Sexualisierte Mädchen und machohafte Siegertypen – Geschlechterbilder im Kinderfernsehen

Kinderfernsehsendungen und -filme gehören zum Alltag von Kindern und prägen ihre Weltbilder. Sie prägen auch ihre Vorstellungen davon, was es heißt, ein Mädchen oder ein Junge, ein Mann oder eine Frau zu sein. „Und dann hat mir der Film gesagt, in mir steckt noch was Besseres“,
erzählt die 10-jährige Leonie über den Kinofilm Die Wilden Kerle und die Fernsehserie Disneys große Pause. „Ich weiß jetzt, dass das eben auch Mädchen machen dürfen, und nicht nur Jungs.“
Wie Leonie erfahren hat, können vielfältige, zukunftsweisende Geschlechterbilder in Film und Fernsehen Perspektiven eröffnen. Leider ist das im alltäglichen Fernsehangebot jedoch nicht der Fall. Dies zeigen die Ergebnisse des aktuellen Forschungsschwerpunktes „Gender in Children’s TV“ des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) und der Stiftung Prix Jeunesse. In Kooperation mit über 30 international renommierten Kollegen und Kolleginnen wurde in diversen Studien der Frage nachgegangen, welche Bilder Kinderfernsehen anbietet und wie Mädchen und Jungen damit umgehen.
Mädchen sind im TV weltweit deutlich unterrepräsentiert
In der weltweit größten Medienanalyse zum Kinderfernsehen wurden rund 26.500 Hauptfiguren aus dem alltäglichen fiktionalen Kinderfernsehen in 24 Ländern unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: 68 Prozent aller Hauptfiguren sind männlich und nur 32 Prozent sind Mädchen- oder Frauenfiguren. Im für das Kino produzierten Kinder- und Familienfilm ist das Verhältnis sogar noch schlechter, hier sind nur 28 Prozent aller sprechenden Charaktere weiblich. Aber nicht nur die Quantität ist zu kritisieren: Viele Mädchen- und Frauenfiguren verharren in althergebrachten Klischees vom zuarbeitenden Weibchen, dem konsumverhafteten Luxusgeschöpf oder der schönen Prinzessin, die auf ihre Errettung wartet. Es gibt schon auch die erfreulichen Ausnahmen der starken und komplexen Mädchen. Sie heißen Bibi Blocksberg, Hexe Lilli, Pippi Langstrumpf oder auch Kim Possible, doch leider bleiben sie mit knapp 10 Prozent aller Sendungen die Ausnahme im Programm. Dabei wären sie, wie das Zitat von Leonie zeigt, doch so wichtig.
Wespentaillen und viel zu lange Beine


Bei den Zeichentricksendungen – und diese dominieren mit 84 Prozent aller Sendungen weltweit das Kinderfernsehen – zeigt sich ein besonders problematischer Trend: Zwei von drei Zeichentrickmädchen haben derart lange Beine und eine Wespentaille, wie sie nicht einmal durch eine Schönheitsoperation zu erreichen wäre. Die vielkritisierte Körperform der Barbie wird hier um einiges unterschritten.
Dies ist eine Sexualisierung der Mädchen- und Frauenfiguren, die aus Erwachsenenfantasien der meist männlichen Zeichner entspringen, die Kindern übergestülpt werden. Das Ergebnis: Mädchen erleben ihren eigenen Körper von Anfang an als defizitär, und Sexualisierung wird bereits für Vorschulmädchen zur Norm.
Kinder selber bevorzugen diese sexualisierten Zeichentrickfiguren nicht, wie ein repräsentativer Test sehr deutlich ergab. 1.055 Kinder im Alter von 3 bis 12 Jahren bewerteten verschiedene Varianten von Zeichentrickfiguren. Sie präferierten eindeutig weibliche Charaktere mit Kinderkörpern. Ein Punkt, der sich auch in den über 2.000 Bildbriefen aus aller Welt deutlich wiederfand, in denen Kinder Fernsehverantwortlichen schrieben, was sie daran stört, wie Mädchen und Jungen im Fernsehen dargestellt werden.
Neue Wege für Jungen gesucht


Reflexionsbedarf besteht aber nicht nur bei den Mädchen- und Frauenfiguren, sondern auch bei den männlichen Figuren. Hier dominieren Klischees von machohaften Siegertypen oder lustigen Losern, die sich daneben benehmen und dennoch am Ende die bewunderten Helden sind. Beide Bilder sind für Jungen attraktiv, aus pädagogischer Sicht aber problematisch. Insbesondere dort, wo reale Vorbilder im täglichen Leben fehlen, entfalten die Geschlechterrollen der Medien große Wirksamkeit. Ziel muss es daher sein, die einseitig stereotypen Figuren zu erweitern. Das heißt, der ewig aktive Held braucht auch eine Zeit zur Reflexion, der einsame Held muss auch irgendwo seine soziale Eingebundenheit haben, sonst wird er dauerhaft weder frei noch gesund bleiben. Lustige Loser werden Anerkennung dauerhaft nur dann bekommen, wenn sie auf ihre Art beweisen und sich trotz allem bemühen. Es sind Formen des Ausbalancierens modernen Mann-Seins, bei denen es nicht darum geht, die männlichen Figuren zu depotenzieren, sondern sie um weitere Aspekte von Männlichkeit zu erweitern.
Mehr Gender-Sensibilität ist gefragt
Mit diesen Ergebnissen aus der Forschung wird deutlich: Es bleibt noch sehr viel zu tun, denn insgesamt sind die Bilder von Mädchen und Jungen im Kinderfernsehen und Kinderfilm in weiten Bereichen ausgesprochen stereotyp. Es gibt sie, die lobenswerten Ausnahmen der Wilden Hühner und Kerle, der Pippi Langstrumpfs und Bibi Blocksbergs. Doch die Ausnahmen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass dringend eine Gender-Sensibilität gefragt ist, die das Ungleichgewicht wahrnimmt und verändert, die hilft, althergebrachte und überkommene Stereotype zu vermeiden. Literatur zum Thema
Smith, S. L. (Annenberg School for Communication); Cook, Crystal A. (The Geena Davis Institute on Gender in Media):
Gender Stereotypes: An Analysis of Popular Films and TV. S. 12-23
Alle anderen Artikel in TelevIZIon 2008/E. Mehr Informationen und Guidelines für mehr Gender-Sensibilität unter
www.IZI.de.
Smith, S. L. (Annenberg School for Communication); Cook, Crystal A. (The Geena Davis Institute on Gender in Media):
Alle anderen Artikel in TelevIZIon 2008/E. Mehr Informationen und Guidelines für mehr Gender-Sensibilität unter
Dr. phil. Maya Götz
ist Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk und des Prix Jeunesse International, leitende Redakteurin der TelevIZIon und Lehrbeaufragte unter anderem an der Hochschule für Fernsehen und Film HFF München.
ist Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk und des Prix Jeunesse International, leitende Redakteurin der TelevIZIon und Lehrbeaufragte unter anderem an der Hochschule für Fernsehen und Film HFF München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de









