Ungewöhnliche Ortsnamen: Von „Hölle“ nach „Himmelreich“

Wer möchte schon gern „In der Hölle“ wohnen, sein Dasein in „Elend“ fristen oder in „Schmerz“ zu Hause sein? Wer es sich aussuchen kann, zieht doch lieber nach „Himmelreich“, „Glückstadt“ oder „Sorgenlos“.
Allerdings sagen diese und viele weitere kuriose Namen deutscher Ortschaften nicht wirklich etwas über deren jeweilige Lebensqualität aus. Dafür verraten sie oft eine ganze Menge über die Geschichte und Lage eines Ortes oder geben Hinweise auf den Volksstamm, der ihn vor vielen Jahrhunderten gründete.
Wer in Deutschland über Land fährt, wird an jedem Ortseingang von einem leuchtend gelben Schild oder – bei kleineren Ansiedlungen – von einer grünen Ortshinweistafel mit gelber Schrift begrüßt. Das nur rund zehn Häuser zählende brandenburgische Dorf Ohnewitz jedoch muss genau wie die Ortschaft Kotzen im Havelland immer wieder unfreiwillig aufs Namensschild verzichten. Von unbekannten Trophäenjägern werden die Tafeln bei Nacht und Nebel abgeschraubt oder abgesägt. Bis ein neues Schild montiert ist, bleiben die Orte mit den ungewöhnlichen Namen namenlos zurück. Doch deren Bewohner wissen auch ohne Schild ganz genau, wo sie leben und dass beispielsweise das idyllische Kotzen erstmals Mitte des 14. Jahrhunderts urkundlich erwähnt wurde – damals unter dem slawischen Namen Cozym. Der bedeutet so viel wie „Haarbüschel“ oder „Ziege“. Somit hat Kotzen mit dem umgangssprachlichen Wort für „Erbrechen“, das die Schilderdiebe vermutlich zu ihrer heimlichen Tat animiert, nichts gemein.
Namenswandlungen nach dem „Stille Post-Prinzip“
„Die Veränderung geografischer Namen im Laufe der Zeit unterliegt einem speziellen ‚Stille-Post‘-Effekt, da hier ‚Mitspieler‘ verschiedener Sprachen, Dialekte und Epochen am Werke waren“, heißt es im Atlas der 999 seltsamen Ortsnamen. Dabei handelt es sich um eine Deutschlandkarte, die neben so bodenständigen Namensträgern wie Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Köln vor allem Ortschaften, Orts- und Stadtteile mit zum Teil sehr skurrilen Namen verzeichnet. Diese werden 24 Kategorien zuordnet. Dazu zählen „Gruseliges“ wie Geistermühle, „Bekleidung“ wie Regenmantel, „Beleidigung“, zum Beispiel Großmaulberg, „Merkwürdiges“ wie Killewittchen und „Nützliches“, beispielsweise Bürstenstiel. Mit Hilfe der Karte kann man zum Beispiel auf einer Schleswig-Holstein-Tour von Rotzbüll über Gärtnerslust, Schlagseite, Rußland, Stinkviertel, Honigsee, Oha und Weitewelt nach Ekelsdorf fahren.
Ähnlich originell klingende Reiserouten lassen sich in allen Bundesländern zusammenstellen. Was für Besucher von Busendorf, Tittenkofen oder Sexau amüsant und ihnen einen Fotostopp vorm Ortsschild wert ist, finden die Einheimischen manchmal gar nicht lustig. So erging es den Einwohnern von Blödesheim in Rheinland-Pfalz, denen der andauernde Spott schließlich zu blöd wurde. 1971 tauften sie ihren Wohnort um in Hochborn. Im Grunde jedoch hätte sich in Blödesheim niemand blöd fühlen müssen, denn der Ort wurde im Jahr 782 erstmals unter dem Namen Blatmarsheim erwähnt. Später wandelte er sich zu Blatmarisheim, Blittersheim, Plödeßheim und 1613 zu Blödesheim. Im Laufe der Jahrhunderte veränderte er neun Mal seinen Namen – zuletzt auf ausdrücklichen Wunsch seiner Einwohner.
Licht im Dunkel der Vergangenheit
Dass ein Ortsname auf diese bewusst herbeigeführte Weise wechselt, ist jedoch die Ausnahme. Für gewöhnlich gilt, was die Macher des Atlas der 999 seltsamen Ortsnamen so beschreiben: „Viele Ortsnamen haben eine längere linguistische Odyssee hinter sich, die Menschen haben sie vereinfacht oder vernuschelt und durch Dialekte verformt.“ Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen beschäftigt sich in einem Forschungsprojekt mit Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe sowie der Onomastik (Namenkunde) im europäischen Raum. Für die Wissenschaftler ist klar: „Ortsnamen haben für die Geschichte einen einzigartigen Wert. Sie sind zäh genug, Völkerwechsel zu überstehen und daher wichtige Zeugen für die Siedlungsgeschichte.“ Schon der 1785 geborene Sprach- und Literaturwissenschaftler Jacob Grimm wusste um die Bedeutung der Eigennamen, „deren Ergründung Licht über die Sprache, Sitte und Geschichte unserer Vorfahren“ verbreitet.
Ortsname als Marke
Mit Rücksicht auf diese im Namen verborgenen Hinweise auf die Historie, aber auch aus ganz praktischen Erwägungen, halten es längst nicht alle wie die ehemaligen Blödesheimer. Die knapp 100 Einwohner des nahe der deutschen Grenze in Oberösterreich gelegenen Ortsteils Fucking beispielsweise hätten zwar gute Gründe, über eine Namensänderung nachzudenken. Doch in einem Referendum lehnten sie diese sogar ab. Stattdessen freuen sie sich über die magische Anziehung, die ihr Ort insbesondere auf englischsprachige Besucherscharen ausübt. Aufgrund der enormen Beliebtheit der häufig entwendeten Ortsschilder wurden diese mittlerweile einbetoniert. Als Souvenir nach Hause mitnehmen oder direkt in Fucking genießen können die Gäste dafür ein ganz spezielles Bier: ein helles Pils mit dem eingängigen Namen Fucking Hell.
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Literatur: Stephan Hormes, Silke Peust: |
arbeitet als freiberufliche Journalistin in Hamburg.
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Juni 2012
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