Panorama

Ein Bäumchen im Mai

Der Brauch vom Maibaum ist in vielen Regionen Deutschlands tief verwurzelt.  Foto: ra photos © iStockphotoDer Brauch vom Maibaum ist in vielen Regionen Deutschlands tief verwurzelt.  Foto: ra photos © iStockphotoOb als meterhohes Prestigeobjekt auf dem Dorfplatz oder als Liebesbeweis am Fensterrahmen der Herzdame: Noch heute ist der Brauch, zum ersten Mai einen Maibaum zu stecken, in vielen Regionen Deutschlands verbreitet.

Als er endlich steht, sieht er ziemlich stattlich aus: Schlank, hochgewachsen, im blau-weißen Streifendesign und mit Kränzen, Bändern und Wimpeln aufwändig geschmückt. Bis der 30 Meter hohe Maibaum einer bayerischen Dorfgemeinde hingegen mit voller Wucht in seine Halterung kracht, sind 20 Paar Männerarme, unzählige Seile, stützende Holzstangen und ein Traktor notwendig. Eine schweißtreibende Angelegenheit, die Außenstehenden etwas seltsam erscheinen mag. Doch der Brauch vom Maibaum, in der Regel von einem rauschenden Fest begleitet, ist in vielen Regionen Deutschlands tief verwurzelt.

Maibaum als Aushängeschild

Das Aufstellen des Maibaums ist eine schweißtreibende Angelegenheit.  Foto: Nadja Tamas © iStockphoto„Auch wenn bald die Welt zerfällt, der Maibaum wird noch aufgestellt!“ Das Credo des Burschenvereins Dürrnhaar ist bezeichnend für die unerschütterliche Symbolkraft, die der Maibaum in vielen Regionen Deutschlands auch im Jahr 2012 noch hat. In Bayern, Franken, Baden-Württemberg, aber auch in Hessen und Ostfriesland sind Heimatvereine und Maibaumgruppen zur Pflege des alten Brauchtums aktiv und läuten den Wonnemonat Mai alljährlich mit Bier, Blasmusik und Tanz ein.

Bereits Wochen vorher laufen die Vorbereitungen zu den Festlichkeiten vom 1. Mai auf Hochtouren und besonders der Weg des Maibaums vom Wald bis zum Dorfplatz will penibel geplant sein: Sorgsam ausgewählt, fachkundig gefällt, liebevoll bemalt und mit filigranen Sägearbeiten versehen – wenn es um den Maibaum geht, werden weder Kosten noch Mühen gescheut. Höher, schöner, bunter: Der Wettbewerb benachbarter Dörfer um den ansehnlichsten Maibaum, der immerhin Wohlstand und Selbstbewusstsein einer Gemeinde repräsentiert, wird bisweilen sogar von Zeitungen ausgerufen. Ebenso ist es Usus, der Nachbarschaft ein ausgesprochen gelungenes Exemplar im Vorfeld zu entwenden. Um den schändlichen Maibaum-Klau zu verhindern, wird oft nächtelang Wache geschoben. Und wenn’s doch passiert, gilt es, beim Nachbarort zu Kreuze zu kriechen und den gestohlenen Baum mit einigen Fässern Bier auszulösen.

Mein Freund der Baum

Erst der Blick in die Fachliteratur fördert zu Tage, wie alt der Kult um den Baum tatsächlich ist.  Foto: jürgen 2008 © iStockphotoRedensarten à la „einen alten Baum versetzt man nicht“ oder „ein Mann wie ein Baum“, tagtäglich unzählige Male ausgesprochen, sind lebendige Belege einer tiefen Dualität zwischen Mensch und Baum. Erst der Blick in die Fachliteratur fördert zu Tage, wie alt der Kult um den Baum tatsächlich ist. Schon die alten Germanen waren offensichtlich der Ansicht, dass in jedem Baum eine Seele wohne und begrüßten die grünen Freunde deshalb namentlich. Neugeborenen pflanzten sie ein Lebensbäumchen, ihre Toten betteten sie in Särge aus Baumrinde und einen Baum grundlos zu fällen war tabu. Die Königsdisziplin germanischer Baumverehrung war der mütterlichen Erdgöttin Freia und dem Himmelsgott Wotan zum Hochzeitstag einen mit bunten Bändern oder Blumen herausgeputzten Baum aufzustellen. Pünktlich zum ersten Mai ragte für gewöhnlich ein junger Birkenstamm in die Höhe, um die heidnischen Götter für fruchtbare Felder gewogen zu stimmen.

