Panorama

Naturdenkmal der Zeitgeschichte: Das „Grüne Band“

Grünes Band im südlichen Harzvorland bei Mackenrode (Thüringen/Niedersachsen); © BUND/Klaus LeidorfGrünes Band im südlichen Harzvorland bei Mackenrode (Thüringen/Niedersachsen); © BUND/Klaus LeidorfFür Menschen war der „Eiserne Vorhang“ vom Eismeer bis ans Schwarze Meer eine verbotene Zone. Doch zwischen Stacheldraht, Mauern und Grenzpatrouillen entstand über die Jahrzehnte ein Stück kostbare Wildnis. Goethe.de sprach mit Melanie Kreutz vom Projekt-Büro „Grünes Band“ beim BUND über seine Bedeutung als lebendiges Denkmal.

Frau Kreutz, allein in Deutschland ist das „Grüne Band“ knapp 1.400 Kilometer lang. Wie lässt es sich am besten beschreiben?

Melanie Kreutz; © BUND/Toni MaderDas „Grüne Band“ ist der Lebensraumverbund entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs durch Europa und auch Deutschland. Weil dieses Gebiet fast 40 Jahre lang militärisch abgeschirmt war, hat sich dort am Grenzstreifen ein Biotopverbund gebildet.

Dort konnten sich in Ruhe Lebensräume erhalten und entwickeln, die man sonst in der Kulturlandschaft nicht mehr findet. Viele bedrohte Tiere und Pflanzen haben dort ein Refugium gefunden, unter anderem Eisvogel, Fischotter, Schwarzstorch und Braunkehlchen.

Schutz vorm Aussterben

Welche Lebensräume sind das?

Zum Beispiel Altgrasfluren, Pionierwald, Moore und Feuchtgebiete, die in der Kulturlandschaft trockengelegt worden sind. Aber man findet auch Extremstandorte wie Trockenrasen, wo es nur wenig Vegetation gibt. Dort sind aber wiederum ganz viele seltene Orchideen zu finden.

Beim „Grünen Band“ handelt es sich also insgesamt um sehr unterschiedliche Lebensräume, die sich an der früheren deutsch-deutschen Grenze entlangschlängeln. Man schätzt, dass dort mindestens 1.200 Arten leben, die auf der Roten Liste gefährdeter Tiere stehen.

Bäuerliche Übergriffe

Das Grüne Band als gesamtdeutsches Naturschutzprojekt gibt es seit 1989, als die Mauer fiel. Mit welchen Problemen haben die Naturschützer zu kämpfen?

Die allergrößte Gefahr für den Biotopverbund ist die Landwirtschaft. Nach der Wende haben überwiegend westliche Landwirte die Gebiete quasi okkupiert, also einfach bestehende Äcker erweitert, indem sie angrenzende Flächen im Grünen Band mit umpflügten.

Der Straßenbau war vor allem nach der Wende ein massives Problem. Er war zweifelsohne sinnvoll. Aber weil große Bereiche des ehemaligen Grenzstreifens dem Bund gehörten, wurden Autobahnauffahrten oft im „Grünen Band“ gebaut. Das führte dazu, dass manche Biotope zerschnitten oder großflächig zerstört wurden.

Grünes Band Thüringen; © BUND/Klaus Leidorf

Land für jeden Bürger

Was haben der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und andere Naturschützer in den letzen Jahren unternommen, um das „Grüne Band“ möglichst vollständig zu erhalten?

Der BUND kauft Flächen an. Bislang sind es 580 Hektar. Finanziert wird das über Spenden, mit denen Bürger Anteilscheine erwerben und so symbolisch Anteilseigner werden.

Einer unserer großen Erfolge ist, dass der Bund auf Druck der Umweltorganisationen seine Flächen im „Grünen Band“ 2003 kostenlos auf die Länder übertragen hat, anstatt sie, wie ursprünglich geplant, auf dem freien Markt zu verkaufen. Die Länder, die für den Naturschutz zuständig sind, wurden verpflichtet, diese Flächen nur für diesen Zweck zu verwenden.

Fast unbekanntes Naturdenkmal?

Seit mehr als 20 Jahren existiert das Projekt „Grünes Band“. Wie kommt es, dass es in Deutschland immer noch nicht sehr bekannt ist?

Laut einer bundesweiten Umfrage von 2009 kennen acht Prozent der Befragten das Grüne Band. Das war für uns überraschend, denn wir dachten, es seien weniger. Das Thema „Grünes Band“ ist ja auch nicht ständig in den Medien. Und es wäre wohl auch zu viel verlangt, dass sich die Menschen Ziele und Inhalte einzelner Naturschutzprojekte merken …

Was unternimmt der BUND, um die Menschen für das Grüne Band zu interessieren und es ihnen näher zu bringen?

Einmal ist Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig und muss massiv betrieben werden. Wir veranstalten auch Projekte, die weg vom Naturschutz führen, beispielsweise das Tourismusprojekt „Erlebnis Grünes Band“. Dort spielt neben dem Naturschutz auch ein anderer Aspekt eine wichtige Rolle: Das „Grüne Band“ ist letztlich ein lebendiges Denkmal deutscher und europäischer Zeitgeschichte, das es zu bewahren gilt.

Landschaft gegen das Vergessen

Inwiefern?

Diese Landschaft erinnert an die deutsche Teilung. Und genau deshalb ist sie für viele Menschen interessant. Viele Exkursionsteilnehmer haben einen direkten, persönlichen Bezug dazu: sei es, dass Verwandte und Bekannte in der früheren DDR lebten oder dass sie selbst an der Grenze aufgewachsen sind.

Wir merken auch, dass die jüngere Generation langsam diesen Bezug zur Geschichte verliert. Durch das Projekt kann man sie sehr gut wieder einfangen und ihnen in der Landschaft Spuren und Relikte zeigen.

Marchauen Österreich/Slowakei; © BUND/Hofrichter

Das „Grüne Band Deutschland“ war Vorbild für das „Grüne Band Europa“, das sich entlang des Eisernen Vorhangs von Nordnorwegen bis in den Südbalkan zieht – 12.500 Kilometer lang, durch 24 Staaten …

Ja. Erste Ideen gab es 2002, das Projekt selbst ist zwei Jahre später entstanden. Es ist ganz unterschiedlich, was in diesen Ländern passiert, aber alle Initiativen haben sich auf den Konsens geeinigt, den ehemaligen Eisernen Vorhang als Lebenslinie, Erinnerungslandschaft und Denkmal für die Überwindung des Kalten Krieges zu bewahren – auch um dazu beizutragen, Vorurteile zwischen den Ländern und Kulturkreisen abzubauen.

Das „Grüne Band Deutschland“ zwischen deutsch-deutscher Grenze und Kolonnenweg auf dem Gebiet von der Ostsee bis in das sächsische Vogtland hat eine Länge von 1.393 Kilometern und umfasst eine Fläche von 177 Quadratkilometern. 150 Naturschutzgebiete grenzen daran an. 

Stefanie Hallberg
stellte die Fragen. Sie ist Diplom-Journalistin und arbeitet als freie Autorin, unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk (WDR), in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

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