Der Berliner Mauerstreifen als Denkmalort
Der Gedenkort Berliner Mauer weist verschiedene Bedeutungsebenen auf. Einerseits erinnern zahlreiche Einzeldenkmäler an die Opfer der deutschen Teilung; andererseits ist der Verlauf der Grenzlinie ein einzigartiges Denkmal deutscher Geschichte schlechthin. Angesichts der Bedeutung, die die Mauer sowohl hinsichtlich ihrer faktischen Trennfunktion als auch als unübersehbares Zeichen der Konfrontation antagonistischer Gesellschaftssysteme hatte, ist es irritierend, wie wenige Oberflächenspuren der Teilung heute noch unmittelbar erlebbar sind. Unabhängig von sozialen und mentalen Differenzen zwischen Ost und West scheint die einstige städtebauliche Wunde zwischen Ost und West heute weitgehend verheilt. Die sichtbare Erinnerung an die Mauer existiert nur noch selten.
Löschen der Mauerspuren
Unmittelbar nach der Maueröffnung im November 1989 begann der Mauerabbau, der teilweise unter Einbeziehen der Bevölkerung als politisches Event gefeiert wurde. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung war es erklärter politischer Wille - neben der Schaffung der politischen und wirtschaftlichen Einheit - auch so schnell wie möglich den zerrissenen Berliner Stadtkörper wieder zu vereinen. Dies galt vor allem für prominente Orte wie den Pariser Platz am Brandenburger Tor, den Bereich des Spreebogens am Reichstag oder den Potsdamer Platz. Durch verdichtete Neubebauung sollte dort nicht nur an die Vorkriegsbedeutung dieser Orte angeknüpft, sondern vor allem auch der Überwindung der Teilung Ausdruck verliehen werden. An eine Denkmalwürdigkeit des Mauerstreifens dachten zunächst nur wenige Politiker und Intellektuelle. Bis auf wenige Reste war die Grenzlinie bereits nach wenigen Jahren vollständig aus dem Stadtbild verschwunden. Lediglich drei größere Bereiche blieben im innerstädtischen Gebiet erhalten: Mauerfragmente entlang der Bernauer Straße, an der so genannten „East Side Gallery“ sowie im Bereich der „Topographie des Terrors“ entlang der Käthe-Niederkirchner-Straße.
Mauer-Gedenkorte
Bereits vor 1989 gab es auf der Westseite der Mauer eine größere Anzahl von Gedenkorten, die auf das Schicksal von Maueropfern hinwiesen. Eine Reihe von Gedenkkreuzen weisen beispielsweise bis heute in der Nähe des Reichstagsgebäudes auf das Schicksal von DDR-Bürgern hin, die auf der Flucht von Ost nach West ihr Leben gelassen haben. Ebenfalls bereits vor 1989 wurde nahe dem Alliierten-Grenzübergang Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße ein privat geführtes Mauer-Museum gegründet. Nach der Wende wurde im Bereich der Bernauer Straße ein Dokumentationszentrum Berliner Mauer eingerichtet, das neben einer historischen Ausstellung auch einen Blick von einem Aussichtsturm auf den in diesem Gebiet noch gut nachvollziehbaren Mauerstreifen ermöglicht. Gegenüber dieser Dokumentationsstätte findet sich seit 1998 die Gedenkstätte Berliner Mauer, die von den Stuttgarter Architekten Kohlhoff und Kohlhoff entworfen wurde. Dort hat man ein kurzes Stück der Grenzlinie einschließlich Westmauer, Hinterlandmauer und des dazwischen gelegenen Todesstreifens rekonstruiert. Beide Gedenkstätten wurden von staatlicher Seite angeregt. In Nachbarschaft zu dieser Gedenkstätte wurde 2000 die Versöhnungskapelle nach einem Entwurf der Berliner Architekten Reitermann/Sassenroth geweiht. Die Kapelle, deren Bau von der kirchlichen Gemeinde in die Wege geleitet wurde, steht auf dem Grundstück der historischen Versöhnungskirche, die in den 1980-er Jahren im Zuge des Grenzausbaus abgerissen wurde. In dem kleinen ovalen Bau aus Lehm und vorgelagerten Holzlamellen werden sowohl Erinnerungen an den zerstörten Kirchenbau als auch an den Grenzstreifen wachgerufen. Am Checkpoint Charlie wurde 1998 eine Installation nach einem Entwurf von Frank Thiel eingerichtet, die auf der Vorder- und Rückseite einer großen Tafel jeweils das Photo eines Sowjet-Soldaten bzw. eines US-amerikanischen Soldaten zeigt und damit an die Konfrontation der Supermächte im Kalten Krieg erinnert.