Liebesmaien

Auch wenn sich ein Zusammenhang nicht lückenlos dokumentieren lässt: Der heidnische Brauch vom Maibaum scheint trotz der hartnäckigen Christianisierung, die Europa im Mittelalter überrollte, Eingang in christliche Lebensrealitäten gefunden zu haben. Nicht ganz einig sind sich Volkskundler allerdings darüber, wo der Brauch zuerst wieder aufgegriffen wurde. Obwohl der Maibaum in seiner heutigen Form etwas dörflich daherkommt, ist er wahrscheinlich eher städtischer Herkunft. 1224 wird ein aufgestellter Baum für Aachen erwähnt, wobei fraglich ist, ob es sich dabei bereits um einen Maibaum im heutigen Sinn handelte. Anfang des 17. Jahrhunderts waren es dann in erster Linie Soldaten, die Offiziere, Bürgermeister oder auch mal den Herrn Doktor mit einem Bäumchen huldigten und den Ritus institutionalisierten.

Der alte Brauch taucht den 1970er-Jahren im Zuge folkloristischer Rückbesinnung wieder auf.  Foto: ra photos © iStockphotoBesonders Birken waren damals in Mode: Die hübschen Laubbäume mit dem schwarz-weißen Stamm wurden damals in so großer Zahl gefällt, dass die württembergische Forstordnung von 1614 das „unordentliche Mayenhauen und Spießrutenschneiden in den Birkenwäldern“ anprangerte und es hier und da zu Verboten kam. Vermutlich zum Unmut jener junger Männer, die als gefühlvolle Spielart des Maibaum-Brauches auf die Idee gekommen waren, ihrer Angebeteten in der Nacht zum 1. Mai sogenannte „Liebesmaien“, farbenfroh geschmückte Birkenäste oder -zweige, aufs elterliche Dach oder an den Fensterladen zu klemmen. Heutzutage mag diese Art des Werbens sicherlich nur noch selten zu beobachten sein, romantisch ist sie allemal. Denn wird die Zuneigung erwidert, bekommt der baumsteckende Romeo mancherorts nicht nur eine Mahlzeit aufgetischt, sondern auch einen Kuss. Im Gegensatz dazu stehen „Schandmaien“: Mädchen, die am Morgen des ersten Mais einen Besen oder alten Stecken mit Lumpen vorfinden, sollten sich dringend Gedanken über ihre Beliebtheit beim anderen Geschlecht machen.

Maibaum reloaded

Im finstersten Kapitel deutscher Geschichte machte auch der Maibaum keine gute Figur: Indem die Nationalsozialisten ihn mit aggressiver Propaganda als bundeweiten Einheitsbrauch erzwangen, verpassten sie seinem Image einen empfindlichen Kratzer. 1945 verschwand mit dem Dritten Reich auch der alte Brauch von der Bildfläche, bevor er in den 1970er-Jahren im Zuge folkloristischer Rückbesinnung wieder auftauchte – und bis heute von Gemeindeverwaltungen und Vereinen mit jener Achtung gepflegt und gehätschelt wird, die ihm als Sinnbild der aufblühenden Natur auch zusteht.

Franziska Gerlach
lebt als freie Autorin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Rückeroberung des Öffentlichen

Foto: kallejipp; Quelle: Photocase
Wie physisch oder digital ist der öffentliche Raum? Eine Konferenz zur Rolle der Kultur in diesem Spannungsfeld am 22. und 23. April in Berlin.

Kunstkalender

Aktuelle Ausstellungen in Deutschland

Twitter

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

Dossier: Kunst im Stadtraum

Isarinsel/Muffathalle | Foto: Angela Gruber
Was mit anonymen Sprayern begann, hat sich zur anerkannten Straßenkunst entwickelt. Erfahren Sie mehr über Kunst im Stadtraum in Deutschland und Tschechien.

Meet the Germans

Was ist so typisch an den Deutschen? Porträts und Interviews, interessante Menschen zum Kennenlernen und Rory MacLeans Berlin-Blog


Entdecke Deutschland

Make friends,
have fun with German

Make friends, have fun with German - Copyright Goethe-Institut
Podcasts: US-Schüler auf ihrer ersten Reise nach Deutschland. Und Menschen aus Mexiko, die in Deutschland leben.