinterher hechelt, nichts Subversiveres gibt, als in aller Ruhe über Dinge nachzudenken, an die niemand sonst einen Gedanken verschwenden würde. Sogar über das Nachdenken denkt er nach. In einem Interview mit der Zeit erzählt Gerhard Polt, wie er als Kind den örtlichen Bootsverleiher bewundert hat. „Er strahlte eine solche Ruhe und Ausgeglichenheit aus. Ob es geregnet hat oder nicht, ob viele Leute kamen oder gar keiner, er war da. Wenn nix los war, hat er oft stundenlang auf den See hinausgeschaut. Dieses Stoische – großartig.“

Ein langer Bootsteg teilt den Saal in der Mitte. Auf der Plattform reihen sich beidseitig Hörstationen, Bildschirme und diverse Exponate. Dahinter an den Wänden flimmern Ausschnitte aus Fernsehauftritten, Bühnen-Programmen und Kinofilmen. Bewaffnet mit keulenförmigen Audioguides bewegen sich die Besucher um den Steg herum. Nicht zufällig wirkt der Raum im Münchner Literaturhaus minimalistisch. Keines der Objekte ragt optisch hervor. Am auffälligsten ist vielleicht die Kirchen-Krippe (Jesuskind-Automat) mit dem Untertitel „Heute gratis, an der Vatikanbank vorbei“. Fast alles was zum 70. Geburtstag des Satirikers gezeigt wird, sind Auftritte Polts. Ältere und aktuelle, die extra für die Ausstellung gefilmt wurden. Polt als Papst. Polt als bayerischer Politiker. Polt als deutscher Tourist. Und immer wieder Polt über Polt. Besser kann man sich dem offenen Gesamtkunstwerk Polt nicht nähern. Polt spricht quasi für sich selbst.

Braucht’s des?!

Austellung in München: „Besser eine Ausstellung, als wenn man ausgestopft wird.“ Foto: © Heidi VogelBraucht’s des?! Der Ausstellungstitel ist eine rhetorische Frage, selbstverständlich einem Polt-Sketch entnommen. Gerhard Polt ist kein Freund von Auszeichnungen und Ehrungen. „Jeder Preis sucht sich unerbittlich seinen Träger“, lautet eines dieser wundervollen Zitate, an den Hörstationen. 1980, bei der Verleihung des deutschen Kleinkunstpreises, füllte Polt seine zehnminütige Redezeit mit eloquentem Schweigen. Damit protestierte er gegen das ZDF, das ein Jahr zuvor Polts Beitrag über den Meineid-Minister Friedrich Zimmermann zensiert hatte. Kuratorin Sandra Wiest gibt zu, dass Polt skeptisch war, als ihm die Idee präsentiert wurde. Schließlich gab er doch nach: „Besser eine Ausstellung, als wenn man ausgestopft wird.“

Die Ausstellung verzichtet auf eine chronologische Anordnung der Exponate. Ebenso fehlt eine klassische Vita. Polts kurzer handgeschriebener Lebenslauf verrät vor allem, was Polt von Lebensläufen hält. „...nach einiger Zeit unsteten Verweilens unter anderem auch in der Kindheit, beschloss ich dann doch den Beruf des angewandten Komikers zu übernehmen. Diesen Beruf übe ich zuweilen heute noch aus. Des wär’s eigentlich.“

Fast wia im richtigen Leben

Gerhard Polt und der Kabarettist Dieter Hildebrandt  Foto: © Oda SternbergBekannt wurde der bayerische Kabarettist, „angewandte Komiker“, Schauspieler und Lebensphilosoph Gerhard Polt Ende der 1970er-Jahre mit der TV-Sketch-Serie Fast wia im richtigen Leben. Mit seiner Partnerin Gisela Schneeberger führte Polt in die Abgründe des Alltags. Wohnungsvermieter, die nicht öffnen, weil der Bewerber „ein Neger“ ist. Zwei Nachbarn im Dialog, der nur aus Floskeln besteht. Eine Wegbeschreibung von der Stadt aufs Land („Komm doch mal raus, dass d’ auch einmal einen Schmetterling siehst“) gerät zur Auflistung der gesammelten Scheußlichkeiten des Industriegebiets, das einmal Land war. Viele der grotesken Nummern wirken rückblickend wie eine Prophezeiung.

Diese unsere Welt ist ein Sketch über eine Talkshow zum Thema Auto und Umwelt. Der einzige Umweltschützer in der Runde kommt nicht zu Wort, während die Moderatorin und die zwei anderen Studio-Gäste nicht müde werden, mit grotesken Statements für Auto und noch mehr Straßen zu werben. „Der Lebensraum des Automobils wird regelrecht eingeschnürt“, sagt der eine. „Das natürliche Biotop der Autobahnkrähe ist die Autobahn“, sagt der andere. Eigentlich müsste man deprimiert sein oder zumindest wütend, angesichts der Hölle die Polt offenbart. Doch dann ertappt man sich, wie man loslacht. Das schafft Distanz und erleichtert das Nachdenken, auch über die Absurditäten des eigenen Lebens. So gesehen ist Gerhard Polt auch ein Vorbild in angewandtem Lebensvollzug. Wie ein Stoiker absorbiert er den täglichen Irrsinn unserer Gesellschaft. Polt ist ein moderner Diogenes, dessen gesammelte Weisheit in diesem einen großen Satz mündet: „Mehr als Bootsverleiher kann man eigentlich nicht werden.“

Jonny Rieder
freier Autor in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Rückeroberung des Öffentlichen

Foto: kallejipp; Quelle: Photocase
Wie physisch oder digital ist der öffentliche Raum? Eine Konferenz zur Rolle der Kultur in diesem Spannungsfeld am 22. und 23. April in Berlin.

Kunstkalender

Aktuelle Ausstellungen in Deutschland

Twitter

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

Dossier: Kunst im Stadtraum

Isarinsel/Muffathalle | Foto: Angela Gruber
Was mit anonymen Sprayern begann, hat sich zur anerkannten Straßenkunst entwickelt. Erfahren Sie mehr über Kunst im Stadtraum in Deutschland und Tschechien.

Meet the Germans

Was ist so typisch an den Deutschen? Porträts und Interviews, interessante Menschen zum Kennenlernen und Rory MacLeans Berlin-Blog


Entdecke Deutschland

Make friends,
have fun with German

Make friends, have fun with German - Copyright Goethe-Institut
Podcasts: US-Schüler auf ihrer ersten Reise nach Deutschland. Und Menschen aus Mexiko, die in Deutschland leben.