Zeichen des Mauerverlaufs
All diese künstlerischen Interventionen bleiben jedoch lediglich punktuell im Stadtraum, während der größte Teil des ehemaligen Grenzverlaufes heute kaum mehr auszumachen ist. Eine Idee vom Anfang der 1990er Jahre, den Grenzstreifen als durchgehende Grünzone einzurichten, wurde lediglich an wenigen Stellen realisiert. Zu ihnen gehört der „Mauerpark“ zwischen den Bezirken Prenzlauer Berg und Wedding. Eine weitere prominente Grünzone ist auf dem Grenzstreifen zwischen Kreuzberg und Mitte entstanden, wo eine historische Gartenanlage auf dem Gelände des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals rekonstruiert wurde. Den bis heute wohl konsequentesten Versuch, die Erinnerung an den Verlauf der Mauer wach zu halten, bilden verschiedene Markierungen, die auf zahlreichen Berliner Straßen eingelassen wurden. Ein Kupferband beziehungsweise eine doppelte Reihe von Pflastersteinen weisen den aufmerksamen Spaziergänger auf die ehemalige Grenze hin und versuchen auf subtile Art, als Erinnerungszeichen eine Auseinandersetzung mit einem mittlerweile weitgehend unsichtbar gewordenen Gedenkort anzuregen.

Die Debatte über den Umgang mit dem Berliner Mauerstreifen und damit mit dem Gedenken der Opfer der deutschen Teilung hatte spätestens 2004 zur 15-jährigen Wiederkehr des Mauerfalls durch eine Reihe von Initiativen eine zusätzliche Aktualität gewonnen. Alexandra Hildebrandt, die Leiterin des privat geführten Museums Haus am Checkpoint Charlie, ließ 2004 in der Nähe - allerdings nicht am authentischen Ort - des ehemaligen Grenzstreifens am Checkpoint Charlie einen Abschnitt der Mauer wieder errichten und ergänzte die Installation durch die Aufstellung von Gedenkkreuzen für die Opfer der Teilung. Hildebrandts Aktion wurde als temporäre Kunst-Installation durch den Berliner Senat bis zum Ende des Jahres 2004 genehmigt, provozierte jedoch außerordentlich kontroverse Kommentare. Zahlreiche Kritiker beanstandeten den Mangel an Authentizität sowie den stark emotionalisierenden Charakter der Aktion.
Übergreifendes Gedenkstättenkonzept
Andererseits wurde durch die mittlerweile wieder abgetragene Installation das Manko einer stringenten Gedenk-Konzeption zur deutschen Teilung offensichtlich. Der Berliner Kultursenat nahm dies 2004-05 zum Anlass, einen Grundsatzplan zu entwickeln, der die unterschiedlichen Geschichtsspuren und die bereits vorhandenen Denkmalinszenierungen zur Berliner Mauer verknüpfen und in ein übergreifendes Gedenkstättenkonzept integrieren soll. Das schließlich 2006 beschlossene Gesamtkonzept zur Gedenkstätte Berliner Mauer sieht vor, den Schwerpunkt vor allem im Bereich der Bernauer Straße weiter zu entwickeln. Die hier, neben dem Mauer-Denkmal, auf einigen Abschnitten noch erhaltenen originalen Mauerreste sowie die Brachflächen des Grenzstreifens werden langfristig gesichert und sollen nicht bebaut werden, so dass die durch den ehemaligen Grenzstreifen bedingte, quer durch die Stadt laufende Zäsur sichtbar erhalten bleibt. Darüber hinaus werden jedoch auch die dezentralen Erinnerungsorte in das Konzept mit einbezogen, etwa durch Gedenkinstallationen und Informationstafeln in den Bereichen Brandenburger Tor, Potsdamer Platz, Topografie des Terrors und an zahlreichen weiteren Orten. Auch am Checkpoint Charlie, wo heute bis auf weiteres eine umfangreiche Dokumentationsausstellung zu sehen ist, soll weiterhin ein Gedenkort erhalten bleiben, allerdings bleibt abzuwarten, wie dies im Rahmen einer zukünftigen Bebauung des Ortes gestaltet werden soll.Erinnerung an die Mauer nachhaltig stärken
Doch auch außerhalb der Innenstadt soll die Erinnerung an die Mauer präsent bleiben. Ausgeschilderte Wander- und Radwege folgen dem Verlauf des Grenzstreifens und machen die ehemalige Demarkationslinie, die in weiten Teilen der Stadt mittlerweile nicht mehr sichtbar ist, nachvollziehbar, auch ein weiterer Ausbau der Markierungen durch Pflastersteine und Kupferband sind vorgesehen. Eine im Sommer 2008 gegründete Stiftung wird die Gedenkstätte Berliner Mauer gemeinsam mit dem Erinnerungsort Marienfelde, dem ehemaligen Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge und Ausreisende, betreuen, doch auch die zahlreichen weiteren, privaten Initiativen zur Erinnerung an die Mauer sollen nachhaltig gestärkt werden.ist Kunst- und Architekturhistoriker
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November 2005 (Aktualisiert Juli 2008)





Breitband, 13:52 Min.




