Zusammenleben

Müller, Meier, Schulz – deutsche Familiennamen

Wie sind die Nachnamen entstanden?  Foto: Loretta Hostettler © iStockphotoWie sind die Nachnamen entstanden?  Foto: Loretta Hostettler © iStockphotoSpricht man im Deutschen von einer Angelegenheit, die sehr viele Menschen betrifft, kommen als Vertreter einer anonymen Masse oft die Müllers, Meiers und Schulzes ins Spiel. Wieso ist das so, seit wann gibt es Nachnamen, wie sind sie entstanden?

Schätzungsweise rund 600.000 Menschen in Deutschland heißen Müller. Ebenfalls ganz weit oben auf der Liste der häufigsten deutschen Familiennamen stehen Schmidt, Schneider, Fischer, Weber, Meyer, Schäfer, Becker und Koch. Die ersten vierzehn Plätze dieser „Hitliste“ nehmen solche Nachnamen ein, die sich von Berufsbezeichnungen ableiten. „Diese Berufsnamen sind am wenigsten individuell“, erklärt Judith Schwanke von der Namenberatungsstelle des Namenkundlichen Zentrums der Universität Leipzig. Die Wissenschaftlerin vermutet, dass die sogenannten Patronyme, die auf den Vornamen des Vaters zurückgehen, noch häufiger, in jedem Fall variantenreicher sind als die Berufsnamen. Vor allem in Norddeutschland findet man von männlichen Vornamen abgeleitete Familiennamen wie Hansen oder Petersen. Die Silbe „-sen“ steht für „Sohn“. In vielen Fällen entwickelten sich die Familien- direkt aus den Vornamen. Nachnamen wie Werner, Herrmann oder Otto sind daher keine Seltenheit.

Namen als Geschichtenerzähler

In Deutschland gibt es rund 850.000 verschiedene Familiennamen.  Foto: Noriko Brewster © iStockphotoIn Deutschland gibt es rund 850.000 verschiedene Familiennamen. Diese zu erforschen und wissenschaftliche Analysen von Personennamen zu erstellen, ist die Hauptaufgabe der Leipziger Namenberatungsstelle. Das Interesse an solchen Gutachten ist groß, denn häufig spiegeln Namen ein Stück Familien- und Landesgeschichte wider. Zudem lassen sich längst nicht alle Familiennamen so leicht entschlüsseln wie Müller oder Schmidt.

Um mehr über die Bedeutung und Herkunft von Personennamen herauszufinden, verschaffen sich Namensforscher wie Judith Schwanke zunächst einen Überblick über deren regionale Verbreitung. Wichtigste Hilfsmittel hierbei sind neben alten Kirchenbüchern vor allem die Daten digitalisierter Telefonbücher. Sie erlauben den Zugriff auf rund 38 Millionen Familiennamen. Gibt es eine auffällige regionale Häufung eines Namens, suchen die Forscher mittels spezieller Wörterbücher, die regionaltypische sprachliche Besonderheiten verzeichnen, nach möglichen Deutungen.

Namen als Sprachkonserve

Viele Namensbestandteile sind heute nicht mehr ohne weiteres verständlich.  Foto: Cecilia Bajic © iStockphotoDa sich die deutsche Sprache im Gegensatz zu den zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert entstandenen und seitdem weitestgehend unveränderten Familiennamen beständig wandelt und weiterentwickelt, sind viele Namensbestandteile heute nicht mehr ohne weiteres verständlich. So steckt zum Beispiel hinter dem Nachnamen Baumkratz der umgedeutete Heiligenname Pankratius, hinter dem Familiennamen Türauf der alte Vorname Thierolf. Umdeutungen und phonetische Verschleifungen haben slawische Namen wie Milobrat in ein der deutschen Zunge geläufigeres „Mühlbrett“ und Sigrun in „Seegrün“ verwandelt.

Die ersten deutschen Familiennamen breiteten sich vom Südwesten her über das gesamte Sprachgebiet aus. Mit der Entwicklung der mittelalterlichen Städte und der zunehmenden Bevölkerungsdichte wuchs auch die Bedeutung von Nachnamen. Wusste in der überschaubaren dörflichen Gemeinschaft jeder, wer der Hans war und wo er wohnte, mussten die Städter unterschiedliche Träger desselben Vornamens auseinanderhalten. So sprachen sie vom „kleinen Hans“, vom „Hans beim Kirchhof“ oder „Hans am Bach“. Viele deutsche Familiennamen beruhen auf solchen Beschreibungen körperlicher Eigenschaften (Klein, Dürr), der Wohnumgebung (Kirchhof, Backhaus) oder einer natürlichen Besonderheit (Bachmann, Talmann). Mit der Einführung der Standesämter Ende des 19. Jahrhunderts, der Festschreibung und Vererbung der Namen war die Namensbildung abgeschlossen.

Namen als Stein des Anstoßes

Der Name Goethe ist vermutlich von einer Kurz- oder Koseform eines Vorfahrens namens Gottfried abgeleitet. Foto: Norbert Speicher © iStockphotoSeitdem nimmt ihre Vielfalt ab. Manche Namen sterben mit ihren Trägern aus, andere werden bewusst abgelegt. Etwa 12.000 Menschen pro Jahr ändern in Deutschland ihren Namen, weil er ihnen zu beliebig, zu lächerlich oder zu vulgär klingt. Doch „Namen, die auf den ersten Blick obszön wirken, sind es meistens gar nicht“, weiß Judith Schwanke. Das gilt auch für den Familiennamen Ficke. Darin steckt das alte mittelhochdeutsche Wort „Ficker“ für „Tasche“ beziehungsweise die Handwerksbezeichnung „Taschenmacher“. Weil diese jedoch in Vergessenheit geraten und heute die tabuisierte Bedeutung im Sinne von „Geschlechtsverkehr haben“ viel präsenter ist, können die Träger dieses und ähnlich unbeliebter Namen mithilfe eines psychologisches Gutachtens einen Namenswechsel beantragen.

Keinerlei Anlass dafür hatte der berühmteste deutsche Dichter und Namenspatron des Goethe-Instituts. Sein vermutlich von einer Kurz- oder Koseform eines Vorfahrens namens Gottfried abgeleiteter Familienname Goethe verweist auf eine bürgerliche Herkunft. 1782 wurde er in den Adelsstand erhoben – und durfte sich seitdem „von“ Goethe nennen.

Literatur: 

Duden Familiennamen: Herkunft und Bedeutung von 20.000 Nachnamen. (Bibliographisches Institut, Mannheim, 2005)

Christiane Polus
arbeitet als freiberufliche Journalistin in Hamburg.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
März 2012

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